20. Todestag Stefan Heym: Unbequemer Autor, Denker und Politiker

Chemnitz, Prag, Chicago: Der Schriftsteller Stefan Heym, der 1913 als Helmut Flieg geboren wurde, überlegte sich auf der Flucht vor den Nazis nach Tschechien ein Pseudonym, unter dem er in den USA und der DDR berühmt wurde. Bis heute steht sein Name für einen unbequemen Denker, der sich nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als Politiker für eine gerechte Gesellschaft einsetzte. Vor 20 Jahren, am 16. Dezember 2001, ist der jüdische und ostdeutsche Autor in Israel gestorben.

Schriftsteller Stefan Heym
Stefan Heym wurde 1913 als Helmut Flieg in Chemnitz geboren und starb am 16. Dezember 2001 in Israel. Bildrechte: IMAGO / epd

Unbequem ist Stefan Heym Zeit seines Lebens. Seine unbeugsame Haltung handelt bereits dem 18-jährigen Helmut Flieg, so sein Geburtsname, in der Schule Ärger ein. Er verfasst 1931 das antimilitärische Gedicht "Exportgeschäft" und fliegt deshalb vom Gymnasium in Chemnitz.

Auszug aus dem Gedicht "Exportgeschäft"

Wir exportieren!
Wir exportieren!
Wir machen Export in Offizieren!
Wir machen Export!
Wir machen Export!
Das Kriegsspiel ist ein gesunder Sport!

Die Herren exportieren deutsches Wesen
zu den Chinesen!
Zu den Chinesen!

Gasinstrukteure,
Flammengranaten,
auf arme, kleine gelbe Soldaten -
denn davon wird die Welt genesen.
Hoffentlich
lohnt es sich! [...]

Das Abitur macht Stefan Heym dann doch – in Berlin. Hier sieht der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie mit eigenen Augen 1933 den Reichstag brennen. Er flieht aus Nazi-Deutschland nach Prag, arbeitet dort als Journalist und nennt sich von nun an Stefan Heym statt Helmut Flieg.

Nach Flucht vor den Nazis in den USA Bestsellerautor

Zwei Jahre später geht er nach Chicago. Gleich mit seinem ersten Roman "Hostages" landet Stefan Heym in den USA einen Erfolg. Der Bestseller in den USA wird später als "Der Fall Glasenapp" in Deutschland veröffentlicht.

Der Schriftsteller Stefan Heym im Jahr 1955 während einer Signierstunde.
Stefan Heym im Jahr 1955 während einer Signierstunde. Bildrechte: dpa

"Du musst einen Roman schreiben, der nicht so ist, wie die üblichen Kriminalromane", sagte sich Heym, als er anfing zu schreiben: "Was war das, was bei allen Kriminalromanen gemeinsam war? Das war, dass der Detektiv an Ende siegt. Und ich überlegte mir, also muss es ein Detektiv sein, der am Ende als Verlierer da steht. Und das konnte der Natur der Dinge nach natürlich nur ein Nazi-Detektiv sein."

Auf Dauer findet der links-intellektuelle Schriftsteller Heym auch in den USA keine Heimat. Das kapitalistische System passt einfach nicht in sein politisches Weltbild. Deshalb geht er Anfang der 1950er wieder nach Europa. Doch Heym entscheidet sich nicht für die Bundesrepublik, sondern siedelt über in die DDR. "Ich hatte geträumt, dass das ein Staat sein würde, der beides beinhaltet, Demokratie und Sozialismus. Ich halte die beiden Dinge, Demokratie und Sozialismus, nicht für einen Widerspruch", so Heym rückblickend.

Politisches Engagement in der DDR und BRD

Aufgrund seiner amerika-kritischen Haltung genießt Heym in der DDR zunächst Privilegien, doch im Laufe der Jahre gerät er immer wieder in den Konflikt mit der SED. "Gibt es eine Regel, dass Schriftsteller es gut und leicht haben müssen auf der Welt? Ich kenne keine solche Regel", wird Heym einmal sagen.

Sein 1972 in der DDR veröffentlichter Roman "Der König David Bericht" ist eine Abrechnung mit dem Stalinismus und zwei Jahre später kann Heym seine Bücher nur noch in westdeutschen Verlagen veröffentlichen. In den 80er-Jahren engagiert er sich zunehmend in der Bürgerrechtsbewegung der DDR. Nur wenige Tage vor dem Fall der Berliner Mauer hält er am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz die bekannteste Rede seines Lebens.

Auszug aus der Rede vom 4. November 1989

Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasengewäsch und bürokratischer Willkür, von amtlicher Blindheit und Taubheit. Welche Wandlung! [...]

Die Macht gehört nicht in die Hände eines einzelnen oder ein paar weniger oder eines Apparates oder einer Partei. Alle müssen teilhaben an dieser Macht. Und wer immer sie ausübt und wo immer, muß unterworfen sein der Kontrolle der Bürger, denn Macht korrumpiert. Und absolute Macht, das können wir heute noch sehen, korrumpiert absolut. [...]

Mehrere hundert Menschen applaudieren dem PDS-Bundestagsabgeordneten Stefan Heym (l) nach seiner Rede zu den geplanten Straßenumbenennungen in der deutschen Hauptstadt.
Bei seinen Reden als parteiloser Bundestagsabgeordneter erreichte Heym viele Menschen, so auch in Berlin 1995. Bildrechte: dpa

Todestag des Schriftstellers jährt sich zum 20. Mal

In der wiedervereinigten Bundesrepublik kämpft er nun für eine politische Alternative zum gesamtdeutschen Kapitalismus und zieht auf der offenen Liste der PDS als parteiloser in den Bundesstag ein. "Ich bin gegen den Alleinvertretungsanspruch der Westdeutschen Politikerkaste – sie macht mich politikverdrossen!", sagt er einmal. Am 16. Dezember 2001 starb der unbequeme Denker, Schriftsteller und Politiker Stefan Heym im Alter von 88 Jahren.. 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Dezember 2021 | 06:40 Uhr

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