Entscheidung Berühmte Buchhandlung Weyhe in Salzwedel wird verkauft

Sie galt als die älteste Buchhändlerin Deutschlands: Noch mit 98 Jahren stand Helga Weyhe im Buchladen in der Altperverstraße 11 von Salzwedel. Als sie am 4. Januar 2021 starb, würdigte sogar die New York Times sie mit einem Nachruf. Seit ihrem Tod stellte sich die Frage, was aus dem traditionsreichen Geschäft werden soll und wie die Stadt ihrer Ehrenbürgerin gedenken will? Jetzt gibt es eine erste Entscheidung.

Blick auf das Wohn- und Geschäftshaus der Buchhandlung von Helga Weyhe in der altmärkischen Hansestadt Salzwedel
Blick auf das Wohn- und Geschäftshaus der Buchhandlung Weyhe in Salzwedel. Es steht nun zum Verkauf. Bildrechte: dpa

Bekannt war Helga Weyhe als älteste Buchhändlerin Deutschlands, nun sucht die Erbengemeinschaft eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für das traditionsreiche Geschäft. Das erklärte Großnichte Ute Lemm stellvertretend für die Familie am Freitag im Gespräch mit MDR KULTUR. Man wolle die Buchhandlung und das zugehörige Haus veräußern. Die Familie habe eine Anzeige im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels aufgegeben, die in den kommenden Tagen veröffentlicht werde.

Wir haben gesagt, da wir es aus vollen Kräften einfach nicht schaffen, dort in den Laden einzusteigen, trennen wir uns. Wir hoffen aber sehr drauf, dass wir jemanden finden, der mit seiner ganzen Energie und mit einer großer Leidenschaft Lust hat, in diesen historischen Laden einzusteigen.

Ute Lemm Großnichte von Helga Weyhe

150 Jahre Buchhandlungsgeschichte

Die Buchhändlerin Helga Weyhe aus Salzwedel
Am 4. Januar starb Helga Weyhe im Alter von 98 Jahren. Bis zuletzt stand sie im Laden. Bildrechte: MDR/Doreen Jonas

Man wolle nicht mit nur halben Kräften vor Ort sein, begründete Lemm die Entscheidung. Es sei besser, sich an erfolgreiche und schöne 150 Jahre Buchhandlungsgeschichte in Salzwedel zu erinnern – trotz vieler Krisen und schwerer Zeiten, so Lemm, die Intendantin des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters und Sinfonieorchesters ist.

Stadtrat debattiert künftige Würdigung Helga Weyhes

Im Stadtrat wird derweil über eine zusätzliche Würdigung für Helga Weyhe debattiert, die Ehrenbürgerin von Salzwedel war. Die stellvertretende Vorsitzende der Fraktion Die Linke, Gabriele Gruner, hatte angeregt, die namenlose Stadt- und Kreisbibliothek Salzwedel zur "Helga Weyhe Bibliothek Salzwedel" umzubenennen. Sie sagte MDR KULTUR, es habe von allen Fraktionen bislang positive Reaktionen geben. Die Bürgermeisterin der Stadt wolle sich in der kommenden Woche im nichtöffentlichen Teil der Stadtratssitzung dazu äußern, so Gruner.

Die Buchhändlerin Helga Weyhe steht am 03.12.2012 in ihrer Buchhandlung in der Hansestadt Salzwedel (Sachsen-Anhalt)
Helga Weyhe in ihrem Buchladen, 2012 Bildrechte: dpa

Von Seiten der Familie heißt es dazu: "Sowohl die Umbenennung der Bibliothek als auch eine Plakette am Haus – das wären natürlich ganz wunderschöne Zeichen und ich glaube da wäre sie auch stolz drauf, wenn sie in dieser Art und Weise in ihrer Heimatstadt gewürdigt wird", meinte Ute Lemm. Ob eine Plakette am Haus angebracht werden könne, werde von der Entscheidung der künftigen Besitzer abhängig sein.

Im Mai wird das 25-jährige Jubiläum der Stadt- und Kreisbibliothek als Teil der "Freydanck'schen Villa" in Salzwedel gefeiert. Möglicherweise ein guter Tag, die Bibliothek umzubenennen, wie Gabriele Gruner im Gespräch mit MDR KULTUR meint.

