Buchhandlung des Waisenhauses "Buchhandlung der Franckeschen Stiftungen" erhält historischen Namen zurück

Eine der ältesten Buchhandlungen Deutschlands, die "Buchhandlung der Franckeschen Stiftungen" in Halle, kehrt zurück zu ihrem ursprünglichen Namen: "Buchhandlung des Waisenhauses". Trotz Rückkehr zum historischen Namen ist das Konzept der Buchhandlung alles andere als rückwärtsgewandt: Neben einem modernen Buchsortiment sind künftig auch Lesungen und Lesereihen geplant.

Franckesche Stiftungen
Die Franckeschen Stiftungen in Halle Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Derzeit steht über dem Eingang "Buchhandlung in den Franckeschen Stiftungen". Geht man durch die Tür, steht man in einer der ältesten Buchhandlungen Deutschlands, die auch bald wieder ihren ursprünglichen Namen haben wird: "Buchhandlung des Waisenhauses". Die Leute würden ständig nach dem alten Namen fragen, sagt Buchhändler Nies Wagner, der seit Februar letzten Jahres den Buchhandlungsbetrieb hier übernommen hat. Wegen eines Rechtsstreits mit den alten Betreibern hatte die Buchhandlung seit fast drei Jahrzehnten nicht so geheißen. Das soll sich nun ändern.

Zwei Männer halten Bild vor der Buchhandlung im Waisenhaus Halle
Nils Wagner, Betreiber der Buchhandlung und der Leiter der Franckeschen Stiftungen Thomas Müller-Bahlke Bildrechte: Friederike Litfin

Die Geschichte der Buchhandlung beginnt im Jahr 1698

Auf den ersten Blick wirkt die große lichtdurchflutete Buchhandlung ganz normal. Es gibt neben dem Tresen, einer Leseecke und Kissen in den Fenstern prall gefüllte Bücherregale. Nils Wagner: "Das ist ein ganz klassischer Buchhandel. Das Sortiment hat den Schwerpunkt auf Belletristik. Das sind Romane querbeet. Auch Kinderbücher spielen eine große Rolle. Und wir haben auch eine kleine Abteilung mit Sach- und Fachliteratur bis hin in die geisteswissenschaftliche Richtung."

Die Buchhandlung in den Franckeschen Stiftungen
Ein Blick in die Buchhandlung, die fortan wieder den Namen "Buchhandlung des Waisenhauses" trägt. Bildrechte: Yvonne Most

Nils Wager tritt ein langes Erbe an, denn die Buchhandlung gibt es in den Stiftungen von August Hermann Francke seit 1698. Der Pädagoge und Pietist hatte vom damaligen preußischen Kurfürsten das Privileg dafür bekommen, eine Buchhandlung und einen Verlag zu betreiben. So das damalige Konzept eines "Buchlandes" wie Francke die Einrichtung, die damals noch mitten auf dem Gelände der Stiftungen lag, nannte. Damals druckte man im Eigenverlag Bücher und baute sich im Buchtausch mit anderen Verlagen ein Sortiment auf. Der Visionär Francke verlegte selbst hauptsächlich seine zahlreichen pietistischen, pädagogischen Schriften und Predigten. 1925 zog die Buchhandlung dann in das Haus vor dem historischen Waisenhaus, dem Mutterhaus der Stiftungen, in denen über Jahrhunderte Waisen erzogen und ausgebildet wurden.

Buchhandlung des Waisenhauses

Die Buchhandlung in den Franckeschen Stiftungen
Seit einem Jahr der Betreiber der Buchhandlung: Nils Wagner Bildrechte: Yvonne Most

Auch theologisch wirkten die Stiftungen in die Stadt, betont Nils Wagner: "Aber nicht nur in die Stadt, sondern in die ganze Welt. Und das eben auch mit den Büchern, nicht nur von Francke, aber hauptsächlich mit theologischen Schriften. Das änderte sich dann. Bis die Buchhandlung und der Verlag des Waisenhauses im 19. Jahrhundert einer der führenden Verlage für pädagogische Literatur war. Hier wurden über Jahrzehnte maßgebliche Lehrwerke hergestellt und verkauft."

Der Leiter der Franckeschen Stiftungen Thomas Müller Bahlke freut sich, dass die Buchhandlung ihren alten Namen zurückgewinnt, denn sie gehört, wie er sagt, zum "kulturellen Bildungskosmos" der Franckeschen Stiftungen.  Deshalb liegt sie nun ja auch an exponierter Stelle. Als Ausleger des ganzen Stiftungskomplexes zum Frankenplatz hin ragt sie in den Stadtteil Glaucha hinein, aus dem Armenviertel, aus dem Francke ab dem 17. Jahrhundert Kinder in seine Stiftungen aufnahm. Dazu kommt, dass sich die Buchhandlung in einem der ältesten Gebäude der Stiftungen befindet. Durch fast durchgängige Nutzung ist es sehr gut erhalten gewesen und konnte denkmalgerecht restauriert werden. Schon dem Gründungsdirektor Paul Raabe, der mit dem Aufbau der Franckeschen Stiftungen nach 1990 wieder begonnen hatte, war an einem lebendigen Buchhandelsbetrieb interessiert.

Alter Name, modernes Buchsortiment

Müller-Bahlke erzählt: "Wir reden hier über insgesamt 40 Einrichtungen der Kultur, der Wissenschaft, der Pädagogik, auch des sozialen Engagements. Und Bücher spielen natürlich nicht nur in der Geschichte der Franckeschen Stiftungen, sondern insgesamt bis heute eine große Rolle im Bildungsgeschehen unserer Gesellschaft. Uns ist sehr daran gelegen, die Sortimentsbuchhandlung in ihrer klassischen Form auch weiterhin zu unterstützen und am Markt zu halten."

Daher führt die Buchhandlung, über deren Tür bald wieder "Buchhandlung am Waisenhaus" stehen soll, nicht nur ein modernes Buchsortiment. Der Betreiber Nils Wagner möchte als Buchhändler auch seine Qualitäten als kompetenter Leser und weitsichtigen Literaturliebhaber betonen. Denn dies sei etwas, was er und seine Kollegen und Kolleginnen in anderen kleinen Buchhandlungen großen Buchhäusern und dem Onlinebuchhandel voraus hätten. Hier werden Kundinnen und Kunden noch gut beraten. Und um die "Buchhandlung am Waisenhaus" auch weiter in die Arbeit der Stiftungen einbinden zu können, sind künftig auch Lesungen und Lesereihen geplant. Ganz im Sinne des großen Pietisten August Hermann Francke.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 20. September 2021 | 17:30 Uhr

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