Buchtipp "Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns" Gender-Thema: Philosoph Christoph Türcke polarisiert mit neuem Buch

"Gender" – mit diesem Wort ist eines der meistumkämpften Themen der Gegenwart angerissen. Überall wird darüber diskutiert, ob unsere Alltagssprache männlich dominiert sei. Bereits jetzt verändern sich Gesetze, Sprachregeln und kulturelle Normen. Viele fordern die Überwindung des Denkens in männlichen und weiblichen Kategorien. Auf diese Debatten reagiert der emeritierte Philosophieprofessor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, Christoph Türcke, in seinem jüngsten Buch "Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns".

Eigentlich ist diese ganze Diskussion eine uralte. Die Frage, nach der Gestaltungskraft des Menschen durchzieht die Philosophie seit der Antike. Platon und Bacon, Kant und Hegel, Marx, de Beauvoir, und Foucault – sie alle haben letztlich das Verhältnis von Natur und Kultur immer wieder untersucht. Warum denken wir, was und wie wir denken – warum zum Beispiel unterscheiden wir zwischen dem Einen und dem Vielen, zwischen Quantität und Qualität, zwischen wahr und falsch. Natürlich ist der Mensch im Laufe seiner Entwicklung zu einem raffinierten Konstrukteur, Umformer und Erfinder geworden – aber:

Man konstruiert ETWAS, man legt sich ETWAS zurecht. Das heißt, es ist immer ein Material da, was wir zusammenfügen, wenn wir konstruieren. Und wenn jetzt gesagt wird, wir konstruieren nach Belieben, wir konstruieren uns die Welt, ohne dass noch gesagt wird, woraus denn, was ist denn der Naturstoff, dann tritt etwas Merkwürdiges ein – man tut so, als konstruiere man aus nichts.

Christoph Türcke
Porträt Christoph Türcke
Für Christoph Türcke ist eine Umwandlung unseres Geschlechts ein Eingriff in das, was uns die Natur mitgegeben hat. Bildrechte: Ekko von Schwichow

Und dieses Etwas, sagt Christoph Türcke, kann nur die Natur sein, gegen die sich der Mensch hat behaupten müssen. Aus einer Not heraus, im Überlebenskampf gegen die Naturgewalten, ist der Mensch zur Sprache gekommen, zur Technik, zur Kunst, zur Kultur. Er hat seine einstigen Flucht- und Abwehr-Impulse so weit verfeinert, dass eben die Ur-Impulse dahinter kaum noch zu erkennen sind. Und eben daraus erwächst eine Verlockung: Vielleicht können wir ja alles, was uns die Natur einst mitgegeben hat, umformen und überschreiten:

Das WORAUS verflüchtigt sich in eine beliebige, gastaltlose, in jede Richtung willige Knetmasse. Kurzum: Da haben wir es dann mit einem Machbarkeitswahn zu tun.

Christoph Türcke

Geschlecht als Streitpunkt

Menschen können zum Mond fliegen, zum Mariannengraben tauchen und sich selbst virtuell vervielfältigen – warum also sollten sie sich nicht auch ein neues, drittes oder viertes Geschlecht herbeikonstruieren und dann ein von den Zwängen des Mann- oder Frau-Seins befreites Leben führen? Im Raum München hat sich die Zahl der Menschen, die Beratung zum Thema Transgender in Anspruch nehmen seit 2013 verfünffacht. In den USA bezeichnen sich bereits etwa 150.000 Dreizehn- bis Siebzehnjährige als transgender. Türcke lobt in seinem Buch ausdrücklich die Möglichkeiten liberaler Gesellschaften, mit den diversen Geschlechtsidentitäten und Sexualitätsmodellen umzugehen.

Judith Butler
Die Philosophin Judith Butler beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und fordert, das Denken in "männlich/weiblich" zu überwinden. Bildrechte: imago/ZUMA Press


Sexualität ist immer kulturell verfeinerter Trieb, und ob sich dieser Trieb nun als hetero- oder homoerotische Spielart ausprägt, ist von verschiedensten Einflüssen abhängig. Sexualität kann sich von festen Geschlechtszuschreibungen lösen – aber heißt das zugleich, dass sich auch die Geschlechter, die in der Natur vor allem als weiblich und männlich vorkommen, beliebig umformen und neu bestimmen lassen? Noch einmal, Türcke warnt nicht davor, Menschen zu helfen, die sich in ihrer Geschlechtsidentität unwohl, unbehaust fühlen. Wohl aber warnt er davor, diese Hilfsangebote und Möglichkeiten allzu leicht in den Kreislauf von Mode und popkulturellem Spiel einzuspeisen.

Wenn man spielerisch eben mal sein Geschlecht umwandelt, dann bedeutet das einen tiefen chirurgischen Eingriff und man nimmt dabei natürlich alle seelischen Probleme, die diesen Wunsch nach Geschlechtsumwandlung geweckt haben, mit in das neue Geschlecht. Es hört ja nicht auf, ein tiefer physischer Eingriff zu sein.

Christoph Türcke

Letztlich, so sagt Christoph Türcke, ist ein Eingriff bzw. eine Umwandlung unseres Geschlechts ein Eingriff in das, was uns die Natur mitgegeben hat. Und die Natur, wann würden wir es härter zu spüren bekommen als derzeit, ist eben nicht einfach vom Menschen neu und nach Belieben umzuformen.

Mehr Infos zu Christoph Türcke

Christoph Türcke, geboren 1948 in Hameln, ist Professor für Philosophie und war in dieser Position unter anderem an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig sowie der Universität Leipzig tätig. 1993 hatte Türcke auf einem Kongress der Zeitschrift "konkret" für medialen Aufruhr gesorgt, als er dort mit seinen Thesen zur Gültigkeit biologischer Rassebegriffe öffentlich polarisiert hatte. Daraufhin wurde ihm Rassismus vorgeworfen.

Angaben zum Buch Christoph Türcke: "Natur und Gender. Kritik eines Machbarkeitswahns"
C.H.Beck
233 Seiten
ISBN 978-3-406-75729-7
22,00 €

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Februar 2021 | 19:05 Uhr

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