Buchkritik Ein ergreifender Shakespeare-Roman über Liebe, Pest und Schicksal

Maggie O'Farrell erzählt in "Judith und Hamnet", wie die Pest das Eheglück von Shakespeare und seiner Frau Agnes zerstört. Eine zu Tränen rührende und doch tröstliche Geschichte über Liebe und Tod in Pandemie-Zeiten, findet unsere Kritikerin.

"Judith und Hamnet"
Bildrechte: imago images / Leemage

Ende des 16. Jahrhunderts in Stratford-upon-Avon, Shakespeares Geburtsort. Dort arbeitet der knapp 18-Jährige als Hauslehrer, doch wir begegnen ihm nicht wie in einer klassischen Biografie, sondern aus der Sicht seiner Frau, Anne Hathaway. Sie ist acht Jahre älter als er, die beiden lassen sich 1583 trauen und werden drei Kinder haben.

Anne Hathaway wurde in der Literatur bisher gern als Schreckschraube dargestellt, vor der Shakespeare jahrelang nach London ans Theater Reißaus nahm – doch hier bekommen wir ein ganz anderes Bild. Agnes, so heißt sie in diesem Roman, ist eine feinsinnige und etwas mysteriöse, sehr kluge Frau, die gebildet ist in Kräuterkunde und im Heilen, schön und selbstbewusst, sogar ein bisschen in die Zukunft sehen kann sie. Stets ist sie mit einem Falken unterwegs, eine weiße Hexe, die den Menschen im Ort hilft, über die aber auch viel getuschelt wird.

Ein bisschen Märchen und sehr viel Zeitkolorit

Maggie O'Farrell beschreibt das elisabethanische England kulinarisch, man wird schier umfangen von den Gerüchen, Geräuschen und Wahrnehmungen dieser Zeit – ohne natürlich genau zu wissen, wie es damals war. Doch die Autorin versteht ihr Schreibhandwerk, das auch eines der Illusion ist, und hat sich etwa einen Kurs in Falknerei geben lassen und sich in der Kräuterkunde gebildet.

Diese Akribie wird aber nicht präsentiert, sondern die läuft unterschwellig und fundamental mit. Auch daran liegt es, dass dieser Roman sofort in eine andere Welt stürzen lässt, in einem kleinen Rausch gelesen werden kann nach seinen über 400 Seiten den Wunsch nach mehr zurücklässt.

Todtraurig und dabei seltsam tröstlich.

Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin, über "Judith und Hamnet"

Liebe und Pest

Maggie O'Farrell: "Judith und Hamnet"
Maggie O'Farrell hat für ihren Shakespeare-Roman gründlich recherchiert. Bildrechte: Piper

Wir begleiten Agnes durch ihr Leben, bekommen die ersten sehr verliebten Ehejahre mit Shakespeare erzählt, die Geburt der ersten Tochter, die Geburt des Zwillingspärchens Judith und Hamnet. Und dann passiert etwas, das einem grade jetzt in diesem Moment das Blut gefrieren lässt: die Pest kommt ins Haus nach Stratford.

Wir sind plötzlich mitten in einem Epidemie-Geschehen. All das ist natürlich noch nicht im Schatten von Covid-19 geschrieben, nur lesen wir es so. Und es liest sich wahnsinnig unheimlich, diese Beschreibung des Näherrückens der Pest von Italien bis England, bis in das Haus des Handschuhmachers in Stratford-upon-Avon.

Da packt ein Glasmachergeselle in Venedig schöne Knöpfe in eine Schachtel und polstert die mit alten Lumpen aus, in die wiederum verseuchte Flöhe hüpfen. Eben diese Perlen packt Judith in England in einer Näherei aus, erkrankt an der Pest, wird sie überleben und steckt aber ihren Bruder an, der daran stirbt.

Der Tod als Nukleus

Es gibt eine unglaubliche Szene der Vertauschung von Bruder und Schwester in der Todesstunde – beim Lesen unmöglich wegzuatmen, wie es eben passieren kann bei starken Büchern, diese Szene rührt zu Tränen. Sie ist zugleich der traurige Nukleus des Romans: der Tod des kleinen Jungen, an dem die Liebe der Eltern fast zerbricht, und mit dem der Dichter Shakespeare nur umgehen kann, in dem er ein Theaterstück schreibt, das ihm seinen Sohn auf der Bühne zumindest zurückbringt. Seinen Hamnet/Hamlet.

Der Roman kann in einem kleinen Rausch gelesen werden und lässt nach seinen über 400 Seiten den Wunsch nach mehr zurück.

Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Eine Weihnachtslektüre

Maggie O'Farrell hat gut recherchiert – hat aber als Schriftstellerin natürlich jede Freiheit. Hier hat sie auf berückende Weise ein Thema bearbeitet, das ihr ganzes Werk durchzieht. Ihr bekanntestes Buch, das wochenlang auf der englischen Bestsellerliste stand, ist ein autobiografisch angelegter Bericht, in dem sie ihre eigenen Berührungen mit dem Tod beschrieben hat.

Sie ist also eine Frau, die genau weiß, dass das Leben seit jeher mit dem Tod infiziert ist – und die sich aber genau deshalb dem einzigen Medium widmet, in dem es möglich ist, mit den Toten Kontakt aufzunehmen, in dem sie sogar wiederkommen können: in der Literatur.

So wie sie es hier schließlich William Shakespeare machen lässt mit seinem Sohn Hamnet, der ihm und auch seiner Mutter Agnes aus dem Text, auf der Bühne wieder entgegen treten kann. Todtraurig und dabei seltsam tröstlich.

Angaben zum Buch Maggie O'Farrell: "Judith und Hamnet"
Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag
Piper
416 Seiten
22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Dezember 2020 | 08:10 Uhr

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