Sachbuch-Empfehlung Queer in Halle im 17. Jahrhundert

Am 8. November dieses Jahres jährte sich die Enthauptung von Catharina Margaretha Linck zum 300. Mal. Sie war die letzte Frau, die in Europa wegen "Unzucht" mit einer anderen Frau hingerichtet wurde. Geboren im thüringischen Gehofen, schlüpfte Linck schon als Teenagerin in Halle in Männerkleider. Später heiratete sie eine Frau. Im neu erschienenen Sachbuch "In Männerkleidern" zeichnet die Literaturwissenschaftlerin Angela Steidele den erstaunlichen Lebensweg von Catharina Linck nach.

Cover "In Männerkleidern" 6 min
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Sie war die letzte Frau, die in Europa wegen "Unzucht" hingerichtet wurde: Im Buch "In Männerkleidern" erzählt Angela Steidele die Lebensgeschichte der queeren Catharina Link aus Halle. Ein Beitrag von Vera Linß.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.11.2021 06:00Uhr 06:03 min

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Vollkommen ungewöhnlich ist die Geschichte von Catharina Linck nicht. Auch wenn viele das nicht wissen: Dass Frauen sich als Männer ausgaben und mit anderen Frauen eine Liebesbeziehung hatten, gab es zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert in Europa des Öfteren. In der Regel wurden diese Fälle jedoch nur spärlich dokumentiert. Anders bei Catharina Linck. Ihr Fall sei durch Hunderte von Aktenseiten, Kirchenbücher und Briefe belegt, so die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Angela Steidele, die bei Recherchen zu ihrer Dissertation auf den Fall Linck gestoßen war.

Wie aus Catharina Linck Anastasius Rosenstengel wurde

Den großen Umfang der Dokumente führt Angela Steidele auf die besondere Rechtslage zurück: Nirgendwo in Europa mussten Frauen die sogenannte "Unzucht" mit dem Leben bezahlen – außer im deutschsprachigen Raum: "Wir haben Kenntnis von niederländischen, englischen Frauen, die andere Frauen heirateten, aber mit Auspeitschung oder Landesverweisung davongekommen sind. Nur bei uns waren die Gesetze so hart, dass 'Weib mit Weib' genauso streng bestraft wurde wie Mann mit Mann", erklärt Steidele.

Angela Steidele, 2015
Wissenschaftlich recherchieren, literarisch schreiben – das macht Angela Steideles Schreibstil aus. Bildrechte: dpa

So speist sich denn auch der größte Teil der Geschichte von Catharina Linck – die fast zwanzig Jahre unentdeckt als Mann lebte – aus den Gerichtsakten, die Angela Steidele als Hauptquelle für ihr Buch dienten. Empathisch und mit zahlreichen Fakten schildert sie die Lebensstationen der Linck: Als Kind im Waisenhaus in den Franckeschen Stiftungen in Halle, als Prophet in einer radikalpietistischen Sekte, als Musketier im Spanischen Erbfolgekrieg. Nach der Flucht zwischenzeitlich wieder als Arbeiter in Halle. 1717 dann traute sich Linck in Halberstadt unter dem Namen Anastasius Rosenstengel mit einer anderen Frau.

Spannende historische und religiöse Hintergründe

Überliefert sind auch viele Details darüber, wie sich Linck alias Rosenstengel als Mann präsentierte. Steidele erwähnt etwa dessen Fähigkeit im Stehen zu Pinkeln, ebenso wie den Lederdildo, den Rosenstengel stets bei sich trug. Auch das geht aus den Dokumenten hervor, die im zweiten Teil des Buches vollständig abgedruckt sind. "Diese Quellen sprechen so sehr für sich, dass ich diesen Wortlaut kenntlich machen möchte. Das heißt, es war klar, das Buch hat zwei Teile und der zweite Teil wird aus den Dokumenten bestehen. Und das entlastete den ersten Teil, nämlich die Biografie, in der ich also nicht alles noch mal im Wortlaut belegen muss, sondern mich auf das Erzählen der Story konzentrieren konnte", sagt Steidele.

Franckesche Stiftungen
In den Franckeschen Stiftungen in Halle verbrachte Catharina Linck ihre ersten Lebensjahre. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Angela Steidele schreibt aber nicht nur über Catharina Linck. Sie liefert dazu historische und religiöse Hintergründe, schildert den städtischen Alltag, die Bedingungen im Waisenhaus und die Zustände in der Armee. Entstanden ist so ein plastisches Porträt der Zeit. Erstaunlich dabei: Wie wenig man über die gleichgeschlechtliche Liebe im 18. Jahrhundert weiß. Frauen profitierten damals vom phallozentrischen Blick auf Sexualität. Auch wenn man das aus heutiger Sicht kritisch betrachten mag: Catharina Linck hätte das fast das Leben gerettet. Denn die Juristen fanden Liebesbeziehungen zwischen Frauen schlicht nicht justitiabel, sagt Steidele:

"Die Vorstellung, dass Sexualität nur da stattfindet, wo mindestens ein Penis involviert ist, setzte sich im weiteren Verlauf des 18. Jahrhunderts immer deutlicher durch, sodass sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts Juristen nicht mehr vorstellen konnten, was zwei Frauen im Bett miteinander treiben. Und in der Folge fiel die Strafbarkeit von Unzucht zwischen Frauen aus den deutschsprachigen Gesetzbüchern heraus."

Dom St. Stephanus und St. Sixtus in Halberstadt
Im sachsen-anhaltinischen Halberstadt wurde Catharina Linck, alias Anastasius Rosenstengel, am 8. November 1721 hingerichtet. Bildrechte: imago images/Ed Gar

Was macht die Geschichte noch heute aktuell?

Für Catharina Linck kam das – nach dem Verrat durch die Schwiegermutter – freilich zu spät. Doch was lässt sich heute aus ihrer Geschichte lernen? Was macht sie in Angela Steideles Augen so aktuell? "Ich finde, dass Catharina Linck eine überraschend moderne Gestalt ist. Je nach Lebenszusammenhang und wie es für sie besser war, wechselte sie die Kleidung, das Geschlecht und die Identität. Sie war eine ganz und gar fluide Persönlichkeit und ließ sich nicht festlegen. Und ich glaube, dass das ein Punkt ist, bei dem wir ja vielleicht sogar staunen können, wie leicht es war, sich weder als Mann noch als Frau wirklich festzulegen."

Sie war eine ganz und gar fluide Persönlichkeit und ließ sich nicht festlegen.

Angela Steidele über Catharina Linck Autorin

Einige Informationen sind in der Neuauflage des Buches hinzugekommen: etwa zum Gerichtsprozess der Ehefrau Lincks, die natürlich auch verurteilt worden ist. Dieses äußerst lesenswerte Buch ist damit in Details noch einmal abgerundet worden.

Cover "In Männerkleidern"
Cover des Sachbuchs Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Angaben zum Buch Angela Steidele:
"In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721. Biographie und Dokumentation"
326 Seiten, Suhrkamp Verlag, November 2021
ISBN: 978-3-458-17945-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. November 2021 | 08:10 Uhr