Buchtipp "Die Weggesperrten" Schicksale in DDR-Jugendwerkhöfen: Neues Buch gibt Opfern eine Stimme

Schläge, Drill, Psychopharmaka: Kinder und Jugendliche, die in der DDR als "schwer erziehbar" galten, landeten in Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfen. Es gab sie u.a. in Friedrichswerth (Thüringen), Wittenberg und Burg (Sachsen-Anhalt) sowie Freital und Torgau (Sachsen). Vielerorts wurde versucht, sie mit der "Explosionsmethode" und "schwarzer Pädagogik" umzuerziehen, ihre Persönlichkeiten durch Misshandlungen zu brechen. Noch heute haben viele ehemalige Insassen mit dem Trauma zu kämpfen. Die Autoren Grit Poppe und ihr Sohn Niklas Poppe aus Halle dokumentieren im Buch "Die Weggesperrten" das Leid der Kinder und Jugendlichen – und lassen sie selbst zu Wort kommen.

"Die Weggesperrten" (Buchcover)  5 min
Bildrechte: Propyläen Verlag/Ullstein Buchverlage

Wer nur ein wenig aufmüpfiger war als die übrigen Altersgenossen und wer sich nicht anpassen mochte an starre gesellschaftliche Normen, galt in der DDR rasch als Problemfall. Was das bedeuten konnte, haben viele Menschen auf unterschiedliche Weise erfahren müssen, und zwar schon von jungen Jahren an. Kinder und Jugendliche, mit denen man nicht zurande kam, landeten nicht selten in einem Umerziehungsheim. Die DDR etablierte ein komplexes System solcher Heime mit dem Ziel, renitente Halbwüchsige umzuformen. Über diese Einrichtungen ist mittlerweile Einiges bekannt. Das Schicksal der Insassen will "Die Weggesperrten" nun mehr ins Licht rücken.

"Ich fand die immer hochdramatisch, diese Geschichten, und habe mich gewundert: Warum schreibt das keiner auf?", so die Autorin Grit Poppe. "Es gibt natürlich autobiografische Sachen. Aber im Großen und Ganzen fehlte mir ein Werk, wo diese realen Geschichten aufgeschrieben werden und man auch guckt: Was war in der Bundesrepublik los? Was in der Zeit des Nationalsozialismus mit den 'Schwererziehbaren'?" Genau solch ein Buch hat die Schriftstellerin Grit Poppe nun gemeinsam mit ihrem Sohn Niklas Poppe geschrieben.

Ich fand diese Geschichten immer hochdramatisch und habe mich gewundert: Warum schreibt das keiner auf?

Grit Poppe, Autorin

Schicksale sollen für sich sprechen

Im Zentrum des Buches stehen die Opfer. Deren Erinnerungen haben die beiden Autoren lediglich eine informative Einführung sowie knappe Informationen zu unterschiedlichen Heimtypen vorangestellt. Die Berichte der ehemaligen Insassen über die Zeit in Spezialheimen, Durchgangsheimen und Jugendwerkhöfen sollen für sich sprechen.

Der 1974 im ländlichen Sachsen geborene René Brockhaus findet für die Erschütterung, urplötzlich aus dem bisherigen Alltag gerissen zu werden, und den Schock der Ankunft in einem Spezialkinderheim ein bestechendes Bild:

Aus "Die Weggesperrten":

"Eines Tages, im Sommer 1986, wurde ich aus der Klasse geholt, von mir fremden Menschen aus der Schule geführt und in ein Auto gesteckt. Von der Fahrt weiß ich nichts mehr. Nur, dass mich zwei Männer ins Spezialkinderheim gebracht haben. Ausgestiegen bin ich vor dem berüchtigten Haus 1 in Bräunsdorf. Es war ein heißer Tag, als ich dort ankam, und irgendwie bin ich dort unter der Sonne erfroren."

René Brockhaus über seine Ankunft im Spezialkinderheim 1974

Bestrafungen durch Psychopharmaka und Schläge

Viele derer, die Auskunft geben, haben eine regelrechte Odyssee durch verschiedene Heime hinter sich. Die Berichte ermöglichen Einblicke in einen Alltag, der darauf abzielte, den Jugendlichen jeglichen Eigensinn auszutreiben und sie zu "sozialistischen Persönlichkeiten" zu formen. Dafür waren fast alle Mittel recht. Psychopharmaka gehörten ebenso zum Repertoire der Disziplinierung wie stupider Drill und Bestrafungen durch das Kollektiv.

