Deutscher Buchhandlungspreis 2020 Dresdner Buchhandlung LeseZeichen – ein Ort für Buchverliebte

Vor 22 Jahren gründete der angehende Architekt Jörg Scholz-Nollau in der Dresdner Neustadt seine Buchhandlung LeseZeichen. Im Gespräch hält er sein Lebensprojekt aus Laden, Lesungen und Ausstellungen auch mit einer Dauerwerbefläche auf wenigen Zentimeter Pappe: Die Lesezeichen der Buchhandlung, immer mit einem Gedicht und der Einladung zum Kaffee bedruckt, sind längst Kult. Beim Deutschen Buchhandlungspreis schaffte es das LeseZeichen nun unter die besten Acht der Republik.

Blick in die Buchhandlung Lesezeichen in Dresden.
Blick in die Buchhandlung LeseZeichen in Dresden Bildrechte: Nils Kahlefendt

Eigentlich sollte die Buchhandlung von Jörg Scholz-Nollau in diesen Tagen gestopft voll sein. In normalen Jahren macht die Branche im Weihnachtsgeschäft gut ein Drittel ihres Umsatzes. Stattdessen erleben wir einen harten Lockdown, wie schon vor neun Monaten. "Das war erst mal ganz erschreckend, als dann am 18./19. März die Order kam, ich solle die Buchhandlung schließen", erzählt Scholz-Nollau: "Da dachte ich: Um Gottes Willen! Ich dachte, höchstens ein, zwei Monate - wenn das noch länger geht, dann weiß ich nicht, ob ich das überlebe. (...) Und ich hab dann, die Bücher ausgefahren. Im großen Umkreis mit dem Auto, im kleineren Umkreis mit dem Fahrrad. Und das ging dann besser, als ich vorher gedacht hatte. Und deswegen bin ich jetzt mit dem neuen Lockdown doch etwas gelassener. Ich denke, ich krieg das schon hin."

Mit Johannes Bobrowski zur Literatur gefunden

Jörg Scholz-Nollau sitzt an einem Klavier.
Jörg Scholz-Nollau Bildrechte: Nils Kahlefendt

Ums Haar wäre der Dresdner, dem das Werk des Dichters Johannes Bobrowski in den letzten DDR-Jahren die Tür zur Literatur aufgestoßen hatte, Architekt geworden. Doch 1998 hängte er sein Studium an den Nagel und eröffnete am Rand der Dresdner Neustadt seine Buchhandlung LeseZeichen: "Das war dann letztendlich doch die richtige Entscheidung damals. Weil, die Lebenswege sind ja oft Kreuzwege. Man hat eine Entscheidung, und die ist manchmal nur eine Sekunde lang. Und dann denkt man: War's richtig? Und ich denke heute: Es war richtig!"

Als Mann vom Fach erkennt er damals das Potenzial des kleinen Altbaus in der Prießnitzstraße. Heute ist die alte Hausdurchfahrt mit deckenhohen Regalen Teil der Verkaufsfläche. Der ehemalige Hinterhof wird im Sommer als Lesegärtchen genutzt. Und die grauen Metallregale sind nicht nur schön, sondern bei der großen Elbeflut erwiesen sie sich als höchst praktisch.

Die Buchhandlung als Kulturort

Das Prinzip der Buchhandlung als Kulturort – im LeseZeichen ist es mit Händen zu greifen: Ein wichtiger Baustein ist die Begegnung mit Autoren. "Mit Autoren, die heute sehr namhaft sind, habe ich die ersten Lesungen gemacht", Scholz-Nollau zählt auf: "Zum Beispiel mit Uwe Tellkamp, mit Thilo Krause, als er noch kein Buch hatte, mit Volker Sielaff, mit Jan Wagner. Das sind heute Namen, die jeder kennt. Ich hab sozusagen Pionierarbeit geleistet."

Dazu kommen quartalsweise Ausstellungen. Momentan kann man frühe Handzeichnungen des Dresdner Malers Hubertus Giebe bewundern: "Es soll immer die Verbindung sein zwischen der Bildenden Kunst im Buch, Schrift, Literatur - also, der Bezug ist dann so, dass man sagt: In der Buchhandlung ist für die Ausstellung der richtige Platz."

Mit Autoren, die heute sehr namhaft sind, hab ich die ersten Lesungen gemacht. Zum Beispiel mit Uwe Tellkamp, mit Thilo Krause, als er noch kein Buch hatte, mit Volker Sielaff, mit Jan Wagner. Das sind heute Namen, die jeder kennt. Ich hab sozusagen Pionierarbeit geleistet.

Jörg Scholz-Nollau, Buchhändler

Finden, was man nie gesucht hat!

Zu Flut-Zeiten war Scholz-Nollau einer der ersten mit eigenem Web-Shop. Mit seiner inzwischen etwas in die Jahre gekommenen Website arbeitet er an der Entschleunigung: Bis 2007 lassen sich Buchtipps und Jahresbestseller zurückverfolgen. So dreht sich auch die Backlist. "Als kleine Buchhandlung haben wir da auch eine Aufgabe", führt Scholz-Nollau aus: "Sozusagen auch das zu bewahren, also nicht diese Schnelllebigkeit noch zu unterstützen. Sondern das, was bleibend ist, auch im Bewusstsein weiter zu halten."

Dass das Herz des Buchhändlers für Lyrik schlägt, er sein Sortiment nicht nach "Umschlagsgeschwindigkeit" zusammenstellt, mag Betriebsberater blass machen. Seine Kunden lieben den Laden genau deshalb: Weil sie dort finden, was sie nie gesucht haben.

Als kleine Buchhandlung haben wir die Aufgabe zu bewahren, also nicht diese Schnelllebigkeit noch zu unterstützen. Sondern das, was bleibend ist, auch im Bewusstsein weiter zu halten.

Jörg Scholz-Nollau, Buchhändler

Die Literaturbranche und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 23. Dezember 2020 | 18:05 Uhr

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