Erinnerungskultur Gegen das Vergessen: Uni Jena startet Blog mit Interviews von Holocaust-Überlebenden

Wie kann man jungen Menschen heute die Gräueltaten des Holocaust näherbringen, wenn die Zeitzeugen langsam weniger werden? Diese Frage stellt sich in der Vermittlungsarbeit heutzutage. Ein Blog-Projekt der Uni Jena, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung, setzt auf Audio-Interviews, die David P. Boder 1946 mit Holocaust-Überlebenden geführt hat. Boder war ein lettisch-US-amerikanischer Psychologe, der unter anderem in Leipzig bei Wilhelm Wundt studiert hatte.

Friedrich-Schiller-Universität
Die Stimmen der Überlebenden: Am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena startet ein Historikerteam einen Weblog mit Audio-Interviews von NS-Verfolgten aus dem Jahr 1946. Bildrechte: imago images/Schöning

1946. Der Zweite Weltkrieg ist noch nicht lange vorbei, die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen steht ganz am Anfang. In dieser Zeit fasst der Psychologieprofessor David. P. Boder einen Plan: Er möchte wissen, was passiert ist – ungeschönt und aus erster Hand. Er beginnt, überall in Europa Displaced Persons zu interviewen – Menschen, die von den Nazis verschleppt und inhaftiert worden sind. Völlig ungewöhnlich dabei: Boder zeichnet die Interviews auf Drahtton-Spulen auf, so entsteht die weltweit erste Sammlung von Audio-Interviews mit Überlebenden der Shoah.

Interview mit 17-jährigem Holocaust-Überlebenden

Einer von ihnen ist Gert Silberbart, der zum Zeitpunkt des Interviews gerade einmal 17 Jahre alt ist. Er hat Auschwitz und Buchenwald überlebt. Im Interview mit David P. Boder erzählt er: "Dann kamen wir in die einzelnen Baracken, man nahm unsere Namen und Personalien auf, unser Alter, steckte uns in die einzelnen Buchsen." Boder: "Was haben Sie als Ihr Alter angegeben?" Silberbart: "Mein richtiges Alter, 14 Jahre." Boder: "Ja. Nun?" Silberbart: "Wir schliefen dann bis morgens um fünf, morgens um fünf bekamen wir erst ein wenig Kaffee, ein Stück Brot, und mussten uns dann vor den Block stellen, wo uns dieses Strammstehen und diese ganzen Schritte, dieser Marschschritt beigebracht wurden."

David P. Boder mit Studierenden am Illinois Institute of Technology in Chicago, 1949
David P. Boder mit Studierenden am Illinois Institute of Technology in Chicago, 1949. Bildrechte: IIT Chicago, Paul V. Galvin Library

Weitestgehend unbekannte Interviews

Über 100 Interviews hat Boder damals geführt, mittlerweile sind sie in die Bestände des Chicagoer Archivs "Voices of the Holocaust" übergegangen, auf dessen Website man sie unkompliziert anhören kann. Dennoch sind die Gespräche in Deutschland nach wie vor weitgehend unbekannt. Ein Umstand, den Axel Doßmann ändern möchte.

Porträt Axel Doßmann
Historiker Axel Doßmann Bildrechte: Susanne Regener

Der Historiker forscht an der Uni Jena zu Boders Gesprächen, setzt sie in Seminaren ein, weil, wie er sagt, sie neue Perspektiven eröffneten: "Hier sprechen eben auch sehr viele junge Menschen. Die Jüngste war 13 Jahre, als sie von David Boder interviewt wurde. Viele sind 18, 20 und haben ihr Leben noch vor sich. Und müssen aber auch erst mal Fuß fassen. Sie sind "Displaced Persons", entwurzelt. Insofern sind sie wirklich noch auf der Suche, überhaupt Tritt zu fassen in dieser neuen Welt."

Boder schreckt nicht vor Detailfragen zurück

Boders Interviews unterscheiden sich nicht nur beim Alter der Interviewten von denen, die später ab den 70ern mit der Kamera geführt wurden. Sie unterscheiden sich auch im Ton. Boder fragt ohne Rücksicht nach den schlimmsten Details – einfach, weil sie noch nicht bekannt sind. Und die Interviewten antworten mit einer Nüchternheit, die erschreckt: "Sie sind noch sehr viel sichtbarer, erkennbarer, hörbarer traumatisiert. Und ein Effekt dieser Traumatisierung ist gewissermaßen, dass man das Schreckliche an der zu erzählenden Geschichte abspaltet und sich das emotional gewissermaßen gar nicht artikuliert, weil dafür noch gar keine angemessene Sprache gefunden ist."

Gert Silberbarts Interview geht weiter: "Dieser Lagerarzt entschied dann auch wieder durch ein Wink seiner Hand, rechts oder links, links die wanderten in den Gasofen, rechts sie blieben weiter bei ihrer Arbeit." Boder stellt eine Rückfrage: "Was heißt das, sie wanderten in den Gasofen?" Silberbart: "Sie wurden alle sofort gesammelt von der SS." Boder beharrt auf seiner Frage: "Ja, was heißt das, sie wanderten in den Gasofen?" Silberbart: "Selbstverständlich gab es großes Geschrei, denn die Leute wussten alle, wohin sie kamen. Es war nicht das erste Mal, dass solche Situationen vorkamen. Sie kamen dort auf einen Block, alle zusammen unter starker SS-Bewachung und wurden dann meistens am darauffolgenden Tag sofort in Wagen verladen und nach Birkenau und in die Gaskammern gebracht."

Boder-Interviews in Schulen einsetzen

Porträt Lisa Schank
Die Berliner Historikerin Lisa Schank Bildrechte: Lisa Schank

Forscher Doßmann hofft, dass die Boder-Interviews künftig in Schulen eingesetzt werden und dass sie auch in der Wissenschaft mehr besprochen werden. Gemeinsam mit seiner Kollegin Lisa Schank hat er deswegen den Blog ins Leben gerufen, auf dem sie einladen, sich mit den Audio-Inhalten auseinandersetzen. Jede Woche erscheint ein neuer Beitrag, zu Aspekten wie der Mehrsprachigkeit in den Gesprächen, zum Fragestil oder zu den Liedern, die teilweise gesungen wurden. Mitmachen können alle, die sich in Boder hineingehört haben – mit ihren Perspektiven und Fragen zu diesen einzigartigen Zeitdokumenten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2021 | 08:40 Uhr

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