"Bautzen im Dazwischen" Neues Sachbuch dokumentiert Ende der DDR in Bautzen

Bautzen im Herbst 1989: Als Teenagerin demonstrierte Bettina Renner mit ihren Freunden aus der Kirchgemeinde gegen die kommunistische Tyrannei in der DDR. In ihrem Sachbuch "Bautzen im Dazwischen" dokumentiert sie nun, über 30 Jahre später, die Lebensläufe von Bautzener Bürger*innen in der Endphase des SED-Regimes. Dafür führte die Bautzener Künstlerin viele Interviews und zeichnet so eine packende Chronik über eine "Ära der Lethargie".

Buch Bettina Renner: Bautzen im Dazwischen 4 min
Bildrechte: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig/Johannes Popp
4 min

Bettina Renners Buch "Bautzen im Dazwischen" handelt vom Ende der DDR und dem Aufbruch in eine neue Zeit – hier vorgestellt von Ulf Heise.

MDR KULTUR - Das Radio Do 01.09.2022 12:00Uhr 03:57 min

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Authentizität gilt als Kern von Dokumentationen. Bettina Renners Buch über Bautzen in der Endphase des SED-Regimes bietet dieses hohe Maß an Glaubwürdigkeit. Die Autorin stammt aus der ostsächsischen Kreisstadt. Sie demonstrierte dort im Herbst 1989 als Teenagerin mit ihren Freunden aus der Kirchgemeinde gegen die kommunistische Tyrannei.

Rund 30 Jahre später präsentiert sie jetzt einen Band mit Interviews von Bewohnern der Kommune, die zu DDR-Zeiten verschiedenste Positionen bekleideten. Dazu gehört ihr Vater Herbert, der als Vorsitzender einer Produktionsgenossenschaft zu Wort kommt:

Ich war nicht in der Partei, ich war auch in keinem Verein. Trotzdem sollte ich die Steinmetz-PGH in Bautzen leiten. Eigentlich nur vorübergehend. Aber am Ende habe ich es zehn Jahre gemacht.

Herbert Renner, Vater der Autorin

Auch kleine Aufmüpfigkeiten erforderten Mut

Bettina Renner glorifiziert ihren Vater nicht, weil er zu den klassischen Mitläufern zählte, die sich dem politischen System zwar nirgends anbiederten, es aber andererseits nie fundamental hinterfragten oder boykottierten.

Die Künstlerin Bettina Renner sitzt an ihrem Schreibtisch.
Bettina Renner ist nicht nur Buchautorin, sondern auch Filmemacherin. Bildrechte: Carolin Röckelein

Ähnlich orientierte sich der Fotograf Jürgen Matschie. Er wird von Bettina Renner als Individualist porträtiert, der sich Aufmüpfigkeiten leistete, dabei jedoch nicht mit vollem Risiko seine berufliche Existenz aufs Spiel setzte. Dass selbst geringste Widerspenstigkeiten Mut erforderten, resultiert aus einer Erinnerung des Künstlers: "'Bleibt die Altstadt eine Wohnstadt?', das war 1981 ein Artikel in der Sächsischen Zeitung. Ich habe die Überschrift genommen und den Zerfall der Altstadt in Bautzen fotografisch dokumentiert. Daraus ist eine Mappe entstanden, die heute im Museum in Bautzen liegt."

Clevere Unterwanderung der Zensur

Unter den zirka ein Dutzend Gesprächspartnern Bettina Renners befindet sich Eveline Günther, die noch heute am Deutsch-Sorbischen Volkstheater in Bautzen wirkt. Die bewährte und geschätzte Dramaturgin schildert eindrucksvoll, wie es ihr Team immer wieder clever schaffte, während der Honecker-Diktatur die Zensurmaßnahmen der Behörden zu untergraben.

Die Geschichte ihrer Karriere gleicht einem ständigen Balanceakt zwischen Scheitern und Triumpf: "Schon lange vor der Zeit Gorbatschows hatten wir einen Spielplan, der die Leute ansprach. Plenzdorf zum Beispiel haben wir gespielt. 'Die Legende von Paul und Paula', ein Stück in dem die Stasi vorkam. Dann geschah Tschernobyl, und es gab ein tolles sowjetisches Stück, 'Sarkophag' hieß das und war in der DDR verboten. Das haben wir beantragt, es aber nicht genehmigt bekommen."

Problematische Figuren werden nicht ausgeblendet

Bettina Renner klammerte in ihre Recherchen etliche Personen ein, die keineswegs rundum sympathisch anmuten. Zum Beispiel Frank Hiekel, der sich in Ostdeutschland bei der Volkspolizei hochdiente. Nach der Wende bekleidete er verschiedene Posten als Gefängnisdirektor. Rückblickend räumt er ehrlich ein, dass er in seinen Anfangsjahren nicht gegen die Despotie rebellierte:

Zur damaligen Zeit war ich auf keinen Fall ein Widerstandskämpfer. Ich wollte Karriere machen, das war mein Antrieb. Das ist mir dann ja auch leidlich gelungen, sage ich mal. Hinterfragt habe ich das schon. Ich habe viel mit mir selbst ausgemacht, denn ich wollte meine Familie damit nicht belasten.

Frank Hiekel, Interviewter in "Bautzen im Dazwischen"

Unter dem Strich entpuppt sich Bettina Renners Chronik einer Ära der Lethargie in Bautzen als packend, da sie dem Leser plastische Bilder davon liefert.

Informationen zum Buch Bettina Renner: "Bautzen im Dazwischen – Vom Ende der DDR zum Aufbruch in eine neue Zeit" (Buchreihe des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)
Erschienen bei Evangelische Verlagsanstalt
200 Seiten, 12 Euro
ISBN: 978-3374071081

Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt, Judith Burger

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. September 2022 | 12:40 Uhr