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"Über Mauern"Neues Buch: Wie die Kunstszene auf den DDR-Mauerbau reagierte

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Stand: 03. März 2022, 13:13 Uhr

Der Bau der Mauer 1961 trennte Deutschland in Ost und West – und war ein Überraschungscoup der DDR. Künstlerinnen und Künstler brauchten teils sehr lange, um sich mit diesem Ereignis auseinanderzusetzen. Das Sachbuch "Über Mauern. Teilung, Friedliche Revolution und Deutsche Einheit in der bildenden Kunst" des Wittenberger Kultursoziologen Bernd Lindner zeigt nun umfassend, wie der Mauerbau in der Kunst verarbeitet wurde – mit 420 Kunstwerken von 266 Künstlerinnen und Künstlern aus Ost und West.

Am 13. August 1961 stand da plötzlich die Mauer, die zwei deutsche Staaten trennte. Die Künstlerinnen und Künstler auf beiden Seiten der Mauer sollten sich jahrzehntelang mit ihr beschäftigen, weit über den Mauerfall 1989 hinaus. Im öffentlichen Bildgedächtnis zur Mauer sind indessen vor allem dokumentierende Fotos und Filme verankert. Das provozierte den Kulturhistoriker und -soziologen Bernd Lindner, der von 1994 bis zu seinem Ruhestand 2015 Kurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig war.

Beeindruckende, zum Teil unbekannte Kunstwerke

Er legt nun das knapp 400 Seiten starke Buch "Über Mauern" mit 420 Kunstwerken von 266 Künstlerinnen und Künstlern aus Ost und West vor. Es will erstmals zeigen, dass die Thematik der Mauer zu komplex für Momentaufnahmen ist. Die bildende Kunst habe eine unendlich größere Deutungsmacht, was die Fährnisse der Weltgeschichte betrifft.

Auf die Frage, warum viele dieser beeindruckenden Bilder des Buches unbekannt seien, antwortet Lindner, dass sie selten zu sehen waren, nur punktuell in Ausstellungen. Dort seien sie zwar durchaus auch von der Kunstkritik wahrgenommen worden – manche mehr, andere weniger – sie hätten aber nicht genügend Raum gehabt, um ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung oder der Besucher von Ausstellungen zu kommen.

Wandgemälde zur Deutschen Einheit von Fischer-Art in den Brühlarkaden, Leipzig. Bildrechte: IMAGO / imagebroker

"Das zentrale deutsche Thema"

In seinem Buch zeigt Lindner, wie die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tatbestand der Mauer, die in der DDR gerne hochgejubelt wurde, oft um Jahrzehnte versetzt stattfindet. Er sagt: "Das ist das zentrale deutsche Thema. So ein großes Werk malt man nicht am Tag danach, sondern das arbeitet in einem. Und wird dann bei Johannes Heisig 20 Jahre später zu einem Bild." Besonders bei Malern mit Wurzeln in der DDR fällt die Ambivalenz ihrer Mauerbilder auf. Indes gab es auch in der DDR nie ein offizielles Malverbot.

Hachullas Mauerbild "Salome" im Gewandhaus Leipzig

So zeigt Michael Triegels "Adam und Eva im Paradies" von 2008 die beiden in grünstichiger Stimmungslage, apathisch daliegend, von einer Mauer umgeben. Wobei man das "Paradiesgärtlein" im Mittelalter gern als "Hortus conclusus" darstellte, einen bildlich oft hochgeschlossenen Ort, der für die Jungfräulichkeit Mariens stand.

Auf eine einsame Spitze der Vieldeutigkeit hat es wohl der Leipziger Maler Ulrich Hachulla mit seinem Großformat "Salome" von 1980 getrieben, das bereits seit der Eröffnung, 1981, im Leipziger Gewandhaus hängt – und niemand Offizielles erblickte Arges! Unübersehbar sieht man indessen eine Mauer, muss sie aber nicht als "die" Mauer deuten. Wobei die Zeichen eindeutig sind.

Auch dies ist ein bekanntes Motiv der Berliner East Side Gallery. Bildrechte: IMAGO / Peter Seyfferth

Lindner erläutert: "Die Salome tänzelt an einer großen, aus Betonblöcken bestehenden Mauer. Der König sitzt unter einem sehr desolaten Baldachin, aus rotem Stoff. Hinter der Mauer sieht man eine geöffnete Tür; Salome, oder wer auch immer, käme nie dahinter, weil dort bewaffnete Reiter stehen. Und rechts davon – und das fällt natürlich zuerst in den Blick – hat Hachulla eine illustre Gesellschaft von Zeitgenossen vereint, die nicht sehen und nicht hören wollen."

Die beklemmende Enge hinter der Mauer hat dieses Kunstwerk der East Side Gallery eingefangen. Bildrechte: IMAGO / Peter Seyfferth

Umfassender Blick in die Künstlerlandschaft

Natürlich trägt Lindner in seinem Buch nicht nur der Leipziger Schule mit ihren Akteuren Rechnung. Er schaut auf die verschiedenen Jahrzehnte, Landsteile, Ost-und Westdeutschland, Kunstrichtungen, Malschulen sowie die jeweils großen Einzelgänger und ordnet seine Recherche chronologisch. So ist ein ganz besonderes "Who is who" der deutschen Nachkriegskunst entstanden, das zudem das Zeug hat, unsere Sicht auf "die" Mauer, oder Mauern allgemein, zu ändern.

Bildrechte: Bundeszentrale für politische Bildung

Informationen zum Buch"Über Mauern. Teilung, Friedliche Revolution und Deutsche Einheit in der bildenden Kunst"
Von Bernd Lindner
400 Seiten, 7 Euro
ISBN 978-3-8389-7222-0
Verlegt bei der Bundeszentrale für politische Bildung

Kunst und Geschichte

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 03. März 2022 | 12:40 Uhr