"Schwäne in Weiß und Gold" Buchtipp: Die Geschichte der Familie Brühl und des Meissener Schwanenporzellans

Vorfahren haben wir alle. Aber für die meisten von uns verliert sich ihre frühe Spur im Dunkel der Geschichte. Nicht so bei Christine von Brühl. Sie ist Teil einer weitverzweigten Familie und die Nachfahrin eines Mannes, der unter den beiden Kurfürst-Königen August der Starke und August III. die Geschicke Sachsens in erheblichem Maße bestimmte. Die Geschichte ihrer Familie hat sie in dem Buch "Schwäne in Weiß und Gold" aufgeschrieben.

Buchcover: „Schwäne in Weiß und Gold. Geschichte einer Familie“
Bildrechte: aufbau verlag

Auslöser des Buches "Schwäne in Weiß und Gold" von Christine von Brühl war offenbar ein Trauma, das mit der Bewertung des berühmtesten Familienmitgliedes begann. Der 1700 in Weißenfels geborene Heinrich von Brühl hatte im Laufe seines 63-jährigen Lebens einen rasanten Aufstieg vom Silberpagen bei August dem Starken zum allmächtigen Premierminister unter – oder wohl besser – neben August III. genommen. 

Zeitgenössische Darstellung Heinrich Graf von Brühl
Heinrich von Brühl (1700–1763) – vom Silberpagen zum allmächtigen Premierminister Bildrechte: imago images/Historisches Auge R

Mit dem Ende des Augusteischen Zeitalters in Sachsen, nach dem verlustreichen Siebenjährigen Krieg, stürzte sein Ansehen ins Bodenlose: Er galt als Verschwender und Verderber Sachsens. So sah ihn die vom Sieger Preußen dominierte Geschichtsschreibung. Romane und die sehr erfolgreiche DDR-Fernsehserie "Sachsens Glanz und Preußens Gloria" befestigten dieses Bild, das die Autorin Christine von Brühl so nicht gelten lassen will:

Es ist vielleicht auch ein Trauma Sachsens, meines Erachtens. Denn heute noch ist die Wahrnehmung so geartet, dass man Heinrich von Brühl als nicht sehr positiv wahrnimmt, dabei war das ja eine Idee Preußens. Er hat ja im Grunde gar nichts falsch gemacht!

Christine von Brühl

Eben das hätten glücklicherweise schon andere Forscherinnen festgestellt, sagt Christine von Brühl. Und so wird seit etwa drei Jahrzehnten daran gearbeitet, das Bild des Grafen geradezurücken.

Eine Familiengeschichte geprägt von Flucht und Vertreibung

Wie es die Ironie der Geschichte so wollte, dienten die nachfolgenden Generationen der Familie am preußischen Hof und beim Militär. Sie waren als Theaterintendanten, Juristen und Landräte in der zweiten Reihe tätig und übernahmen Verantwortung – adlige Müßiggänger waren sie nicht.

Christine Gräfin von Brühl, 2011
Nach der Wende kommt Christine von Brühl als Journalistin nach Dresden und beginnt dort ihre Familiengeschichte zu erforschen. Bildrechte: imago/teutopress

Doch Christine von Brühls Familiengeschichte ist auch eine von Flucht und Vertreibung. Der Zweite Weltkrieg und in dessen Ergebnis die neuen Machtverhältnisse vertrieben die Brühls von den Besitzungen und den Lebensorten im Osten. Der Vater der Autorin war als Diplomat für die Bundesrepublik tätig. Sie ist in Ghana geboren und hat an vielen Orten in der Welt gelebt. Als Botschafter in Wien hat ihr Vater Geflüchtete in Empfang genommen, die aus der DDR über Ungarn gekommen waren. Ihre Mutter kochte Suppe. Und so waren sie mit der aktuellen Geschichte ganz eng verbunden, erzählt Christine von Brühl.

Ein Erbstück der besonderen Art: Das Schwanenservice

Das Brühlsche Schwanenservice
Das 1737 von Heinrich Graf von Brühl in Auftrag gegebene Schwanenservice gilt als Opus Magnum deutscher Barockkunst. Bildrechte: Porzellansammlung SKD

Diese enge Verbindung wird an einem höchst fragilen Erbstück ganz augenscheinlich und konkret: dem Schwanenservice. Heinrich von Brühl, der Premierminister, der auch Direktor der Meissner Manufaktur war, bestellte das größte und künstlerisch gewagteste Service, das die Manufaktur jemals hervorgebracht hat. Als unveräußerliches Familiengut blieb es über 200 Jahre im Familienbesitz und wurde sorgsam gehütet. Bei der Flucht aus Pförten musste es zurückbleiben, wurde geplündert und zerschlagen. Besser erging es den in den Dresdner Kunstsammlungen als Dauerleihgabe verwahrten Teilen, die nach der Wende auch wieder als Brühlsches Eigentum ausgestellt und ausgewiesen worden. Die immensen Bemühungen anderer um die Erhaltung und Ausstellung des Services zu DDR-Zeiten berühren die Familie noch heute zutiefst, sagt Christine von Brühl.

Die Brühlsche Sammlung in Dresden

Aufwändig gestalteter Sockel
Auch ein aufwändig gestalteter Sockel ist Teil des Schwanenservices. Bildrechte: imago images/Artokoloro

Ulrich Pietsch, damals Direktor der Dresdner Porzellansammlung, entdeckte 1998 bei einer Amerika-Reise zufällig einen Tafelaufsatz mit einer Meeresnymphe aus dem berühmten Service in einem Museum in Ohio. Es gelang ihm, den Nachweis zu erbringen, dass die Konfektschale Teil des Brühlschen Besitzes war und die Restitution zu erwirken. Bei der Rückkehr des Fundstückes nach Dresden wurde der Leihvertrag von den Brühls auf unbestimmte Zeit verlängert – ein großzügiger Akt!

"Schwäne in Weiß und Gold": Weder Netzbeschmutzung, noch Adelsnostalgie

Die in Berlin lebende Autorin betreibt in ihrem neuesten Buch weder Netzbeschmutzung, noch Adelsnostalgie. Als erzählerisches Sachbuch bezeichnet sie ihre Art, uns die Familiengeschichte nahe zu bringen. Selbst wenn nicht alle Bewertungen geteilt werden können und von Brühl nicht für alle Stränge ihrer Erzählung einen eigenständigen Ton findet – lesenswert ist diese einmalige, aber mit den Zeitläuften so verwobene Familiengeschichte allemal.

Blick in den neugestalteten Böttgersaal der Porzellansammlung im Zwinger.
Die Dresdner Porzellansammlung beherbergt Teile des Brühlschen Schwanenservices. Bildrechte: SKD/Oliver Killig

Angaben zum Buch Christine von Brühl: "Schwäne in Weiß und Gold. Geschichte einer Familie"
Aufbau-Verlag
350 Seiten
24 Euro
ISBN: 978-3-351-03781-9

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Februar 2021 | 11:15 Uhr

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