Kostenfreies E-Book "Erfurt - Die blaue Stadt" – Stadtführer über Geschichte, Wirtschaft und Religion

Erfurt ist mit Mariendom, Petersberg und Krämerbrücke einer der Touristenmagnete in Thüringen. Einen neuen Blick auf das Leben in der mittelalterlichen Stadt eröffnet jetzt der Guide von Forschenden des Max-Weber-Kollegs der hiesigen Uni. Bei einem Spaziergang hatten sie festgestellt, dass sich die Stadt sehr schön durch die blaue Brille sehen lässt: Wie eine Farbe und die Religion zum Faktor für Wirtschaft, Alltag und Stadtentwicklung wurde.

Jörg Rüpke / Centre for Advanced Study Oslo 4 min
Bildrechte: Jörg Rüpke / Centre for Advanced Study Oslo

Was die Stadt blau macht, erkundeten Forschende der Universität Erfurt, in einem kostenfreien E-Book! Sehr unterhaltsam erzäheln sie, wie die Religion, eine Farbe und Stadtentwicklung zusammenhängen.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 18.01.2021 06:00Uhr 04:05 min

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Blau, diese Farbe zieht sich durch das ganze Buch. Es geht um die Färberpflanze Waid, deren Blau Erfurt einst reich machte. Um das blaue Gewand der Jungfrau Maria, die in Erfurt verehrt wurde. Und das Blau der Gera, die sich als Fluss durch Erfurt schlängelt, und schon immer die Lebensader der Stadt war, wie Jörg Rüpke, einer der Autoren, erklärt. Die Idee zum Buch sei bei verschiedenen wissenschaftlich begleiteten Stadtspaziergängen geboren worden.

Religion und Stadtentwicklung

Marienmosaik
Das Marienmosaik im Erfurter Mariendom Bildrechte: imago images / Karina Hessland

Jörg Rüpke ist Professor für vergleichende Religionswissenschaft am Erfurter Max-Weber-Kolleg. Dort forscht er zum Zusammenspiel von Religion und Urbanität – konkret zur Frage, wie Religion die Entwicklung von Städten beeinflusst. Und, andersherum – wie Städte auch Religionen beeinflussen können.

Um die eigene Arbeit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, nahmen er und seine Ko-Autoren Sara Keller und Martin Christ sich eines konkreten Beispiels an – eben der Stadt Erfurt. Im Buch spüren sie nun den Wechselbeziehungen zwischen christlicher und jüdischer Religion und der Stadtentwicklung nach. So erzählen sie etwa, dass neue religiöse Vorstellungen im Mittelalter zum wirtschaftlichen Aufstieg Erfurts beitrugen.

Marienverehrung und Waid-Tradition

Färberwaid
Färberwaid wurde zu einem gefragten Rohstoff. Bildrechte: imago images / blickwinkel

Durch die einsetzende Marienverehrung setzte damals plötzlich ein Run auf die Farbe Blau ein: Das blaue Gewand der Jungfrau Maria musste angemessen dargestellt werden, und mit der Färberpflanze Waid war das möglich. So heißt es im Buch dazu: "Mit der Verbreitung von Blau in den religiösen und politischen Sphären war plötzlich der blaue Farbstoff gefragt. Religiöse Praktiken hatten gemeinsame visuelle und mentale Muster geschaffen, die sowohl die Kulturlandschaft als auch die komplexe städtische Wirtschaft stark beeinflussten. Erfurt mit seiner Waidtradition wurde zu einem unumgänglichen Umschlagsort und damit zu einem dynamischen Marktplatz."

Die Autoren blicken zurück, analysieren Wechselbeziehungen, schildern anhand von Orten, die heute noch im Stadtbild präsent sind, die Geschichte Erfurts. Glücklicherweise bleiben sie dabei nicht auf einer rein wissenschaftlichen Betrachungsebene stehen.

Jörg Rüpke, einer der Autoren von "Erfurt: Die blaue Stadt"
Bildrechte: Jörg Rüpke / Centre for Advanced Study Oslo

Das ist nicht Architektur- oder Wirtschaftsgeschichte. Das ist auch nicht Geschichte von Dogmen oder religiösen Zeugnissen, die gefunden wurden, sondern von Lebensweisen, davon wie Menschen in der Stadt gelebt haben. Das zu rekonstruieren, erfordert eine wissenschaftlich kontrollierte Imagination.

Jörg Rüpke

Fakten und Anekdoten

Collegium Maius - Hauptgebäude der alten Universität Erfurt in den 20er-Jahren
Blick auf die Alte Universität in Erfurt Bildrechte: IMAGO

Das Buch verharrt nicht in Fakten und Fußnoten, sondern geht immer ein paar Schritte weiter. Etwa wenn es um die Blüte der ersten Erfurter Universität geht und das damit einhergehende Studentenleben. Auch eine Assoziation zur Farbe Blau – die Studenten, die gerne mal einen über den Durst tranken und dann eben blau waren. Doch nicht nur das:

Die 'Kneipen' steckten Büschel von Gersten über ihre Türen, um zu signalisieren, dass sie frisches Bier zur Verfügung hatten, was sie zu attraktiven Orten für einen geselligen Abend für Studenten und Bürger gleichermaßen machte. Hier lässt sich eine weitere, weniger wohlschmeckende Verbindung zum blauen Erbe Erfurts nachweisen: Als Urin für die Herstellung von Waid benötigt wurde, durften Studenten und Bürger in einigen der Tavernen, deren Wirte den Urin an die Waidproduzenten verkauften, kostenlos trinken. Wer hätte gedacht, dass Urin ein wertvolles Gut sein könnte?

Das Buch hat in der deutschen Fassung gerade mal 65 Seiten. Fast ein bisschen zu wenig Umfang, um eine an Geschichte so reiche Stadt zu erfassen. Jörg Rüpke schließt nicht aus, dass es irgendwann eine Fortsetzung geben wird. In dieser städtischen Schatzkiste warten bestimmt noch einige Überraschungen.

Eine etwas andere Stadt- und Kulturgeschichte über Erfurt
Bildrechte: Universität Erfurt / Keller, Christ, Rüpke

Angaben zum Buch Sara Keller, Martin Christ, Jörg Rüpke:
Erfurt - Die blaue Stadt
Universität Erfurt
ISBN: 978-3-9818938-1-6
E-Book und PDF, kostenfrei

Die Publikation entstand in der Forschungsgruppe "Religion und Urbanität: Wechselseitige Formierungen", die am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt angesiedelt ist und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 2018 gefördert wird. Wie Urbanität und Religion sich wechselseitig beeinflussen, wird hier vergleichend, vor allem für Europa und Südasien, untersucht. Die Frage wird aber auch im Rahmen von regelmäßigen "City Walks" in Erfurt diskutiert.

Weitere Einladungen zum Stadtrundgang

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Januar 2021 | 06:15 Uhr

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