Verleger mit Ideen für die Zukunft der Buchhandlung

Verleger Alexander Schug
Denkt über "Pop-Up-Store Helga Weyhe" nach: Verleger Alexander Schug Bildrechte: Omnino Verlag / Alexander Schug

Neben dem Verkauf des Hauses und der Buchhandlung steht aber auch die Frage im Raum, was mit den Büchern passiert, die sich noch im Geschäft befinden. Einige davon sind vom Berliner Omnino Verlag veröffentlicht worden. Dessen Verleger, Alexander Schug, sagte MDR KULTUR, dass er gemeinsam mit der Familie überlegt habe, eine Art "Pop-Up-Store Helga Weyhe" in Salzwedel zu realisieren. Die Idee würde bedeuten, den Laden noch einmal zeitlich befristet aufzumachen, verbunden mit Veranstaltungen, Lesungen, musikalische Interventionen, so Schug. Diese Idee sei jedoch besprochen worden, bevor die Annonce zum Verkauf im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels im Raum stand.

Nun, da der Buchladen samt Haus verkauft werden soll, zeigt auch Alexander Schug Interesse. Er habe zuvor bereits mit Kreativen aus der Altmark darüber gesprochen, was aus dem historischen Buchladen einmal werden könnte. Er wolle es nicht alleine machen. Es sei nicht ausgeschlossen, "dass wir als Verlag gemeinsam mit den Kreativen, die um uns herum sind, uns da eventuell auch melden werden, um zu schauen, ob man diesen Ort nicht weiter erhalten kann."

Gewürdigt als Buchhändlerin und Ehrenbürgerin

Buchhandlung Weyhe  in Salzwedel (2012)
Eigentlich träumte Helga Weyhe von Amerika. In New York betrieb ihr Onkel eine Kunstbuchhandlung. Dort hätte sie gerne gearbeitet. Bildrechte: dpa

In keinem Fall könne man aber Helga Weyhe ersetzen, so Schug. Sie sei mit ihrer klaren Meinung zu den Büchern eine Autorität für ihn als Verleger gewesen.

Helga Weyhe war am 4. Januar im Alter von 98 Jahren gestorben. Das Geschäft in Salzwedel war seit 1871 in Familienbesitz. Schon Weyhes Vater und Großvater hatten sich dem Buchhandel verschrieben Seit 1965 führte sie das Geschäft alleine. 2012 wurde sie zur Ehrenbürgerin von Salzwedel ernannt. 2017 erhielt sie den Ehrenpreis des Deutschen Buchhandels.

Durchgehend geöffnet: Mehr über Helga Weyhe

Das Geschäft in Salzwedel war seit 1871 in Familienbesitz. Schon Helga Weyhes Vater und Großvater hatten sich dem Buchhandel verschrieben – zunächst in Halle, später in der altmärkischen Hansestadt, wo die Familie das Fachwerkhaus erwarb, in dem der Laden mit seinen mehr als 100 Jahre alten Regalen besonderen Lesestoff bot.

In Zeiten der Großbuchhandlungen und des Online-Orderns verkaufte Helga Weyhe immer nur Bücher, die sie auch weiterempfehlen konnte. Der Kontakt zur Kundschaft und das Lesen, vor allem Fontane, hielten sie fit. Bis zuletzt stand sie täglich in ihrem Laden in der Altperverstraße 11, auch Corona schreckte sie nach eigenem Bekunden nicht ab. Am 4. Januar starb Helga Weyhe im Alter von 98 Jahren.

Als junges Mädchen hatte Weyhe davon geträumt, bei ihrem Onkel Erhard in Amerika zu arbeiten, der in New York eine berühmte Kunstbuchhandlung betrieb. Doch dann kamen die Nazis und der Krieg, später der Mauerbau. Erst 1985 als Rentnerin konnte Helga Weyhe in die USA reisen. Zwar war der Onkel längst verstorben, aber den Buchladen gab es noch, bis er 1991 einer Bäckereikette weichen musste. Als Reminiszenz an das Buchgeschäft ihres Onkels hing ein "794 Lexington Ave."-Schild im Laden von Helga Weyhe in Salzwedel. 

Weyhe hatte in den 40er-Jahren Geschichte und Literatur in Breslau, Königsberg und Wien studiert. 1945 war sie in die väterliche Buchhandlung mit eingestiegen. Seit 1965 führte sie das Geschäft alleine. 2012 wurde Helga Weyhe zur Ehrenbürgerin von Salzwedel ernannt. 2017 erhielt sie den Ehrenpreis des Deutschen Buchhandels.

Buchhandel und Literaturszene in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. März 2021 | 14:30 Uhr

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