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Anja Kampmann: "Der Hund ist hungrig"

Buchkritik

Leipziger Autorin Anja Kampmann veröffentlicht neuen Lyrikband

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Stand: 15. März 2021, 04:00 Uhr

Leipzig ist für Anja Kampmann ein bedeutsamer Ort. In ihrem heutigen Wohnort studierte sie am traditionsreichen Literaturinstitut, hier gewann sie 2013 den MDR-Literaturpreis. 2018 war die gebürtige Hamburgerin für ihren Roman "Wie hoch die Wasser auch steigen" sowohl für den Preis der Leipziger Buchmesse als auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. Nun hat die brillante Poetin einen neuen Gedichtband mit dem Titel "Der Hund ist immer hungrig" veröffentlicht.

Erinnerungen sind ein Pfund, mit dem sich dichterisch wuchern lässt. Für Anja Kampmann bedeuten Flashbacks eine Quelle enormer Produktivität. Ihre jüngsten Poeme strotzen nur so von Rückblenden in die Vergangenheit, entbehren dabei aber jeglicher Melancholie. Vielmehr verkörpern sie einen berauschenden Bilderteppich, in dem sich Erlebnisse ihrer Jugend wie in einem Prisma brechen:

In meiner Klassein meiner klasse sitzt der sohn des schweinebauern
es saßen andere söhne. viele hatten acker, rüben
eine schwäche für feuerlöschen, oder schreckschuss
dennoch: die apfelbäume blühten
die nächte noch kühl
so auch das bier die mädchen die süßen
parfum vanille im dunkeln
die apfelbäume blühten flächen gähnten
unter niedrigem ersten korn
...

Autobiografisch mit falschen Fährten

Es mutet verführerisch an, solche Strophen 1:1 als Momente aus Anja Kampmanns privatem Dasein zu interpretieren. Immerhin wuchs die Autorin im niedersächsischen Lüneburg auf, einer ehemaligen Hansestadt, umgeben von Dörfern mit Feldern und Höfen. Natürlich besuchten dort Kinder der Landwirte die Schule, von denen in ihren Texten die Rede ist. Aber die Künstlerin beherrscht die Methode der Verfremdung. Sie legt falsche Fährten und praktiziert diese Technik grandios. Eindrucksvoll tut sie das in einem Text, der von Pubertierenden berichtet, die nicht unbedingt ihrer eigenen Generation entstammen müssen:

Sie aßen je zwei CamembertZu irgendeiner Soap
Die jeden Abend über unseren Bildschirm flimmerte
Was wussten wir, wie lang das Leben währt
Vorortflimmern, der Lidschatten blau
Tanga, Gummibärchen, Disko
Irgendwo, wo keiner sah
Dass Bauchfell und die inneren Organe
Diese ganze Last Leben
Skybooster
Die Namen von Typen
Also das grelle Lichter über einem Dorf
Das rings die Vögel irritiert
man brauchte irgendwas.

Lyrikerin Anja Kampmann Bildrechte: IMAGO

Konsequent beharrt Anja Kampmann darauf, dass literarische Arbeiten nicht zwangsläufig der Biografie des Verfassers entspringen. Damit plädiert sie für das Fiktionale und für die Rolle der distanzierten Beobachterin. In diesem Punkt ähnelt sie Franz Hessel, einem bedeutenden Lyriker des frühen 20. Jahrhunderts, der durch seine Wohnorte streifte und registrierte, was sich dort ereignete. Wenn auch unbewusst, inspiziert Anja Kampmann in dessen Tradition den Alltag:   

Der LottoshopDie sauren Tiere
Die Molle noch vor leeren Straßen
Flipperbude, Güterzüge
Die einzigen Banditen
Sind die Tage, ist das Sehnen
Unbestimmt, als gäbe es ein Glück
In weiter Ferne
Zahlen, die dich meinen
Wahrscheinlicher, als nur ein Abend
Der dich kennt
Ich binde meinen Pinscher draußen an
Stocher im Quadrat mit Kreuzen
Nach einem Hinweis auf das große Leben
diesen Lottoshop umrahmt.

Unterschwellige Leidenschaftlichkeit

Bei aller Sachlichkeit der Perspektive gönnt Anja Kampmann sich ab und an Momente tiefer Emotionalität. Ein ausladendes Liebesgedicht, das ihren Band abrundet, bezeugt diese unterschwellige Leidenschaftlichkeit imponierend:

Ich schreibe ein LiebesgedichtUnd es gibt kein Außen
Zu diesem Gedicht
Uns gibt es
In den Berührungen
Die am weitesten entfernt sind
Von den Straßen
In Häusern, die an diesen Straßen stehen
Wir teilen uns einen Stuhl
Der knarzt, früh am Morgen
Steinstufen dampfen
Nach einem langen Regen
Ich lese ein Liebesgedicht
Ein zerschnittener Drahtzaun
zu einem Waldstück mit jungen Bäumen.

Anja Kampmanns ästhetische Virtuosität fußt auf Ungezwungenheit. Die Schriftstellerin brilliert nicht mit Eruptionen von Metaphern, sondern besticht durch einen natürlichen, unkomplizierten Stil, der es erlaubt, ihre Gedanken bis in tiefe Schichten hinein zu sondieren. Dass am Ende trotzdem ein Rest an Geheimnis bleibt, ist den fehlenden Worten zwischen den Zeilen zu verdanken.   

 Angaben zum BuchAnja Kampmann: "Der Hund ist immer hungrig"
erscheint am 15. März 2021 im Hanser Verlag
ISBN: 978-3-44626-753-4
120 Seiten, 20 Euro

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. März 2021 | 06:15 Uhr