Interview Debatte: Schriftsteller Friedrich Dieckmann verteidigt Jörg Bernig

Die Wahl von Jörg Bernig zum Kulturamtsleiter in Radebeul hat eine Debatte ausgelöst. Kritiker sehen ihn als Vordenker der sogenannten Neuen Rechten. Friedrich Dieckmann verteidigt seinen Schriftsteller-Kollegen. Bernig sei ein ausgezeichneter Autor, er gehöre der Sächsischen und Bayerischen Akademie der Künste an. Und Bernig sei demokratisch gewählt worden, betont Dieckmann. Das habe er in einem Brief an OB Bert Wendsche, der sein Veto gegen Bernig einlegt hatte, klarstellen wollen.

MDR KULTUR: Warum haben Sie den Protestbrief einer Gruppe Kulturschaffender um Uwe Tellkamp unterzeichnet?

Friedrich Dieckmann: Ich habe keinen offenen Brief unterzeichnet, das ist eine Fehlmeldung auf Wikipedia. Ich habe einen persönlichen Brief an den Oberbürgermeister von Radebeul, Bert Wendsche, geschrieben.

Also einen persönlicher Brief, der uns im Wortlaut deswegen auch nicht vorliegt. Aber es stimmt, dass es ein Unterstützungsbrief für Jörg Bernig ist?

Ich habe das Verfahren in Radebeul aus grundsätzlich Demokratie bezogenen Erwägungen für prekär befunden, bevor der Oberbürgermeister diesen Einspruch eingelegt hat. Ich fand es einigermaßen absurd, dass unterlegene Fraktionen in diesem Stadtparlament – bevor die Wahl überhaupt nur veröffentlicht worden war – gegen die vollzogene und gültige Wahl in anderer Weise mobil gemacht haben. In einer Weise, die dazu angetan war, den Ruf dieses ausgezeichneten Autors, der Mitglied der Sächsischen und der Bayerischen Akademie der Künste ist, der in England als Lehrer gearbeitet hat, promoviert in Germanistik ist, also einen solchen Mann von 56 Jahren, einen hervorragenden Lyriker, der auch als Roman-Autor bekannt und geschätzt ist, den also fertigzumachen, indem man Äußerungen, die er inmitten einer tiefgreifenden politischen Krise getan hat, zu entstellen und sie ihm vorzuhalten. Das finde ich ein undemokratisches Verfahren.

Herr Dieckmann, reden wir über Jörg Bernig. Er lebt in In Radebeul, wo er 2013 mit dem Kunst-Preis der Stadt ausgezeichnet wurde. Er gilt aber auch als einer der Vordenker der neurechten Szene, veröffentlicht unregelmäßig in deren Publikationen, darunter im "Tumult"-Magazin oder in der vom Aktivisten Götz Kubitschek verantworteten Zeitschrift "Sezession". Deren herausgebende Organisation wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geprüft. Das scheint zur Biografie des Jörg Bernig genauso dazuzugehören. Warum sind Sie der Meinung, dass er den Platz im Kulturamt einnehmen sollte?

Weil er gewählt ist. Wir haben im Grundgesetz nicht nur die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, sondern auch das aktive und passive Wahlrecht verankert. Jörg Bernig ist in einer geheimen Wahl – aus übrigens 50 Kandidaten und mit zwei Stimmen mehr als die Fraktionen von CDU und AfD zusammen ergeben – gewählt worden. Das sollten die unterlegenen Parteien respektieren und erstmal sehen, was er für eine Arbeit leistet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann wie Bernig als Funktionsträger in seiner Stadt eine polarisierende Kulturpolitik ausüben würde.

Zugleich darf man, wenn man einen Schriftsteller in ein Amt wählt – das geschieht selten genug – nicht erwarten, dass man hier einen stromlinienförmig geglätteten Verwaltungsmenschen bekommt. Das ist ein Risiko, selbstverständlich. Wenn es durch eine ordentliche Wahl verbrieft worden ist, kann man es eingehen. Wenn es schief geht, kann man ihn immer noch abwählen. Aber man sollte ihm nicht schon vorher die politische oder moralische Ehre absprechen.

Sie mahnen also an, die demokratischen Regeln einzuhalten. Es ist aber auch legitim, wenn der Oberbürgermeister jetzt Widerspruch einlegt. Damit werden keine demokratischen Verfahren unterlaufen, sondern er macht von einem bestehenden Recht Gebrauch.

Da haben Sie vollkommen Recht. Wendsche bewegt sich im Rahmen der Gemeindeordnung. Wie gesagt, habe ich meine Äußerungen getan, bevor er diesen Einspruch erhoben hatte. Er hat mir auch einen freundlichen und sachlichen Brief geschrieben, den ich von seiner Seite her selbstverständlich akzeptiere. Allerdings hat sein Einspruch aufschiebende Wirkung. Und wenn es vor dieser Wahl 50 Kandidaten gegeben hat, die dann mit Mühe und Not auch schon unter Geltendmachung dieses Einspruchsrechts des Oberbürgermeisters auf zehn kondensiert wurden, dann sehe ich nicht, wie die Stadt Radebeul in Zukunft einen Kulturamtsleiter bekommen soll.

Warum scheint es unserer Gesellschaft, denjenigen, die da möglicherweise von links scharf protestiert haben, aber auch Ihnen, die Sie diese Proteste schwer aushalten konnten: Warum scheint es uns derzeit so schwer zu fallen, mit solchen Ereignissen wie dem in Radebeul gelassen umzugehen?

Das müssen Sie die fragen, die mit den Regeln, die einer Demokratie erst innere Stabilität geben, nicht richtig umzugehen wussten.

Da gehören Sie nicht dazu?

Es ist eine Indiskretion erfolgt. Die offizielle Bekanntmachung dieser Wahl konnte erst in der nächsten Stadtratssitzung erfolgen. Dem ist man zuvorgekommen, durch eine Mobilmachung. Die unterlegenen Fraktionen haben ihre Standpunkte offenbar regionalen und überregionalen Medien mitgeteilt. Das kann man machen, natürlich. Aber ich finde es nicht förderlich für den Zusammenhalt der Gesellschaft, um den es ja schließlich geht.

Das Gespräch führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2020 | 17:10 Uhr

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