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Szenen aus dem Theaterstück "Bevor wir gehen" – im November 2021 am Theaterium in Leipzig-Grünau zu sehen. Bildrechte: Ulrich Soeder

"Bevor wir gehen"Theaterstück in Leipzig will Geschichten von Frauen ein Denkmal setzen

von Pia Uffelmann, MDR KULTUR

Stand: 12. November 2021, 04:00 Uhr

Sie bangen in Kriegstrümmern um ihre Väter und berichten von traumatischen Erfahrungen in der Wochenkrippe. Das autobiografische Theaterstück "Bevor wir gehen" von den Regisseurinnen Julia Strehler aus Bad Belzig und Lykke Langer aus Leipzig will den Geschichten von Frauen ein Denkmal setzen. Das Stück entstand gemeinsam mit zwanzig Frauen zwischen 14 und 86 Jahren und erzählt ihre ganz persönlichen Erlebnisse. Jetzt ist es am Theatrium in Leipzig-Grünau zu sehen.

Es sind echte, ehrliche und berührende Geschichten, die im Stück "Bevor wir gehen" des Theaters "Ensembles des Augenblicks" erzählt werden – digital auf der Leinwand und real auf der Bühne. Dort reisen insgesamt acht Laiendarstellerinnen zwischen 14 und 86 Jahren aus ganz Deutschland durch die Geschichte von den 30er-Jahren bis 2020 – aus Frauenperspektive.

Sie bangen in Kriegstrümmern um ihre Väter, berichten von traumatischen Erfahrungen in der Wochenkrippe oder freuen sich, wenn sie den Regeln des Tanztees entfliehen können. Man hört von dem Unwillen, zur Beichte zu gehen, von überalterten Erziehungsmethoden und von dem großartigen Gefühl, mit dem Cabrio durch die Welt zu düsen.

Ein Mehrgenerationenprojekt

Das Projekt, in dem weibliche Stimmen aus unterschiedlichen Generationen zu Wort kommen, hat eine Gruppe von Frauen aus Brandenburg im Alter von Ende 60 bis Anfang 80 initiiert. Vor knapp fünf Jahren arbeiteten sie mit Theaterregisseurin und -pädagogin Julia Strehler zu ihrer eigenen Biografie, als die Idee zum Stück entstand.

Szenen aus dem Theaterstück "Bevor wir gehen" – im November 2021 am Theaterium in Leipzig-Grünau zu sehen. Bildrechte: Ulrich Soeder

"Bei der Arbeit mit der Gruppe kamen so viele intensive Geschichten zum Vorschein, dass wir gesagt haben, das ist doch schade, dass die keiner hört", erzählt die Theatermacherin. "Da habe ich gesagt, gut lass uns ein Theaterstück daraus machen, aus dem biografischen Material." Die Gruppe der Frauen, die sich schon lange gemeinsam über ihr Leben austauschen, suchten aber auch den Kontakt zu Frauen anderer Generationen. So wurde daraus dann ein Mehrgenerationenprojekt.

Erzählung mit fiktiven Figuren: Helma und Margret

Schlussendlich haben insgesamt zwanzig Frauen aus drei Generationen ihre ganz persönlichen Erfahrungen in das Projekt einfließen lassen – und zeigen sich verletzlich. Teilnehmerin Katrin Schanze erzählt, sie habe sich am Anfang gescheut, ob sie ihre ganz persönliche Geschichte so präsent machen soll – sei dann aber durch die Arbeit mit der Theatermacherin motiviert worden. "Sie sagte, schreibt das, was euch im Innersten bewegt, schreibt es auf."

Szenen aus dem Theaterstück "Bevor wir gehen" – im November 2021 am Theaterium in Leipzig-Grünau zu sehen. Bildrechte: Ulrich Soeder

Aus der Fülle an persönlichen Erfahrungen durften und mussten die beiden Regisseurinnen Julia Strehler aus Bad Belzig und Lykke Langer aus Leipzig dann auswählen und ein Theaterstück schaffen – das mit realen Erlebnissen, aber fiktiven Figuren arbeitet, wie Lykke Langer erklärt: "Wir haben irgendwann gemerkt, wir brauchen zwei Figuren", erklärt die Leipzigerin. "Da haben wir Margret und Helma geschaffen – diese beiden Frauen begleiten wir durch ihr Leben." Auf der Bühne werden die beiden Hauptfiguren begleitet von weiteren Frauen - mal in Kurzmonologen, mal Rat gebend im Chor, dann in einzelnen Rollen als Freundinnen, Mutter oder Kinder.

Frauengeschichten in Ost und West

Das Publikum folgt Helma und Margret durch ihre Leben dies und jenseits der Mauer – denn die Theatermacherinnen wollten beide Perspektiven erzählen: Ost und West. Im Laufe der Arbeit hätten sie nämlich festgestellt, erzählt Lykke Langer, dass die Biografien der Frauen in Ost und West ab Mitte Ende der 60er-Jahre doch relativ weit auseinandergegangen seien.

Während es für die damals jungen Westfrauen um die Diskrepanz zwischen bürgerlichen Moralvorstellungen und dem Wunsch nach Emanzipation gegangen sei, hätten sich viele Frauen im Osten aufgerieben an dem unglaublichen Spagat zwischen Kinder großziehen, Haushalt bewältigen und dabei voller Berufstätigkeit, berichtet Regisseurin Lykke Langer weiter.

Wahre Gefühle, echte Schicksale

Es sind wahre Gefühle, echte Schicksale, reale Lebensentwicklungen, die auf der Bühne erzählt werden und in ihrer Authentizität berühren – durch das autobiografische Theater. Für Theaterregisseurin Lykke Langer erreicht es Kopf, Herz und Körper.

Ich glaube, dass das autobiografische Theater gerade einen großen Beitrag zur Verständigung und auch Überwindung von Gräben in dieser gespaltenen Gesellschaft leistet.

Lykke Langer, Theaterregisseurin

Das Mehrgenerationenprojekt "Bevor wir gehen" ist ein Theaterstück in dem zwanzig Frauen über ihr Leben, ihr Frausein und ihr Erbe an die kommende Generationen reflektieren – mit Wärme, Witz und Selbstkritik.

Mehr Informationen zum Theaterstück:

"Bevor wir gehen" – Autobiografisches Theater von Frauen zwischen 14 und 86 Jahren
Regie: Julia Strehler und Lykke Langer

Adresse:
Theatrium
Alte Salzstraße 59
04209 Leipzig

Eintritt:
13 Euro, ermäßigt 9 Euro

Termine:
13. November 2021, 20 Uhr
14. November 2021, 16 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2021 | 13:10 Uhr