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Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer wird 40 Jahre alt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus Anger-Crottendorf in die Welt

Angekommen in der "Scheiß-Literatur" - Clemens Meyer wird 40

von Matthias Schmidt

Stand: 17. August 2017, 04:00 Uhr

Als Clemens Meyer 2006 mit dem Roman "Als wir träumten" debütierte, war die Presse voll des Lobes. Darin erzählt er von den sogenannten einfachen Leuten, von Verlierern und Scheiternden. Er selbst ist inzwischen da, wo er immer hinwollte. Am 20. August wird Meyer 40.

Wenn Renntag im Leipziger Scheibenholz ist, dann weiß man, wo Clemens Meyer ist: Im Scheibenholz. Dem Leben auf der Spur, den Pferden und: dem Glück. Clemens Meyer träumt, wie viele der Figuren in seinen Büchern, vom großen Gewinn. Hat er Geld – Schriftsteller, muss man wissen, haben damit nicht selten zu kämpfen – ist er einer Wette nicht abgeneigt. Irgendwann muss es doch klappen. Meistens klappt es nicht.

Clemens Meyer liebt Bahnhöfe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein guter Ort für eine Verabredung mit Clemens Meyer ist auch der Leipziger Hauptbahnhof. Ein Schriftstellerleben ist viel mehr, als man denkt, ein Leben auf Achse. 2006 erscheint sein erster Roman "Als wir träumten". Heute, einige Bücher später, ist er einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation. Preisgekrönt. In zahlreiche Sprachen übersetzt. Viel auf Reisen.

Berühmt gemacht haben Meyer große und kleine Geschichten aus dem wirklichen Leben. Sie sind sein Fundus. Angeeignet hat er sie sich unter anderem in den Zügen, mit denen er das Land durchquert:

Auf Reisen hat man eben die Ruhe, und es kann mir auch keiner in mein Leben eingreifen. Bei mir kann keiner klingeln und sagen, Rechnung XY muss bezahlt werden. Ich bin auch ein Bahnhofsfanatiker. Das schwappt dann mal in das eine oder andere Buch hinein.

Der Blick aus dem Fenster wird zur Weltliteratur

Aufgewachsen ist Meyer im Leipziger Osten, in Anger-Crottendorf. Hier lebte er als Kind, hier begann er zu schreiben, hier arbeitet er bis heute. Was vor seinem Fenster geschah – und geschieht, das prägt ihn. Er lohnt sich, dieser Blick. Vor allem für Leute, die ihre Fenster in einer besseren Gegend haben. Bei Clemens Meyer wird er, was nur selten geschieht, zu Literatur.

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Du kannst jedes kleine Dorf zu Weltliteratur machen, indem du die Geschichten der Leute erzählst und sie zur selben Zeit groß machst durch Sprache, durch Konflikte, eben alles, was Literatur ausmacht. Für mich ist Leipzig ein Ort, an dem ich die Welt erzählen kann.

Clemens Meyer

Die Welt erzählen, das bedeutet für den 1977 in Halle an der Saale Geborenen stets, Erinnerungen und Erlebtes zu verwandeln – in Bücher, von denen die Kritiker schwärmen, sie seien "Rhapsodien der Antihelden", melancholisch, melodisch, nichts verklärend. Mehrere dieser Texte haben es bereits in die Kinos geschafft. "Als wir träumten" wurde 2014 von Regisseur Andreas Dresen verfilmt und lief im Wettbewerb der Berlinale. Darin geht es um die Zeit, in der die Montagsdemonstrationen die DDR ins Wanken bringen. Als Zwölfjähriger hatte Meyer diese Zeit in seiner Heimatstadt Leipzig miterlebt. Die Wende und noch stärker die Jahre nach der Wiedervereinigung sind der große Stoff für sein Leben als Schriftsteller.

Die Wende im Herbst '89 konnte ich dank meiner Mutter hautnah erleben. Sie begann zeitig, auf die Montags-Demonstrationen zu gehen.

Clemens Meyer

"Tanz auf den Trümmern"

Es ist eine Zeit, in der es plötzlich kein Richtig und kein Falsch mehr gibt. Stattdessen gibt es jetzt Linke und Rechte, und nur Wochen zuvor hätte niemand sagen können, wer einmal auf welcher Seite landen würde. Wie Jugendliche diese Jahre erleben, hat vor Clemens Meyer noch keiner beschrieben. Nicht so plastisch, so eindringlich wie er, der dabei war.

Ich sehe mich als ein Kind dieser Nachwendezeit, der frühen 90er-Jahre, in denen alles durcheinandergeworfen wurde, in denen ich die prägendsten Erfahrungen meines Lebens gemacht habe. Das wird in 'Als wir träumten' auch beschrieben: So eine Art Tanz auf den Trümmern. Meine Generation kam in die Pubertät, wir erlebten sowieso ein Chaos der Gefühle. Und dann noch diese Zeitenwende, wo plötzlich Banden entstanden, es kam zu Straßenschlachten, Drogen eroberten den Markt, es gab Autoknackerbanden.

Clemens Meyer

Alles ist möglich in jenen Jahren. Die Schüler, denen bislang immer gesagt wurde, was erlaubt ist und was verboten – sie machen jetzt, was sie wollen. Sie träumen und sie kämpfen. Sie leben den Tag, sie tanzen die Nacht.

Als wir 16, 17 waren, kamen wir auf die Idee, eine illegale Techno-Diskothek aufzumachen. Mindestens einer lebt nicht mehr. Da haben wir hier Discos veranstaltet in einer alten Fabrik. Wir haben immer gesagt, wir holen die Leute von der Straße, wenn die Polizei kam.

Clemens Meyer

Meyers Helden träumen Großes und leben gefährlich. Einige von ihnen landen hinter Gittern, andere überleben diesen Tanz auf den Trümmern nicht. Für Rico geht es in den Knast, Dannie ist frei. Und Clemens? Clemens Meyer war - nicht ganz zufällig – in derselben Situation. Schule beendet. Zukunft unklar. Ganz und gar frei! Er wollte nicht studieren, nachdem er das Abitur – so sagt er – gerade so geschafft hatte. Darum ging er erst einmal auf den Bau.

Für mich war immer klar, auch als ich auf dem Bau geschuftet habe, oder mal vor Gericht stand als Jugendlicher - für mich gilt nur eins: Die Literatur! Für mich galt das als Lebensweg, den man gehen muss. Sozusagen das zu haben, auf dem Boden zu sein, was Gorki meine Universitäten nannte. Meine Universität war eben lange der Bau, auf dem ich gearbeitet habe, war lange eben das Viertel, in dem ich aufgewachsen bin. Ich glaube, dass ich in meiner Familie lange Zeit als schwarzes Schaf galt.

Clemens Meyer (2006)

Ein Leben in zwei Welten

Auf dem Bau bleibt Meyer, bis der Rücken nicht mehr mitmacht. Jobben und träumen, vom Schreiben, vom Schriftstellern. Er lebt in zwei Welten. Wie es auch zwei Familien-Welten waren, die seine Kindheit und Jugend ausmachten: auf der einen Seite – mütterlicherseits – die hallesche Künstlerfamilie Möhwald. Auf der anderen die vorpommerschen "Butter-Meyers" vom Lande – väterlicherseits.

Auf dem Dorf, wenn die da tranken und saßen und Skat spielten, das war für mich genauso faszinierend, wie wenn mein Großvater, der Künstler, an seiner Staffelei stand, obwohl ich da nur selten zuguckte, da hatte man Ehrfurcht. Aber wenn er erzählte, über Literatur und über Kunst und Musik. Das sind zwei Einflüsse, da kommt das eine ohne das andere auch nicht aus, und das ist auch das, was mich geprägt hat, diese Mischung.

