Preis für Radiokunst MDR-Produktion "Atlas" gewinnt Hörspielpreis der Kriegsblinden

Thomas Köck, Autor, Dramatiker und Musiker 3 min
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Das vom MDR produzierte Hörspiel "Atlas" von Thomas Köck hat den Hörspielpreis der Kriegsblinden, die bedeutendste Auszeichnung für Autoren deutschsprachiger Hörspiele, gewonnen. Damit konnte sich das Stück erfolgreich gegen die mitnominierten Hörspiele "Fünf Flure, eine Stunde", produziert vom Hessischen Rundfunk, Südwestrundfunk und Deutschlandfunk sowie "Einsam stirbt öfter. Ein Requiem" vom Bayerischen Rundfunk durchsetzen.

v-l-n-r.: Dramaturg Steffen Moratz, Autor Thomas Köck und Regisseurin Heike Tauch.
Bei der Preisverleihung: v-l-n-r.: Dramaturg Steffen Moratz, Autor Thomas Köck und Regisseurin Heike Tauch Bildrechte: Hojabr Riahi/Film- und Medienstiftung NRW

Wenn man sich Politikerinnen und Politiker anhört, merkt man, was für eine traurige, absurde Kontinuität in bestimmten globalen Verhältnissen steckt oder welche Machtkontinuität gespeichert ist. Man merkt es auch an diesem verheerenden Rückzug aus Afghanistan, der wurde auch verglichen mit dem Fall von Saigon.

Hörspielautor Thomas Köck über die traurige Zeitlosigkeit seines Themas

"Atlas": Eine ungewöhnliche Perspektive auf die politische Wende 1989

Mai Duong Kieu als "Tochter" bei Aufnahmen zum Hörspiel "Atlas" von Thomas Köck im MDR-Hörspielstudio, Oktober 2020
Mai Duong Kieu als "Tochter" bei Aufnahmen zum Hörspiel "Atlas" Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Im 70-minütigen Hörspiel "Atlas" erzählt Thomas Köck von Arbeitsmigration in den 80er-Jahren, vom Untergang der DDR und von einem Kind, das nach Vietnam reist, um dort seinen Vorfahren nachzuspüren: Kurz nach dem Ende des Vietnamkriegs 1975 floh die Großmutter mit ihrer Tochter als "boat people" aus Saigon. Jedoch kenterte das Schiff und Mutter und Tochter wurden getrennt. Die Großmutter konnte als Kontingentflüchtling von einer Flüchtlingsinsel gerettet und nach Westdeutschland gebracht werden. Später wird sie aus der BRD zurück nach Vietnam kehren. Ihre totgeglaubte Tochter wächst als Adoptivkind auf und wird als junge Erwachsene als Vertragsarbeiterin in die DDR entsandt, die ab 1980 vietnamesische Gastarbeitende aufnahm.

Gekonnt nuanciert der Autor zahlreiche gesellschaftliche Anspielungen und sein Stoff hätte das Zeug zu mehreren Melodramen. 

Die Jury zur Nominierung von "Atlas", Juni 2021

In seiner vietnamesischen Familiengeschichte, die in der DDR und in der Bundesrepublik ihre Spuren hinterließ, verschränkt der mehrfach ausgezeichnete Autor Thomas Köck virtuose Bilder von Bootsflüchtlingen mit hoch aktuellen Wirtschaftsfragen. Mit seinem Hörspiel ist Köck damit eine ungewöhnliche und mitreißende Sicht auf die politische Wende im Jahr 1989 gelungen.

"Dieses Stück ist so wichtig, weil ein Teil meiner Biografie und die Biografie meiner Eltern mit drin steckt", erklärte Mai Duong Kieu, die Sprecherin der Tochter im Hörspiel "Atlas". Sie sei "wahnsinnig froh, dass diese Themen endlich mal so verarbeitet werden, dass es auch viele Leute erreicht, und auch die richtigen erreicht."

Dafür noch einen Preis zu bekommen, das ist nur die Kirsche auf der Sahnetorte.

Mai Duong Kieu, die Sprecherin der Tochter in "Atlas"

Autor Thomas Köck

Thomas Köck, geboren 1986 im oberösterreichischen Steyr arbeitete beim theatercombinat wien, war mit einem Dokumentarfilmprojekt über Beirut zu Berlinale Talents eingeladen, als Hausautor am Nationaltheater Mannheim tätig und bloggt gegen rechts. Für seine Theatertexte wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2018 mit dem Literaturpreis "Text & Sprache" des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft sowie 2018 und 2019 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis. Zuletzt erhielt er den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage NRW.

Thuy Nonnemann als "Mutter" bei Aufnahmen zum Hörspiel "Atlas" von Thomas Köck im MDR-Hörspielstudio, Oktober 2020 70 min
Bildrechte: MDR/Olaf Parusel
Thomas Köck, Autor, Dramatiker und Musiker 18 min
Bildrechte: privat

Im Hörspiel "Atlas" entfaltet Thomas Köck eine komplexe deutsch-vietnamesische Familiengeschichte. Anne Osterloh hat mit dem Autor gesprochen.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 09.11.2020 06:00Uhr 18:13 min

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Hörspielpreis der Kriegsblinden – Preis für Radiokunst

1950 initiierte der Bund der Kriegsblinden Deutschlands e.V. den Hörspielpreis der Kriegsblinden, der seit 1994 von der Film- und Medienstiftung NRW GmbH mitgetragen wird. Bei der Auszeichnung handelt es sich um einen undotierten Ehrenpreis, der jährlich einer Autorin oder einem Autoren für das beste von einem deutschsprachigen Sender im Vorjahr urgesendete Hörspiel verliehen wird. Die Jury besteht aus sieben Kritikern und Kulturschaffenden, sieben Kriegsblinden und steht in diesem Jahr unter dem Vorsitz der Kulturwissenschaftlerin Gaby Hartel.

Angaben zum Hörspiel "Atlas" Produziert 2020
Regie: Heike Tauch
Komponist: Janko Hanushevsky
Produktion: MDR 2020
Redaktion: Steffen Moratz

Sprecher:
Mai Duong Kieu - Tochter
Dan Thy Nguyen - Herr Le
Stephan Grossmann - DDR Funktionär
Thuy Nonnemann - Mutter
Claudia Jahn - Chorstimme

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 18. August 2021 | 06:30 Uhr

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