Buchkritik "Halle Alphabet" von Christian Kreis: Die Stadt in Listenform

Listen und Aufzählungen gehören seit jeher zur Literatur. Schon Homer zählte in 350 Versen die Liste der griechischen Schiffe und ihrer Besatzungen auf, die sich auf den Weg nach Troja machten. In der modernen Literatur spielen Listen immer wieder eine Rolle. Der Autor Christian Kreis aus Halle hat nun eine alphabetische Liste vorgelegt – ein schmales Bändchen mit dem Titel "Halle Alphabet". Gelesen hat das nun ein Magdeburger, unser Kritiker Uli Wittstock.

Autor Christian Kreis 4 min
Bildrechte: Uli Wittstock

Ein schwartenschweres Konvolut legt Christian Kreis da nicht vor, sondern ein leichtfüßiges Büchlein. Ganze 50 Gramm bringt es auf die Rezensenten-Waage, ein Leichtgewicht also, aber keinesfalls in literarischer Hinsicht. Denn Listen, zumal alphabetisch geordnet, sind schon eine Herausforderung. Das räumt auch Christian Kreis ein: "Ich habe einfach über das geschrieben, was mir eingefallen ist." Er habe sich treiben lassen nach den Andekdoten, die er im Kopf gehabt habe, er sei subjektiv vorgegangen: "Woran kann ich mich erinnern? Was bietet die beste Story?"

Natürlich beginnt das Buch mit dem A, allerdings unter Verwendung eines kleinen Tricks, denn eigentlich handelt es sich um die "Scheibe A", ein sagenumwobenes Hochhaus in Halle Neustadt:

Zitat aus "Halle Alphabet" Im Oktober 1997 zog ich von Bernburg in die "Scheibe A" nach Hanoi. Das 18-stöckige Studentenwohnheim war schon ziemlich runter. Meine Mutter hätte fast einen Asthma-Anfall bekommen, als sie das Doppelzimmer betrat, das ich mir mit einem Jura-Studenten teilte. Dabei hatte sie noch nicht einmal die Kakerlaken, die, rücksichtsvoll, um sie nicht völlig zu verschrecken, vor ihrem Eintritt aus dem Sichtfeld geflitzt waren. Christian Kreis: Halle - Alphabet

In der Hallischen Dichterszene ist Christian Kreis durchaus ein Sonderfall, denn seine Texte verhehlen nicht eine gewisse Nähe zum literarischen Underground. Als Mit-Gastgeber einer Lesebühne hat Christian Kreis zudem genügend Rampenerfahrung gesammelt, was dem Halle-Alphabet durchaus anzumerken ist. Denn die Texte, von der Parasitenpresse in Köln veröffentlicht, müssen sich beschränken, auf dass kein Adjektiv zu viel die strenge Seitendisziplin verletzt.

Mit dem Gedicht wollte ich aufzeigen: 'Okay, er kann auch anders. Er kann auch mal ein bisschen ernster, nicht nur so albern, wie meist.'

Schriftsteller Christian Kreis
Christian Kreis, Halle Alphabet
"Halle Alphabet" von Christian Kreis Bildrechte: parasitenpresse

Dem Verleger sei es wichtig gewesen, sagt Christian Kreis, dass er sich kurz halte. "Wir haben also ausgehandelt, dass ich zwei längere Texte drin haben darf und der Rest darf nicht länger als eine Seite sein." Ein Gedicht, das der Autor ebenfalls in den schmalen Band integrierte, solle zeigen: "Okay, er kann auch anders. Er kann auch mal ein bisschen ernster, ist nicht nur so albern, wie meist, sondern hier hat er mal bewiesen, was er lyrisch auch in Hexamter-Form kann." Eine Art Kontrapunkt habe er damit setzen wollen, erklärt Christian Kreis.

Das kleine Gedicht findet sich unter dem Buchstaben G mit dem Titel Glockengruß. Und dieser Gruß führt die Leserschaft ins gründerzeitliche Paulusviertel der Stadt, ein eigentlich lebensfroher Ort, nun aber in dunkler Verschlossenheit.

Zitat aus "Halle Alphabet" Schwarz Befrackte sitzen in Bäumen und krächzen mir zu.
Es ist fast Fünf.
Winterlich dunkelt der Tag.
Wie ein Bundesgenosse lauf' ich in Schwärze gekleidet durch vernebelte Viertel.
Seitwegs Laternen sich ziehen. Christian Kreis: Halle - Alphabet

Ansonsten aber folgt Christian Kreis mit ironischen Anmerkungen der Buchstabenlogik des Deutschen Alphabets. Unter H wie Hallorenkugel findet sich der Hinwies, dass diese ersatzweise auch als Fensterkitt Verwendung finden könnte. Auf seinen Touren begegnet der Dichter "aufgedonnerten Saalerkreislerinnen mit Arschgeweih", sinniert über die Kunst des ironischen Tanzens und die Hässlichkeit des Riebeckplatzes, der allenfalls Studierenden aus Nordkorea zum Wohlfühlen einladen würde.

Stadtführer-Potenzial

Trotz dieser kleinen Boshaftigkeiten hat das Stadtmarketing Halle einen Teil der Auflage übernommen und das nicht, um sie vom Markt zu nehmen, sondern um sie touristisch zu nutzen. Aber auch sonst kommt das Büchlein unseren unsteten Lebensgewohnheiten ziemlich nahe. Passend zum Kaffee to go nun die Story to go.

Passend zum Kaffee to go nun die Story to go: Das Büchlein kommt unseren unsteten Lebensgewohnheiten ziemlich nahe.

Literaturkritiker Ulrich Wittstock, MDR KULTUR

Entsprechende Rückmeldungen habe er schon bekommen, berichtet Christian Kreis, zum Beispiel von Menschen aus Berlin, die meinten, das Buch sei perfekt für eine S-Bahn-Fahrt. "Da dachte ich auch: 'Na gut, immerhin etwas: von Station zu Station in Berlin. Mal so eine kleine Geschichte – funktioniert!'"

Also Heimatkunde aus des Dichters Sicht. Bislang waren die alphabetischen Ortserkundungen der Parasitenpresse auf drei Kölner Stadteile beschränkt. Mit "Halle Alphabet" wagt der Verlag nun den Sprung vom Rheinland ins Ostelbische. Eine schöne Idee, die sicherlich auch in Städten wie Chemnitz, Jena oder Magdeburg funktionieren könnte.

Informationen zum Buch: Christian Kreis: "Halle Alphabet"
Erschienen im Verlag Parasitenpresse
46 Seiten, 10 Euro
ISBN : 978-3947676675

Literatur in Halle

Alexander Suckel 1 min
Bildrechte: Alexander Suckel

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. April 2021 | 14:15 Uhr

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