Literatur "Woher sind wir geboren": Christoph Dieckmanns Spurensuche nach der deutschen Vergangenheit

Journalist und Autor Christoph Dieckmann wuchs als Pfarrerskind im Harz und in Sangerhausen auf, begann 1972 im sächsischen Langenau eine Lehre zum Filmvorführer und studierte später Theologie in Leipzig – eine Außenseiter-Laufbahn bis zum Mauerfall. In den vergangenen 30 Jahren machte er sich mit seinen Reportagen einen Namen. Lange war er der einzige Ostdeutsche in der Redaktion der Wochenzeitung DIE ZEIT. Zu seinem 65. Geburtstag hat Dieckmann das Buch "Woher sind wir geboren?" geschrieben – über sich selbst und die Wurzeln unserer gemeinsamen, gesamtdeutschen Geschichte.

Christoph Dieckmann vor russischem Ehrenmal
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern" – eine Binsenweisheit, so ernüchternd wie meistens auch wahr. Der Zeitungsjournalist Christoph Dieckmann arbeitet seit über drei Jahrzehnten unbeeindruckt an dieser neunmalschlauen Erkenntnis vorbei: "Ich bin ein geschichtsfühliger Mensch, ich bin ein heimatverbundener Mensch, ich bin ein politischer Mensch und ich bin ein Journalist. Und wenn ich meine Art des Schreibens benennen sollte, würde ich sagen, ich bin auch ein Chronist. Also, was ich erlebe, soll nicht verloren gehen. Ich werde älter und ich tausche meine schwindenden Jahre gegen Geschichten."

Schreiben für eine kollektive Biografie

 25 Geschichten von Ostdeutschen. Ostdeutsche Lebenswege durch ein Vierteljahrhundert. - Christoph Dieckmann war erster Redakteur aus dem Osten bei der Wochenzeitung "Die Zeit"
Christoph Dieckmann fühlte sich als Pfarrerskind in der DDR oft ausgeschlossen und empfand erst spät ostdeutsche Identität. Bildrechte: rbb/Markus Wächter

Dieckmann sucht als Reporter seit 30 Jahren geschichtsträchtige Orte auf. Mit seiner Art des Schauens, Zuhörens und Erzählens hat Dieckmann Zeitungsreportagen eine große Haltbarkeit verliehen. Jetzt hat er ein Buch geschrieben über sich, über seine Erinnerungen an sein Leben vor und nach der großen Zeitenwende vor 30 Jahren. Die ostdeutsche Geschichte sei in der gesamtdeutschen Publizistik unterrepräsentiert. Sie komme eigentlich gar nicht vor. Dieckmanns Hauptantrieb sei der Wunsch, dass ostdeutsches Leben in der gesamtdeutschen Geschichte vorkomme.

Was ich über mich selber schreibe, ist eigentlich nicht so sehr privat als vielmehr ein Teil einer kollektiven Biografie – falls es das gibt.

Christoph Dieckmann, Journalist und Publizist

Dieckmann hat Theologie studiert – das einzig mögliche Studium für ihn als Pfarrerskind in der DDR. Sein heimlicher Wunsch, Journalist zu werden, musste lange auf Erfüllung warten. Christoph Dieckmann hat frühzeitig geübt, eigene Wege zu gehen, denn er habe sich manchmal in der Rolle des Außenseiters wiedergefunden. "Ich weiß noch, in der ersten Klasse, als am 13. Dezember, dem Pioniergeburtstag, alle anderen Mitschüler Mitglied wurden und einen glänzenden Klappausweis und ein Halstuch bekamen, ich neidisch war. Das gab sich aber sehr schnell."

Die ostdeutsche Identität muss warten

In Dingelstedt, einem kleinen Ort Harzkreis in Sachsen-Anhalt, ist Dieckmann aufgewachsen. Hier steht die Kirche, in der sein Vater predigte. Irgendwann kam der Bescheid, dass er delegiert ist: zur EOS, zur Erweiterten Oberschule, dass er Abitur machen darf. Aber dann kam alles anders.

