"Die Grenzen des Glücks" Was ein Leipziger Autor in den griechischen Flüchtlingslagern fand

Der Leipziger Autor Anselm Oelze legt sein zweites Buch vor, ein langer Essay mit dem Titel "Die Grenzen des Glücks". Kurz nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria im September 2020 ist er nach Griechenland geflogen und hat das Nachfolgelager Kara Tepe besucht. Aus dem Erfahrenen und Reflektierten entstand dieses Buch.

Viele Zelte im neuen Flüchtlingslager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos
Zelte im Flüchtlingslager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos Bildrechte: dpa
Anselm Oelze, Die Grenzen des Glücks, buch, cover 5 min
Bildrechte: Schöffling & Co.

Anselm Oelze legt mit "Die Grenzen des Glücks" einen langen Essay vor. Kurz nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria ist er nach Griechenland geflogen und hat das Nachfolgelager Kara Tepe besucht. Von Tino Dallmann

MDR KULTUR - Das Radio Mi 03.02.2021 06:00Uhr 05:07 min

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Anselm Oelze, Die Grenzen des Glücks, buch, cover 5 min
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Anselm Oelze legt mit "Die Grenzen des Glücks" einen langen Essay vor. Kurz nach dem Brand des Flüchtlingslagers Moria ist er nach Griechenland geflogen und hat das Nachfolgelager Kara Tepe besucht. Von Tino Dallmann

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Es sind Bilder, die um die Welt gingen: Flammen und Rauch steigen über einer langen Reihe von Zelten auf. Das Feuer erleuchtet den Nachthimmel, Menschen laufen schutzsuchend davon. Moria, das größte Flüchtlingslager Europas, brennt. Kurze Zeit später macht sich der Leipziger Schriftsteller Anselm Oelze auf den Weg nach Griechenland.

Er erhält Zutritt zum provisorischen Lager Kara Tepe, das nach dem Brand auf Lesbos errichtet wurde. Was er sah beschreibt er so: "Das Merkwürdige an der Situation war, dass ich gar nicht so sehr erschrocken war von dem, was ich dort sah. Ich konnte mich ziemlich frei und unbehelligt durch das Camp bewegen. Das ist etwas, was andere nicht konnten, zum Beispiel jene, die journalistische Berichte gemacht haben. Aber ich war eher über die eigene Unerschrockenheit erschrocken. Ich fühlte mich wirklich – so habe ich es auch im Buch formuliert – als würde ich in so ein Nachrichtenbild reinfahren."

Das «Unicef-Foto des Jahres» zeigt Kinder, die aus dem brennenden Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos fliehen.
Im Sommer 2020 brannte das Flüchtlingslager Moria Bildrechte: picture alliance/dpa/AFP via Unicef Deutschland

Zerrissenheit der Hilfsorganisationen

Aus den Erlebnissen Oelzes ist ein beeindruckendes Buch entstanden, das zugleich eine literarische Reportage und ein erhellender Essay ist. Der Leipziger Autor verbindet einen bewusst subjektiven Blick mit Studien und Aufsätzen zum Thema.

Er nähert sich dem Geschehen sowohl als Autor als auch als Philosoph und Politikwissenschaftler. Auf diese Weise beschreibt er die schwierige Lage, in der sich die Hilfsorganisationen vor Ort befinden, die auf der einen Seite der Politik unterstellt sind und zugleich mit ihrer Arbeit selbst ein Politikum sind.

Anselm Oelze: "Ettliche sind in der Geschichte im Dunkeln geblieben"
Anselm Oelze Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tun sie nichts, herrschen wieder Zustände wie kurz nach dem Brand. Tun sie etwas, müssen sie sich fragen lassen, weshalb sie nicht noch mehr tun oder längst getan haben.

Anselm Oelze über die Arbeit der Hilfsorganisationen

Mit seinem Buch stellt Oelze die Frage, ob die Zustände an den EU-Außengrenzen zu ändern sind. Er diskutiert die Rolle von Regierungen, aber auch die jedes Einzelnen.

Hinterfragung der eigenen Perspektive

Während der Arbeit am Buch wurde die Flüchtlingsfrage selbst zum Fluchtpunkt für viele Fragen, die ihn umtrieben, erzählt der Leipziger Autor: "Ich merkte, bestimmte Bücher über soziologische Themen spielten da mit rein. Die Frage, wie blickt man selber auf die Welt, welche Rolle und Verantwortung hat man? Wie ist das mit bestimmten Zufälligkeiten, die im eigenen Leben eine Rolle spielen? Das ist etwas, das auch in meinem ersten Roman um Wallace eine Rolle spielte. Das kam da plötzlich alles zusammen."

Anselm Oelze, Die Grenzen des Glücks, buch, cover
Das Cover von Anselm Oelzes Buch "Die Grenzen des Glücks" Bildrechte: Schöffling & Co.

Zugleich zeigt Anselm Oelze die gedanklichen Vorbilder des heutigen Asylrechts auf: Er bezieht sich dabei auf Immanuel Kant, der vor über zweihundert Jahren aus der Endlichkeit der Erdoberfläche und der Annahme, die Erde sei Allgemeinbesitz, ein so genanntes "Weltbürgerrecht" ableitete. Daraus ergab sich nach Kant kein Gastrecht, aber zumindest das Recht, nicht feindselig empfangen zu werden.

In seinem Buch "Die Grenzen des Glücks" übt Oelze den ständigen Perspektivwechsel und leistet so einen Beitrag, um neu über bekannte Probleme nachzudenken. Denn auch er hat erlebt, wie die Diskussionen über Flüchtlingslager nach dem immer gleichen Muster ablaufen: "Das Entree bildet dabei stets die Bestürzung über die Zustände, automatisch gefolgt von einem Kopfschütteln, dass sich ja doch nichts bessere. Aber ganz gleich, wie der Mittelteil aussieht, ganz gleich, wie viele Tanzende auftreten und sich beteiligen, das Ende des Stücks kann mit Sicherheit vorausgesagt werden: Es besteht in einem Schulterzucken und der Feststellung, es seien einem doch die Hände gebunden."

Die Grenzen des Glücks

"Die Grenzen des Glücks" ist ein kluges Plädoyer dafür, gegebene Zustände nicht als unabänderlich hinzunehmen. Anselm Oelze macht in seinem Buch deutlich, dass Landesgrenzen natürlich ein Ausdruck politischer Souveränität sind. Ebenso sind sie aber seit vielen Jahren Teil einer Inszenierung von Souveränität und Kontrolle. Und schließlich zeigt der Leipziger Autor anhand von Beispielen, dass Grenzen neu gezogen werden oder gar verschwinden können.

Das Buch Anselm Oelze: "Die Grenzen des Glücks"
Eine Reise an den Rand Europas
112 Seiten, Klappenbroschur, 15 Euro
ISBN: 978-3-89561-133-9
Schöffling & Co.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Februar 2021 | 08:10 Uhr

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