Clemens Meyer

Diese beiden Einflüsse werden ihn als Künstler begleiten. Karl May und Jack London faszinieren Meyer ebenso wie James Joyce und Hans Henny Jahnn. Von 1998 bis 2003 studiert er am Leipziger Literaturinstitut. Nebenbei schreibt an seinem ersten Roman, "Als wir träumten". Und jobbt als Wachmann.

Da habe ich nachts viel Zeit gehabt, 12-Stunden-Schichten, das waren sogar 14-Stunden-Schichten, die ich da gehabt habe. Und da habe ich angefangen, mit den ersten Kapiteln, 'Kinderspiele' hieß das. Da habe ich aber lange dran geschrieben, ich habe das 99 angefangen, und habe das dann bis 2001 immer wieder umgeschrieben. Also ich habe, kann man sagen, zwei Jahre lang an sieben Seiten gearbeitet.

Clemens Meyer (2006)

Weil er arbeiten muss, um sein Leben zu finanzieren, braucht Meyer fünf Jahre bis zum Studien-Abschluss. Die meisten schaffen es in drei Jahren. Heute ist er Dozent am Literaturinstitut.

Es gab auch Zeiten, wo ich dachte, es wird gar nichts. Ich wollte auch schon das Literaturinstitut verlassen, ich bin dann regelrecht halt in die Arbeitswelt geflüchtet, weil ich das da nicht ausgehalten habe unter diesen ganzen Intellektuellen.

Clemens Meyer

Der studierte Hartz IV-Empfänger

2003 ist er ein Absolvent! Mit Diplom in der Tasche und Hund Piet an der Seite sitzt er in seiner Wohnung und träumt vom Leben als Schriftsteller. Mit Hartz IV und Mc-Jobs (ungelernte Gelegenheitsarbeiten) hält er sich über Wasser. Er räumt im Großhandel. Er reinigt Züge. Zwei Jahre lang.

Nach dem Studium wird Meyer in Leipzig als Ringrichter bekannt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da habe ich immer gedacht an den Spruch von Dostojewski: Demütige dich, edler Mensch! Da standst du mit deinem blöden Diplom plötzlich nachts im Blaumann und 'nem Schrubber im Zug, und ich habe gedacht: Muss das so sein? Aber ich musste irgendwo Geld her kriegen. Andererseits denke ich manchmal, paradoxerweise, die glücklichste Zeit waren diese zwei Jahre.

Clemens Meyer

In dieser Zeit sieht man Clemens Meyer an Boxringen zu Hochform auflaufen. Als Ringrichter – selbst boxen kann er nicht. Er macht sich einen Namen als Entertainer. Der bunteste Vogel in Leipzigs Literaturszene. Das Image, das er sich zulegt: der tätowierte Mann aus dem Osten.

Ich musste ja mit dem Buch da rein, ich musste ja auch mich präsentieren, ich musste ja da sein, das merkte ich instinktiv schon, ohne dass ich einen Vermarktungsmechanismus dachte, überhaupt, ich war ja sehr, sehr naiv, war auch gut so. Aber ich wollte da rein, wie Schröder am Tor gerüttelt hat, am Bundeskanzleramt und geschrien hat, ich will da rein. Ich wollte in diese Scheiß-Literatur mit diesem Buch, und zwar in einen guten Verlag, einen großen Verlag.

Clemens Meyer

Seine Texte, aber auch seine sächsische Schlagfertigkeit sprechen sich herum. Er wird bekannter. Er nimmt in Klagenfurt am renommierten Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil. Eine von Deutschlands wichtigsten Kritikerinnen nennt dort, was er schreibt, "Unterschichten-Kasperle-Theater".

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das ging mir damals schon ganz schön an die Nieren. Unterschichten-Kasperle-Theater, ja, dann macht wahrscheinlich Martin Walser Oberschichten-Kasperle-Theater. Können wir uns ja einigen. Würde aber keiner sagen.

