Schriftsteller Christoph Hein: ein Mann mit grauem Haar, Schurrbart und Brille blickt ernst in die Kamera.
Christoph Hein wurde am 8. April 1944 in Heinzendorf, heute Jasienica in Südpolen, geboren. In Bad Düben wuchs er auf und studierte später in Leipzig und Berlin. Bildrechte: IMAGO / epd

"Unterm Staub der Zeit" Christoph Heins neuer Roman: eine Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst

12. April 2023, 04:00 Uhr

Christoph Hein schreibt in seinem neuen Roman "Unterm Staub der Zeit" über einen Jugendlichen aus der DDR, der 1958 von Sachsen auf eine Schule in Westberlin wechselt. Das Buch erscheint am 17. April und schildert die Probleme des Ankommens, beschreibt Ausgrenzung und ungewohnte Rituale. Es erzählt auch viel über den Autor selbst, denn auch Hein ging diesen Weg, nachdem er in Bad Düben, nördlich von Leipzig, aufwuchs. "Zutiefst realistisch", findet unser Kritiker.

Als Theaterguru leistete Christoph Hein während der 80er-Jahre Katalysatorarbeit. Er bemühte sich, "mit der Kunst der Welt beizukommen". Wie seine Kollegen Heiner Müller und Volker Braun übernahm er unter der SED-Diktatur ungewollt die Funktion des Aufklärers, die in einer Demokratie gewöhnlich die Medien abdecken. Zeitgleich erwarb er sich mit Büchern wie "Der fremde Freund", "Horns Ende" und "Der Tangospieler" einen Namen als Prosaist.

Dieser Tradition blieb er nach dem Mauerfall mit Werken wie "Frau Paula Trousseau", "Weisskerns Nachlass" und "Verwirrnis" treu. Gerade erscheint ein neuer Roman von ihm. Er trägt den Titel "Unterm Staub der Zeit". Der Roman zehrt komplett von autobiografischen Motiven.

Christoph Hein, Unterm Staub der Zei 4 min
Bildrechte: Suhrkamp Verlag
4 min

MDR KULTUR - Das Radio Mi 12.04.2023 06:00Uhr 04:12 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Christoph Hein schreibt über Demütigung und Ausgrenzung in der Schule

Authentisch und ergreifend erzählt der Schriftsteller, wie sein Protagonist namens Daniel 1958 von den Eltern aus Sachsen unter abenteuerlichen Bedingungen in ein Westberliner Gymnasium geschleust wurde, weil man ihm im Sozialistenstaat beharrlich höhere Bildungswege verwehrte.

Nach dem gefährlichen Grenzübertritt erhält Daniel die Chance, sich an seiner neuen Lehranstalt im demokratischen Teil der gespaltenen deutschen Hauptstadt zu bewähren. Doch der Junge schlittert gerade durch die Abgründe der Teenagerphase und hadert ständig mit sich und seinem Gefühlschaos.

Zunächst fühlt er sich komplett ausgegrenzt in seinem Umfeld, weil ihn dort ein gewaltsames Einweihungsritual erwartet, mit dem er nicht rechnete. Den Ablauf dieser Feuertaufe skizziert Hein plastisch. Die Szene erinnert an Franz Werfels berühmten Text "Der Abituriententag", in dem ein Schüler körperlich gedemütigt wird.

Aus der DDR nach Westberlin: neue Erfahrungen und Abenteuer

Heins Alter Ego Daniel betrachtet den Alltag auf dem Gebiet der freien Welt zu Beginn als Last, denn er muss nach dem Unterricht als Zeitungsausträger und Bote für eine Werbeagentur schuften.

Doch der Vergnügungsfaktor fehlt trotzdem nie. Er schaut Filme, die in der DDR der Zensur zum Opfer gefallen wären, liest für ihn bisher verbotene Bücher und besucht Veranstaltungen, die ihn ebenso inspirieren wie verstören.

Dazu gehört ein Auftritt des legendären Baptisten Billy Graham, der mühelos enorme Massen mobilisierte. Hein schildert den Event des Theologen eher hölzern, geradezu so, als könne er den Gestus des Predigers lediglich anhand eines Youtube-Videos rekonstruieren.

Heins Leben zeigt erstaunliche Parallelen zu James Joyce

Jenseits solcher Schwachpunkte knüpft Hein mit seinem verfremdeten Selbstbildnis inhaltlich an das Prosastück "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann" von James Joyce an. Darin drehte sich alles um die katholische Erziehung der Hauptfigur und die Abrechnung mit deren bigottem Milieu. Hein stammt aus einer evangelischen Pastorenfamilie und steckte wie einst James Joyce manche Bevormundung weg.

Der Schriftsteller Christoph Hein steht 1989 vor einem Mikrofon und hält Zettel in der Hand
Christoph Hein hielt am 4. November 1989 während der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz eine Rede. Bildrechte: dpa

Offenkundig schloss er inzwischen Frieden mit seiner Herkunft. Ob er sich dabei zum Atheisten wandelte, bleibt unsicher. Aber es sticht ins Auge, dass ihn theologische Themen weiterhin faszinieren.

Redaktionelle Bearbeitung: op

Angaben zum Buch

Christoph Hein: "Unterm Staub der Zeit"
220 Seiten
ISBN: 978-3-5184-3112-2
Suhrkamp Verlag, 2023
24 Euro

Lesungen aus "Unterm Staub der Zeit" mit Christoph Hein

19.04.2023 | Berlin | Moderation: Marion Brasch
Veranstalter: LiteraturLive in Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag

20.04.2023 | Weimar | Moderation: Hasko Weber
Veranstalter: Stadt Weimar, LpB Thüringen

21.04.2023 | Erfurt | Veranstalter: Erfurter Herbstlese

28.04.2023 | Leipzig | Moderation: Carsten Otte
Veranstalter: Suhrkamp Verlag, Leipzig liest

03.05.2023 | Dresden | Moderation: Ellen Schweda
Veranstalter: Städtische Bibliotheken Dresden

11.05.2023 | Halle
Veranstalter: Thalia Deutschland

Mehr Buchempfehlungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. April 2023 | 07:10 Uhr