Ich hatte einen Termin bei der damaligen Kreisschulrätin des Kreises Sangerhausen. Ich werd's nie vergessen, diesen Sound: 'Sie tun nichts für das Volk, dann tut die Volksmacht auch nichts für sie!'

Christoph Dieckmann, Journalist und Publizist

Also doch kein Abi. Dieckmann wurde zunächst Filmvorführer. Danach ging er nach Leipzig ans Theologische Seminar. Am Sprachenkonvikt in Berlin beendete er die Pfarrersausbildung. Die Zeit bis zur Wende überwinterte er mit Artikeln in Kirchenzeitungen. Dann endlich fiel die Mauer. Und auf einmal findet der Einzelgänger Dieckmann Anschluss an die 'ostdeutsche Identität'. In den 90er Jahren habe er zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl einer Zugehörigkeit, so Dieckmann, nämlich zu den Ostdeutschen und einer Geschichte, die im nunmehr westdeutsch geführten Diskurs nicht mehr vorkam. Er habe das große Glück gehabt, bei einer großen, westdeutsch geprägten Zeitung zu sein, als einziger Ostdeutscher. Selbstverständlich habe er dort als Ostdeutscher geschrieben. Und manchmal habe er auch 'Wir Ostdeutschen' geschrieben.

Dieses 'Wir' wäre mir vorher vollkommen fremd gewesen.

Christoph Dieckmann, Journalist und Publizist

Erinnerung und Reflexion deutscher Geschichte

Seit 30 Jahren reist Dieckmann nun durch die Welt da draußen und vor allem durch die Innenwelten der Menschen, die er trifft. In seinem Buch verbindet er seine eigene Biographie mit dem, was uns Deutsche eint: unsere gemeinsame Geschichte. Dieckmann fährt an die Orte, an denen sich deutsche Vergangenheit manifestiert, wie zum Beispiel Wittenberg: Ort der Reformation, dem Aufbruch aus der päpstlichen Amtskirche und mit Luthers "Judensau"-Relief zugleich Tatort eines entfesselten Antisemitismus. "Entfernen oder tägliche Konfrontation?", fragt Dieckmann. "Dranlassen und unübersehbar kommentieren", lautet seine Meinung. "Das muss nicht ewig so bleiben, aber zurzeit tendiere ich dazu. Aber es müsste die Entscheidung der Wittenberger sein. Eine Demokratie lebt davon, dass das Vernünftige nicht angeordnet wird, sondern gewollt von den Demokraten." Eine weitere Station: Hamburg und sein Hafen. Umschlagplatz für die kolonialen Raubzüge Deutschlands. Dicht daneben wird für neun Millionen Euro gerade das Bismarck-Denkmal saniert – jenes Mannes, der Afrika unterwarf.

An 15 Orte reist Dieckmann. Er verlässt Deutschland, reist über Polen und Russland bis zum 38. Breitengrad. An die Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Hier vom grotesken und tödlichen Ort der Teilung schaut er zurück auf die jüngste deutsche Geschichte. Und ausgerechnet hier findet Dieckmann einen Trost, eine Antwort auf die Frage, was wir Deutschen mit dem fortwirkenden Erbe unserer Teilung anfangen sollen: Sie ist nunmehr ein Stück Vergangenheit – gesamtdeutsch.

"Unsere Unterschiedsgeschichte, unsere verschiedenen Vergangenheiten und Erinnerungen – recht betrachtet vereinen sie uns, sie sind ein gemeinsamer Schatz", resümert er.

Mehr Informationen Christoph Dieckmann: "Woher sind wir geboren. Deutsche Welt- und Heimreisen"
Verlag: Ch. Links
Erscheint voraussichtlich: Februar 2021
Hardcover mit Schutzumschlag, ca. 272 Seiten
ISBN: 978-3-96289-109-1
Preis: 22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 11. Februar 2021 | 22:10 Uhr

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