"Flammender Frieden" Stefan Heyms Frühwerk erstmals auf Deutsch veröffentlicht

Als er am 16. Dezember vor 20 Jahren starb, nannte man ihn "das Gewissen des Jahrhunderts": Stefan Heym. Zeit seines Lebens streitbarer Publizist, einer der meistgelesenen Autoren in Ost und West, einer der schärfsten Kritiker der DDR und – nach 1989, auch der Wiedervereinigung. Als Kind einer jüdischen Familie musste Heym seine Geburtsstadt Chemnitz bereits 1931 verlassen, er kam über Berlin und Prag in die USA, wo er studierte und in die Armee eintrat. Dort schrieb er auch seine ersten Romane, die erst viel später übersetzt und in Deutschland veröffentlicht wurden. Ein Werk fiel dabei unter den Tisch und geriet in Vergessenheit: "Of smiling Peace". Unter dem Titel "Flammender Frieden" erscheint es jetzt erstmals auf Deutsch und bildet den Abschluss einer neuen Werkausgabe in 28 Bänden.

Stefan Heym
Stefan Heym Bildrechte: imago/epd

Der junge Stefan Heym als amerikanischer Soldat, Mitglied einer Propaganda-Einheit: Dieses Foto entdeckt Inge Heym, die Witwe des Schriftstellers, als sie im letzten Jahr die Bibliothek ihres Mannes aufräumt. Im Keller des Hauses kommt noch mehr zum Vorschein, z. B. Uniformzeug und sein Armeerucksack.

Der D-Day 1944, Landung der alliierten Truppen in der Normandie. Mit dabei: Stefan Heym, dem die Szenen bekannt vorkommen dürften. Er hat sie zwei Jahre zuvor beschrieben in einem Roman, der mit genau dieser Operation beginnt. Ein bemerkenswerter Fall von literarischer Prophetie oder Wunscherfüllung. Denn für den jüdischen Schriftsteller und Soldaten Heym, seit über zehn Jahren auf der Flucht und im Exil, ist das der Moment, auf den er lange gewartet hat: "Das war ein tolles, großes Erlebnis, eines der entscheidendsten Erlebnisse meines Lebens. Erstens konnte ich nach all den Jahren der Vertreibung, der Flucht und der Not endlich zurückschießen und mich wehren. Und dann haben wir die Nazis besiegt. Das war entscheidend", sagte er rückblickend im Jahr 1998.

Heyms Rettung: Von Chemnitz nach Amerika

Schon als Schüler muss Heym, Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie, seine Heimatstadt Chemnitz verlassen. Er geht über Berlin nach Prag und hat Glück: Das USA-Stipendium einer jüdischen Studentenverbindung rettet ihm das Leben. In Amerika studiert er, schreibt für Zeitungen und veröffentlicht seinen ersten Bestseller "Hostages", auf Deutsch "Der Fall Glasenapp". 1942 meldet er sich zur Armee. Er wird ausgebildet für die Zeit nach der Invasion und schreibt parallel einen Roman darüber.

Ein schwarz-weiß Foto zeigt eine Szene aus dem zweiten Weltkrieg.
Militär-Offensive D-Day 1944 Bildrechte: IMAGO / UIG

Die Lektorin Linda Waltz erzählt: "Er war einer dieser jungen Intellektuellen, die für psychologische Kriegsführung ausgebildet wurden bei der US-Army. Er war ja Journalist und hat eigentlich die ersten Schritte als Journalist getan. Aber er war immer beides. Er war immer Schriftsteller und Journalist. Und das war auch immer wichtig, über die Ereignisse zu schreiben, die um ihn herum stattfanden. Und deswegen eben hier auch ein Buch über den Krieg, auf den er sich vielleicht auf die Weise auch vorbereitet hat."

"Flammender Frieden" erscheint 1944 in den USA

1944 erscheint dieses Buch in den USA und gerät dann in Vergessenheit. Bei Heym landen die alliierten Truppen in Algerien; ein deutscher Sergeant Wolff, Heyms alter Ego, beobachtet die Lage. Die Amerikaner sind willkommen, aber scheitern gleich mit ihrem Ziel, hier demokratische Verhältnisse einzuführen. Die Algerier werden von der Kolonialmacht Frankreich regiert; Frankreich kollaboriert mit den Nazis; die Nazis versuchen jetzt, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Heym erfindet eine dramatische amour fou, in der Deutsche, Franzosen und Amerikaner um eine Femme fatale buhlen. Geschrieben ist das Ganze mit leichter, manchmal kühner Hand.

Eine klare politische Haltung: Nie wieder Krieg!

Robert Stadlober hat das Hörbuch von "Flammender Frieden" eingesprochen: "Für heutige Leser interessant ist, glaube ich, die Erzählweise, die fast ein bisschen anachronistisch, aber dann doch wieder modern ist. Man findet sie gar nicht so viel im Roman, sondern es ist eher das, was man heutzutage in Fernsehserien sieht. Es gibt unglaublich klar gezeichnete Figuren und einen wahnsinnig spannenden Handlungsstrang. Und das Ganze ist aber unterfüttert mit einer klaren politischen Haltung zur Welt. Um es jetzt mal ganz platt zu sagen: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus. Und das ist in diesem Buch drin, und das hat an Aktualität schrecklicherweise nichts eingebüßt."

Robert Stadelober spricht über das Frühwerk von Stefan Heym
Gesprächsrunde im Rahmen der 25. Erfurter Herbstlese am 1. Dezember 2021: Thema ist das nun erstmals auf Deutsch vorliegende Buch "Flammender Frieden" von Stefan Heym. Auf dem Podium der Übersetzer Bernhard Robben, Moderator Torsten Unger vom MDR und Schauspieler Robert Stadlober, der das Hörbuch spricht (v. l.). Bildrechte: IMAGO / VIADATA

Robert Stadelober liest das Hörbuch und vertont Heyms Gedichte

Robert Stadlober liest nicht nur das Hörbuch, er vertont auch die frühen Gedichte, die Heym als jugendlicher Exilant einst schrieb. Berührende Gedichte voller Pathos und Schmerz. "Es war Wahnsinn, dass sich diese Texte so in Pop-Strukturen ... nicht mal drängen lassen ... sie sind selber reingefallen. Weil es einfach die Texte eines Pubertierenden sind, eines gerade erwachsen werdenden Menschen, der aber von den Nazis verfolgt wird. Und da ist alles Existenzielle, der ganze Schmerz, den Pop so braucht, der ist da drin und gleichzeitig noch so viel mehr, was unsere Zeit schrecklicherweise immer noch beschreibt."

Heym hielt Frühwerk für uninteressant für das Publikum

Buchcover - Stefan Heym: "Flammender Frieden"
Buchcover zu "Flammender Frieden" Bildrechte: C. Bertelsmann Verlag

"Wichtig für mich, aber nicht für den Leser von heute" hielt Stefan Heym viele Jahrzehnte später sein Frühwerk, auch deshalb übersetzte er es nie ins Deutsche. Die Erfahrungen, die er dann im Krieg sammelte, wurden ihm wichtiger, für seinen nächsten Roman "Kreuzfahrer von heute", der ihn weltberühmt machte, und für sein Leben. 1995 sagte er: "Ich bin natürlich gegen ungerechte Kriege, aber in diesem Fall, der Krieg gegen Hitler, war ein gerechter, ein Krieg für die Demokratie. Da gab es für mich gar keine Zweifel, wo ich zu stehen hatte und dass ich, wenn notwendig, auch schießen würde. Ich bin da nicht viel zum Schießen gekommen im Krieg. Ich habe auch da mit der Feder gearbeitet, mit der Schreibmaschine, dem Wort. Aber ich weiß, dass unter Umständen das Wort mächtiger sein kann als die Bleikugel."

Der bleiernen Zeit, in der er lebte, hat Heym viele Worte entgegengehalten. Dass sie leider immer noch sehr aktuell sind, spricht vielleicht nicht gerade für unsere Gegenwart, aber für diesen immer wieder neu zu entdeckenden Dichter.

Informationen zum Buch: Stefan Heym: "Flammender Frieden"
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Originaltitel: Of Smiling Peace
Originalverlag: Little, Brown and Comanie, Boston 1944
Die Übersetzung erschien bei C. Bertelsmann
480 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-570-10446-0

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 09. Dezember 2021 | 22:05 Uhr

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