"... im fliegenden Wechsel" Oelsnitzer Autorin erzählt erschütternd von Existenzängsten unter Akademikern

Das Buch "… im fliegenden Wechsel" ist das dritte literarische Werk der in Oelsnitz geborenen Ethnologin Anna Sperk. 2018 wurde die Autorin mit dem Klopstock-Förderpreis ausgezeichnet. Auch in ihrem neuen Band erzählt sie aufwühlend von der Lebensrealität des akademischen Prekariats. Die Figuren sind unterbezahlte promovierte Frauen, Wissenschaftler-Ehepaare ohne Geld und Alleinerziehende auf Jobsuche. Für alle gilt: Scheitern ist keine Option.

Schon die erste Erzählung "Prekäres Verlangen" aus dem Buch "… im fliegenden Wechsel" macht klar: die Autorin Anna Sperk kennt sich aus in den Atmosphären von Universitäten und Arbeitsämtern. Sie erzählt von Dingen, die genau so passiert sein könnten – von Schicksalen, die uns bekannt vorkommen.

Akademikerin, alleinerziehend, arbeitssuchend

Die Figur Juliane Katz, kurz Jule, hat es geschafft: Nach einem erfolgreichen Studium und mit zwei Söhnen arbeitet sie als Ergotherapeutin und bewirbt sich in einer Klinik. Das Bewerbungsgespräch führt Johann Bergholz. Dieser erinnert sich sehr gut an Jule, die ihn vor 20 Jahren bei einer zufälligen Begegnung in einem Abrisshaus umarmte – und das am Tag vor einer Operation, bei der er seine Mannhaftigkeit mit großer Wahrscheinlichkeit verlieren würde.

Zitat aus "... im fliegenden Wechsel" Es dauerte eine Weile bis er begriff. Juliane Katz, das Mädchen von damals. Und sie erinnerte sich an die schlimmste Situation seines Lebens. Zum Glück, sagte er sich, ohne sich an ihn zu erinnern. Für sie war er einfach ein Kollege und er war ihr ein Fremder geblieben, dem sie einmal zufällig begegnet war. Aber warum hatte sie ihn nicht vergessen? Johann würde sie nicht danach fragen können, ohne sich zu verraten. Und das wollte er nicht.

Jule wird eingestellt und Johann, der sich seine Gefühle für sie nicht eingestehen kann, beginnt alles dafür zu tun, die Ergotherapeutin wieder loszuwerden. Es wird denunziert, ausgespäht und auf Hierarchien gepocht. Johann will Jule rausekeln und sie gleichzeitig in seiner Nähe haben. Eine Ambivalenz, die Leben, Nähe, Wärme auffrisst.

Anna Sperk erzählt Geschichten von Macht und Mobbing

Um Macht und Mobbing in prekären Verhältnissen geht es auch in der Geschichte "Gerangel im Prekariat". Auch hier wähnt sich der Leser so nah an der Realität, dass der literarische Text auf der Strecke zu bleiben scheint. Es wird klar: Ganz unten sind die Kämpfe um die größten Happen besonders hart und selten fair.

An einer Stelle heißt es: "Es hatte sich wieder einmal erwiesen, dass die Sozialarbeit zunehmend zum Auffangbecken von arbeitslosen Akademikerinnen geworden war." Promovierte Frauen werden weit unter ihrem Leistungsniveau eingestellt. Demütigung genug, möchte man meinen. Dazu kommen aber recht neue Methoden, Menschen zu entwürdigen und aus der emotionalen Bahn zu werfen. Anna Sperk macht deutlich, dass nicht die leitende Position den Menschen bestimmt, sondern der Mensch bestimmt, wie diese Position ausgefüllt wird.

Zitat aus "... im fliegenden Wechsel" Wie nützlich hatte es sich erwiesen, dass seine Frau als Berufscoach sich Tag für Tag die Geschichten Gescheiterter anhörte. Jahrelang hatte sie aus dem Nähkästchen geplaudert, wie Menschen in ihrem Berufsfeld mattgesetzt wurden. So ruiniert, dass sie ihr Tätigkeitsfeld wechseln mussten und ihre Beratung benötigten, um herauszufinden, wie sie sich beruflich neu orientieren konnten.

Kritik an neoliberaler Leistungsgesellschaft

Ihre dritte Geschichte handelt von einem Wissenschaftler-Ehepaar: Antonia, kurz Toni, und Lutz sowie ihrer gemeinsamen zwölfjährigen Tochter Svenja. Beide sind promovierte Historiker. Ein Wissenschaftler-Ehepaar, wie es ein Karikaturist nicht besser hätte darstellen können: weltfremd, begabt und im steten Kampf um ihre finanzielle Existenz. So weltfremd aber auch wieder nicht, denn die beiden wohnen aus steuerlichen Gründen nicht zusammen. Es ist möglich, dass sich das Prekariat in Sperks Band an die schlechten Lebensbedingungen gewöhnt hat und – dem Künstler gleich – ein eher bescheidenes Leben führt.

Doch eins will die 1974 in Oelsnitz geborene Autorin, die selbst Ethnologie, Religionswissenschaften, Zentralasienwissenschaften und Informatik studiert hat, dennoch loswerden: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, die uns nur vorgaukelt, jeder könne es schaffen, wenn er es nur wolle. Scheitern ist keine Option. Einer ganzen Generation in Akademikerkreisen, die nicht mehr als einen Monat vorausplanen kann und es dennoch wagt, zu träumen, ein Buch zu widmen, ist da nur konsequent.

Informationen zum Buch Anna Sperk: "… im fliegenden Wechsel. Geschichten aus dem Prekariat"
Erzählungen
Mitteldeutscher Verlag
160 Seiten
12 Euro
ISBN 978-3-96311-398-7

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. August 2021 | 18:20 Uhr

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