Interview Anschlag auf Buchhaus Loschwitz: "Eine neue Qualität der Auseinandersetzung?"

Der Staatsschutz ermittelt: In der Nacht zum 19. April gab es einen Buttersäureangriff auf eine Dresdner Buchhandlung, die schon öfter für Schlagzeilen gesorgt hat – das Buchhaus Loschwitz. Mitinhaberin der Buchhandlung ist Susanne Dagen, die für die Freien Wähler im Stadtrat von Dresden sitzt und sich im Dunstkreis des rechten Verlegers Götz Kubitschek bewegt. MDR KULTUR im Interview mit Reporter Michael Ernst über mögliche Hintergründe und Reaktionen zur Tat.

Buttersäureanschlag auf BuchHaus Loschwitz 6 min
Bildrechte: Tino Plunert

MDR KULTUR: Ein Anschlag auf das Buchhaus Loschwitz, auf ein Kulturhaus, in dem aber auch Menschen leben, das ist eine absolute Grenzverletzung – was genau ist da passiert?

Michael Ernst: Ein absoluter Tabubruch, durch nichts zu rechtfertigen. Was genau dort passiert ist, habe ich mir von Polizeisprecher Rocco Reichel von der Polizeidirektion Dresden sagen lassen:

"Passiert ist das Ganze in der Nacht von Sonntag zu Montag. Um 00:45 Uhr wurde die Polizei von einer Zeugin gerufen. Die unbekannten Täter haben vermutlich die Scheibe des Ladens mit einem Stein eingeschmissen, dann hatten sie eine Flasche mit Pyrotechnik und Buttersäure drin, und die wurde dann durch das Loch in die Scheibe geschmissen. Es ist wohl nicht das erste Mal, dass da was passiert ist – der Staatsschutz ermittelt. Die Inhaberin des Buchladens ist politisch im Stadtrat aktiv, deswegen kann ein politischer Hintergrund nicht ausgeschlossen werden. 

Ein politischer Hintergrund, wegen einer Arbeit im Stadtrat? Oder müssen wir hier an frühere Debatten erinnern, die es im Zusammenhang mit dem Buchhaus Loschwitz gab?

Susanne Dagen bei einer Debatte auf der Leipziger Buchmesse 2018
Mitinhaberin des Buchhauses Loschwitz ist die Dresdner Stadträtin Susanne Dagen (Freie Wähler). Bildrechte: MDR/Juliane Streich

Michael Ernst: Der Verdacht liegt nahe, dass es hier natürlich um mehr als nur um ein Mandat bei den Freien Wählern geht. Erinnern wir uns an eine Veranstaltungsreihe wie "Aufgeblättert. Zugeschlagen – Mit Rechten lesen", an die "Charta 2017", aber auch an eine eigene Buchreihe mit dem anspielungsreichen Titel "Exil". Das hat das Buchhaus Loschwitz und dessen durchaus streitbare Inhaberin Susanne Dagen in der öffentlichen Debatte in die rechte Ecke gerückt, rechtfertigt aber keinen Brand- und Säureanschlag.

Daher gab es auch umgehend verschiedenste Reaktionen auf diesen Vorfall. Unschöne Kommentare mit Häme in den Netzwerken, aber auch solidarisches Verhalten mit der deutlichen Aussage, dass Gewalt in solchen Auseinandersetzungen nichts zu suchen hat. Jörg Stübing etwa, der Inhaber von "Büchers Best" in der Dresdner Neustadt, bezog ganz klar Position:

"Wir konnten solch einen Vorgang nicht unkommentiert lassen. Uns liegen die ganzen Bekenntnis-Imperative fern, wir sind ein Team, sind selber divers, plural. Aber wir sind uns in einem einig, dass Gewalt kein Mittel der Argumentation sein kann und dass das demokratische Orchester aus vielen Stimmen und dabei auch aus missliebigen Stimmen besteht. Mein Post war ein George-Orwell-Post, der ursprünglich als Nachwort zu 'Animal Farm' erscheinen sollte und schon damals zensiert wurde. Und worauf sich sofort wieder Leute entzündeten war: 'Falls Freiheit überhaupt irgendetwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.' Aktueller denn je. Und ich sage deutlich, es geht um die Grundlage in einer demokratisch verfassten Gesellschaft, in der die Waffe das Wort sein sollte und nicht irgendwas anderes.

Buttersäureanschlag auf BuchHaus Loschwitz
Der Sachschaden beträgt laut Polizeibericht etwa 1.000 Euro. Bildrechte: Tino Plunert

Das Wort also. Es darf durch solche feigen Anschläge, die ja immer auch ein Versuch der Einschüchterung sind, nicht zum Verstummen gebracht werden. Wie haben denn die Inhaber des Buchhauses darauf reagiert?

Michael Ernst: Zum einen mit dem Hinweis im Netz, dass in diesem Haus auch Menschen leben, die Familie von Susanne Dagen und ihrem Partner. Eine Scheibe lässt sich reparieren, Bücher können nachbestellt werden. Aber solche Taten bringen auch Menschen in Gefahr, zumal mitten in der Nacht. Nicht zuletzt auch ein Angriff auf das Unternehmertum.

Und der Debatte hilft das überhaupt nicht weiter, im Gegenteil, die Fronten verhärten sich weiter. Mit dem Resultat, dass mir das Gespräch heute ausdrücklich verweigert worden ist. Denn für besagten Partner scheint die Schuld oder zumindest die Mitschuld an diesem Anschlag schon festzustehen: Am Telefon meinte er, die "Lügenpresse" sei ein geistiger Wegbereiter dieser Brandstifter.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Buttersäureanschlag auf BuchHaus Loschwitz
Blick auf das Buchhaus Loschwitz in Dresden Bildrechte: Tino Plunert

Anmerkung der Redaktion Herr Bormann widerspricht der Darstellung unseres Reporters Michael Ernst, das Wort "Lügenpresse" gesagt zu haben. Über seinen Anwalt ließ Bormann ausrichten, er habe Herrn Ernst gesagt, "mit Lügen, die dieser über Frau Dagen verbreitet habe, trage auch er Mit-Verantwortung für den Anschlag." Michael Ernst bleibt bei seiner Darstellung.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. April 2021 | 16:10 Uhr

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei