Buchkritik "Wo wir Kinder waren" Leipziger Autorin legt mitreißenden Roman über Sonneberger Spielzeugfabrik vor

Die Leipziger Autorin Kati Naumann hat wieder einen langen Roman geschrieben, und wieder spielt er in Thüringen. Ging es in ihrem Buch "Was uns erinnern lässt" von 2019 um ein ehemaliges Hotel an der innerdeutschen Grenze, rückt Kati Naumann jetzt mit "Wo wir Kinder waren" die Sonneberger Spielzeugindustrie in den Blick. Eine Buchempfehlung.

500 Seiten Lokalgeschichte, verpackt in einem Roman – Interesse und Geduld muss man mitbringen, um sich auf Kati Naumanns neues Buch "Wo wir Kinder waren" einzulassen. Auf den Einband-Innenseiten ist dann auch ein Stammbaum der Familie Langbein abgedruckt, eine Spielzeug-Dynastie, um die es im Roman geht. Diesen Stammbaum braucht man auch, um sich angesichts der vielen Personen auf den ersten Seiten nicht zu verheddern. Die einzelnen Kapitel springen außerdem zwischen den Zeiten. Die Geschichte beginnt in der Gegenwart und geht dann ins Jahr 1910. Dann in die Gegenwart zurück, dann 1912. Es ist der Enthusiasmus der Autorin, der einen schließlich mitreißt.

Persönliche Erinnerungen an Sonneberg

Kati Naumann
Die Schriftstellerin Kati Naumann Bildrechte: Clementine Künzel

Man merkt, da hat jemand nicht nur einfach einen Roman geschrieben, sondern es steckt mehr dahinter. Kati Naumann, die in Leipzig geboren wurde und dort auch lebt, bekennt, dass Sonneberg ihr Sehnsuchtsort ist. Dort hat sie als Kind viel Zeit bei ihren Großeltern verbracht. Ähnlich wie die Familie Langbein im Buch hat ihr Urgroßvater eine Puppenfabrik gehabt. Es muss für sie traumhaft gewesen sein, neu entwickeltes Spielzeug zu testen. Die Romanfamilie Langbein, so Kati Naumann, ist erfunden, aber doch wieder nicht. Sie steht im Buch stellvertretend für viele Familien in Sonneberg, die Spielzeug herstellten und damit vielen Kindern in aller Welt Freude brachten, während sie selbst in Armut lebten. Auch Kinderarbeit war damals gang und gäbe.

Der lange Weg der Spielzeug-Dynastie

Nachdem Albert Langbein sich mit einer Puppenfabrik selbständig gemacht hat, beginnt ein Aufstieg, der lange anhält. Das beginnt so um 1910, und wie im Vorübergehen nimmt man die Zeitgeschichte mit: Erster Weltkrieg, Inflation, die Hitler-Zeit. Mit Gründung der DDR enden die Glanzzeiten der Fabrik endgültig: erst die Teil-Verstaatlichung, dann Enteignung Anfang der 70er-Jahre.

Kati Naumann beschreibt diese Geschichten mit Leidenschaft. Wen sie damit ansteckt, der wird mitleiden und mitfühlen. Ausführlich beschreibt sie die Versuche, die Fabrik nach dem Mauerfall wiederzubeleben. Urenkelin Eva, hin- und hergerissen zwischen Melancholie und Aufbruchsstimmung, sucht alte Puppenformen und will die Tradition wiederbeleben. Denn immer noch gibt es weltweit Sammler und Liebhaber des alten Sonneberger Spielzeugs.   

Arbeiterinnen der Spielzeugfabrik in Sonneberg in den beim Ankleiden von Puppen, ca. 1950
Arbeiterinnen der Spielzeugfabrik in Sonneberg in den 50er-Jahren. Bildrechte: IMAGO / United Archives

Ein interessantes Stück Thüringer Industriegeschichte

Alles in allem: Daumen hoch. Durch den erzählerischen Trick, dass die Nachfahren durch das Stammhaus gehen, um es zu entrümpeln, heben wir als Leser mit Schicht für Schicht von der Historie und entdecken ein interessantes Stück Thüringer Industiegeschichte. Wie man eine lockige, aber verstrubbelte Haarpracht erst einmal bändigen muss, um deren Schönheit zu erkennen, gelingt es Kati Naumann, eine kleinteilige Historie in einer Familie zu bündeln und anschaulich zu machen.

Cover Kati Naumann: "Wo wir Kinder waren"
Kati Naumann: "Wo wir Kinder waren" Bildrechte: HarperCollins Germany

Angaben zum Buch Kati Naumann: "Wo wir Kinder waren"
Verlag HarperCollins, 2021
Roman, 496 Seiten
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-749-95000-3

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 28. Februar 2021 | 21:10 Uhr

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