Clemens Meyer

Angekommen in der "Scheiß-Literatur"

2005 hat er es tatsächlich geschafft, "Als wir träumten“, das erste Buch, ist angenommen von einem großen, namhaften Verlag: Fischer. Da erscheint auch Thomas Mann! Das Schriftsteller-Leben beginnt. Mit einem Schreiben ans Amt.

Ich habe denen 2005 einen Brief geschrieben, handschriftlich: Hiermit melde ich meine Hartz-IV-Bezüge ab, zum 01.12.2006 bin ich als freier Schriftsteller tätig. Mit herzlichen Grüßen, Clemens Meyer.

Clemens Meyer

Geld freilich hat der junge Autor da noch keins verdient.

Wo ich nach Frankfurt fahren wollte, weil mich der Verlag dann endlich - war es so weit, 2005, da musste ich meine Mutter noch anpumpen. Ich wusste aber, du fährst jetzt dahin, und hier ändert sich dein ganzes Leben.

Clemens Meyer

Das Leben ändert sich tatsächlich. Für "Die Nacht die Lichter", sein zweites Buch, erhält er 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse und jubelt schöner als alle zuvor.

2008 freut sich Meyer über den Preis der Leipziger Buchmesse. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ja, es ist der blanke Wahnsinn. Ich stehe hier vor einem Plakat an der Hauswand, und der Typ auf dem Plakat ist größer als ich, ich bin überlebensgroß dargestellt, Und jeder, der hier lang kommt, sieht mich.

Clemens Meyer (2008)

Meyer aus Anger-Crottendorf liest jetzt in New York. Seine Texte werden auf Theaterbühnen gespielt. Er ist jetzt dort, wo er immer hinwollte.

Plötzlich war dieses Ziel weg, auf das du jahrelang hin gearbeitet hast, den Durchbruch als Schriftsteller zu schaffen, in einem großen Verlag, mit ein bisschen Geld, davon leben zu können. Richtig gefährlich ist es nach 'Die Nacht die Lichter geworden', 2008. Da war auch die Naivität weg, da hat man gedacht, jetzt bist du der Allergrößte, hat man sein ganzes Geld verprasst, hat keine Steuern bezahlt, na ja, was man eben für Unsinn gemacht hat. Dann war aber im Hintergrund am Horizont schon groß 'Im Stein', und das war eben das, wo ich draufhin gearbeitet habe.

Clemens Meyer

"Im Stein", sein komplexes, vielstimmiges Buch über die Prostitution wird 2017 für den Man Booker International Price nominiert – ein internationaler Adelsschlag für den Mann aus dem Leipziger Osten und seinen poetischen Realismus.

Geschichten von Nieten

In all seinen Büchern erzählt er von den so genannten einfachen Leuten, die doch dieselben Hoffnungen haben wie die, die man gemeinhin Gewinner nennt. Das ganz normale Leben eben. Ohne dazu erfundenes Happy End.

Aber natürlich lebt Literatur eher von der Tragödie, von der Unerfülltheit, von der Sehnsucht nach einer Erfüllung, die eben nicht zugestanden wird, sondern wir begleiten diese Figuren und wissen eigentlich die ganze Zeit, verdammt, das wird wahrscheinlich einfach nichts ...

Clemens Meyer

Nicht jedes Los gewinnt, heißt das an den Losbuden auf Rummelplätzen. Vielleicht deshalb ist die Leipziger Kleinmesse noch so ein Meyer-Lieblingsort. Weil man hier förmlich spüren kann, worum es geht: um den Traum vom Glück, den jeder träumt. Obwohl er weiß, die meisten Lose sind nun Mal Nieten. Clemens Meyer schreibt weiter, kämpft weiter, träumt weiter.

Für mich gibt es immer nur das nächste Buch. Nach dem Buch ist vor dem Buch. Solange das noch so ist, ist alles gut. Wenn schon die Frage bei dir sich aufdrängt: Was könnte ich denn jetzt mal machen? - dann ist es vorbei.

Clemens Meyer

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Fernsehen:Lebensläufe | 17.08.2017 | 23:05 Uhr