Im Geschlossenen Jugendwerkhof von Torgau fand das System der Umerziehung seinen schaurigen Endpunkt. Hierher, in ein früheres Gefängnis, kamen die Jugendlichen, die sich trotz aller Schikanen und Drohungen nicht bändigen ließen. Durch Schläge, entwürdigende Leibesvisitationen und Arreststrafen sollten sie gefügig gemacht werden.

Jugendwerkhof Torgau (historische Aufnahme) 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von hohen Mauern umgeben war Torgau der einzige Geschlossene Jugendwerkhof der DDR. "Ehemalige" wie Andreas Freund und Stefan Lauter erzählen, was Torgau bedeutete.

MDR FERNSEHEN Di 12.09.2006 22:05Uhr 04:22 min

https://www.mdr.de/geschichte/stoebern/damals/video90442.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Das kalkulierte Vorgehen, das nach dem russischen Pädagogen Anton Makarenko als "Explosionsmethode" bezeichnet wurde, zielte darauf ab, den Willen und die Persönlichkeit des widerspenstigen Einzelnen überfallartig zu brechen. "Diese Explosionsmethode wurde perfide angewandt", so die Autoren. "Dadurch entstanden auch diese Traumatisierungen letzten Endes. Denn selbst Leute, die nur kurz in Torgau waren, haben heute noch damit zu tun."

Bildergalerie Alltag im Jugendwerkhof Wolfersdorf

Jugendwerkhof Wolfersdorf
Im Frühjahr 1987 bekommt der Berliner Fotograf Thomas Sandberg einen sensationellen Auftrag: Für die "Neue Berliner Illustrierte" (NBI) soll er einen Jugendwerkhof besuchen und erstmals überhaupt einem größeren Publikum zeigen, was bisher hinter dicken Mauern verborgen geblieben ist. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf
"Der Auftrag kam direkt aus dem Volksbildungsministerium", erzählt Sandberg. "Vermutlich musste Ministerin Margot Honecker persönlich ihre Einwilligung gegeben haben." Der Fotograf hat bis zu diesem Zeitpunkt keine genauen Vorstellungen von einem Jugendwerkhof. Er kennt nur die Gerüchte. Von militärischem Drill und politischer Umerziehung ist da die Rede. Er rechnet damit, eine harmlose Einrichtung gezeigt zu bekommen. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf
Gleich nach seiner Ankunft wird er Zeuge einer heftigen Auseinandersetzung zwischen einem Erzieher und einem etwa 15-jährigen Jungen. Der Junge muss sich anschließend vor allen ausziehen, seine Sachen packen und wird in eine Arrestzelle gebracht. Es heißt, er kommt am nächsten Tag nach "Torgau". "Torgau, das ist ein Geschlossener Jugendwerkhof, ein Knast", erklären ihm die Jugendlichen. Von da an weiß Sandberg, hier wird nichts inszeniert. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf
Der Alltag in Wolfersdorf erinnert Sandberg an seine Zeit als Soldat. Der gesamte Tag ist minutiös durchorganisiert. Es gibt Wehrsport und auf dem Weg zum Mittagessen und zur Arbeit wird marschiert. "Wenn wir den Jugendlichen zu viele Freiräume gewähren, bekommen wir nur Probleme", erklärt ihm ein Erzieher. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendlicher in seinem Bett im Jugendwerkhof Wolfersdorf
Erstaunt ist Sandberg vor allem über das Alter der Jugendlichen. Nicht wenige sind noch nicht einmal in der Pubertät, viele von ihnen wirken noch kindlich. Trotz ihrer Hyperaktivität empfindet er die Jugendlichen oft als sensibel und verletzlich. "Sie erinnerten mich an junge Wildpferde, die hier mit Gewalt domestiziert werden sollten", sagt er heute. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf, 1987
Der Artikel mit den Fotos von Thomas Sandberg erscheint noch im gleichen Jahr unter der Überschrift "Hilfe für draußen" in der "Neuen Berliner Illustrierten (NBI)" . Obwohl die Bilder kein Idealbild des Jugendwerkhofs zeigen, werden sie nicht zensiert. Der Artikel soll im Volksbildungsministerium auf Kritik gestoßen sein. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf
Im Frühjahr 1987 bekommt der Berliner Fotograf Thomas Sandberg einen sensationellen Auftrag: Für die "Neue Berliner Illustrierte" (NBI) soll er einen Jugendwerkhof besuchen und erstmals überhaupt einem größeren Publikum zeigen, was bisher hinter dicken Mauern verborgen geblieben ist. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf
Die Pädagogen in Wolfersdorf scheinen sich nach Ansicht Sandsbergs tatsächlich sehr um die Jugendlichen zu kümmern. Sie versuchen etwa, ansprechende Kleidung zu beschaffen und ein interessantes Freizeitangebot anzubieten. Die psychologische Betreuung der Kinder wirkt dagegen mangelhaft. Trotz der offenkundigen seelischen Probleme vieler Insassen gibt es für die mehr als 150 Jugendlichen lediglich einen Psychologen. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf
Zum Schulanfang haben die Lehrer kleine Zuckertüten an einen Baum gehängt. Die Jugendlichen scheinen solche Aufmerksamkeiten nicht gewohnt zu sein. "Nie wieder habe ich jemand eine Tafel Schokolade mit solcher Geschwindigkeit und Gier essen sehen", erinnert sich Sandberg. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendwerkhof Wolfersdorf
Mehrmals pro Woche finden in den Gruppen FDJ-Nachmittage statt. "Rotlichtveranstaltungen" nennen die Jugendlichen das. Viele lassen diese Nachmittage über sich ergehen. Bildrechte: Thomas Sandberg
Jugendliche bei der Pause im Jugendwerkhof Wolfersdorf
Einige Jugendliche berichten Sandberg sogar von Drogenerfahrungen. Zwar wird der Konsum von Zigaretten und Alkohol in den Heimen streng kontrolliert. Aber nachts schnüffeln viele Jugendliche heimlich Klebstoff. Ihre Drogenerfahrungen schildern sie Sandberg wie Heldengeschichten. Bildrechte: Thomas Sandberg
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Auch Stimmen zu "schwarzer Pädagogik" im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik

Grit und Niklas Poppe konzentrieren sich in ihrem Buch auf einschneidende Erfahrungen mit Umerziehungspraktiken in der DDR, die das Leben der Betroffenen über die Heimzeit hinaus geprägt haben. Aber sie wollen überdies verdeutlichen, dass Methoden einer "schwarzen Pädagogik" älter sind und auch andernorts praktiziert wurden.

Sie haben daher ergänzend Stimmen gesammelt, die den Umgang mit unangepassten und randständigen Kindern und Jugendlichen im Nationalsozialismus, aber auch in der Bundesrepublik und der Schweiz dokumentieren. Niklas Poppe, Historiker und Autor: "Es ist allgemein so, dass Kinder und Jugendliche, die unter diesem Stigma 'Schwererziehbarkeit' gelitten haben beziehungsweise dort verortet worden sind, immer wenig Beachtung erfahren haben, unabhängig davon in welcher Zeit."

Geschichten der Opfer müssen präsenter werden

Die Geschichten der Opfer seien durchweg zu wenig präsent, glaubt Niklas Poppe. Dieser zweifellos zutreffende Befund erklärt womöglich am deutlichsten den Wunsch der beiden Autoren, vor allem den Opfern selbst Raum zu geben. Deren sich ähnelnde Erinnerungen dokumentieren das erfahrene Leid, aber auch den Willen zur Selbstbehauptung. Im besten Fall könnte die Stimmensammlung Ausgangspunkt für eine weitergehende Beschäftigung mit dem Heimsystem in der DDR sein.

Über die Autoren

Schriftstellerin Grit Poppe wurde 1964 in Boltenhagen geboren und hat am Literaturinstitut in Leipzig studiert. Die Autorin schreibt Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. In Jugendromanen setzte sie sich bereits mit dem Leben von Heimkindern auseinander. Für den Jugendroman "Weggesperrt" wurde sie vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt von ihr erschienen sind die Jugendbücher "Alice Littlebird" (2020) und "Verraten" (2020) sowie der Roman "Angstfresser" (2020).

Niklas Poppe ist ihr Sohn und wurde 1991 in Potsdam geboren. Er studierte Deutsche Sprache und Literatur sowie Geschichtswissenschaft an der Martin-Luther-Universität (MLU) in Halle und beschäftigt sich als Historiker und Mitarbeiter in Gedenkstätten in Halle, Bernburg und Potsdam mit dem Nationalsozialismus und der DDR-Geschichte. Niklas Poppe lebt in Halle.

Angaben zum Buch Grit und Niklas Poppe: "Die Weggesperrten. Umerziehung in der DDR – Schicksale von Kindern und Jugendlichen"
416 Seiten, Propyläen Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Oktober 2021 | 08:10 Uhr