"Stäube. Drei Erzählungen und ein Nachsatz" Clemens Meyer gräbt in neuen Kurzgeschichten im Bergwerk der Geschichte

Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer debütiert 2006 mit seinem Roman "Als wir träumten". Es folgten zahlreiche preisgekrönte Bücher und Erzählbände. Nach seiner zuletzt veröffentlichten Erzählung "Nacht im Bioskop" erscheint am 1. Oktober im Verlag Faber & Faber nun sein neuer Erzählband mit dem Titel "Stäube". In drei Kurzgeschichten taucht Clemens Meyer hinab in Höhlen, Bergwerke und Abraume und zeigt, dass diese Sehnsuchtsorte auch mit Schmerz, Verlust und der Beschädigung der menschlichen Würde verbunden sein können.

Der Schriftsteller Clemens Meyer, aufgenommen bei der MDR-Talkshow Riverboat am 28.05.2021 in Leipzig,
Clemens Meyer wurde 1977 in Halle geboren und lebt in Leipzig. Bildrechte: dpa

"Der Mensch strebt in den Grund. Immer schon. Wir kommen aus den Höhlen und fahren in die Höhlen" – so heißt es in einer der neuen Erzählungen von Clemens Meyer aus dem Band "Stäube". Sie alle vollziehen diese Bewegungen nach und funktionieren wie Bohrungen. Sie graben sich in die eigene Geschichte ein und fragen, woher wir kommen und was dieses Woher ausmacht.

In der ersten Geschichte besucht ein Sohn seine Mutter. Sie harrt in ihrem Zuhause aus, das die Bagger einmal fast verschlungen hätten. Jetzt soll sie ihr Haus wirklich verlassen, vermutlich, um in ein Heim zu ziehen. Dem Sohn wird schwer ums Herz, als er mit einem Gedanken zu ihr kommt.

Auszug aus "Stäube" Er war in den letzten Jahren zu oft durch diese Türen gegangen, sich öffnend, sich schließend, und er spürte die zusammengefalteten Papiere in der Innentasche seines Mantels, schwer und groß schienen sie ihm plötzlich, wie ein Brikett, und als er in seine Innentasche griff, zerbröckelte das Brikett, zerbröselte wie ein Stück Braunkohle, die rund um diese Stadt und ihr Dorf und die anderen Dörfer so viele Jahre gefördert worden war, und erschrocken sah er seine braune, schwarze Hand, in der die Krümel und Stücke lagen, die Papiere waren in den Flözen zu Kohle geworden, verkohlt, verwandelt, in die Schichten gepresst ...

Fotografie, Betram Kober
Der Erzähband enthält Fotografien des renommierten Leipziger Fotografen Bertram Kober. Bildrechte: Bertram Kober / Faber & Faber

Clemens Meyer schreibt über gesellschaftliche Umbrüche

Wie in seinen Romanen schreibt Clemens Meyer wieder über gesellschaftliche Umbrüche. Auch wenn Orte nur in Buchstaben angedeutet werden, schimmern mitteldeutsche Landschaften durch. Genauer gesagt die ehemaligen Tagebaulandschaften. Die Fragen nach Heimat, die Meyer stellt, sind also in Zeiten des Kohleausstiegs hochaktuell. Seine Erzählungen zeigen die großen Umwälzungen der Geschichte im Kleinen, Persönlichen.

Auszug aus "Stäube" Wir werden verschwinden, so sagten sie damals im Dorf, so hieß es. Denn die Gruben kamen näher, die Bagger kamen näher. Die Nachbardörfer verschwanden. Die Bewohner wurden umgesiedelt, zogen in die kleine Stadt, näher zu dem großen Werk, in dem viele von ihnen arbeiteten. Wie sein Onkel. Andere gingen in die Braunkohle, dort wurde gut gezahlt, zogen in den Abraum, der um ihre Dörfer immer weiter wuchs, Abraum, Alptraum, Unraum ...

Fotografie, Betram Kober
Nicht die Erzählungen zu illustrieren, war Bertram Kobers Absicht, sondern der literarischen Stimme einen weiteren Echoraum zu geben. Bildrechte: Bertram Kober / Faber & Faber

Vielschichtige Short Storys

Die neuen Erzählungen sind Short Storys im besten Sinne. Clemens Meyer montiert seine Szenen geschickt aneinander, deutet an und verdichtet. Zum Beispiel, wenn ein Höhlenforscher in einer weiteren Geschichte den Weg aus den Stollen und Höhlen nicht mehr herausfindet und sein Leben an ihm vorbeizieht.

Die Erzählungen sind – und das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen – vielschichtig. Die letzte Kurzgeschichte im Band trägt den Titel "Wo die Drachen wohnen" und ist aus Sicht eines Mädchens erzählt. Sie ist märchenhaft im Ton und beschreibt die Bagger, die das Dorf des Mädchens verschlungen haben, als Drachen.

Auszug aus "Stäube" Ich will ihm von Liebe und Erlösung und einem Sarg aus Glas erzählen, aber er hört schon nicht mehr zu. Er ist woanders und schaut mit großen dunklen Augen auf die Drachen, die durch den Staub kriechen, die den Staub aufwirbeln. Es gibt so viele verschiedene Sorten Staub, ganz feinen weißen, auch schwarzen aus Kohle, mancher schmeckt bitter, anderer süß; als ich ganz klein war, kannte ich sie alle, sie kommen aus den Schichten der Erde, in denen nun auch unser Dorf verschwunden ist, und in die die Drachen ihre Höhlen graben.

Fotografie von Betram Kober in Clemens Meyers Band "Stäube"
Bertram Kobers Fotografien untermauern die durch die Texte vermittelte Atmosphäre. Bildrechte: Bertram Kober / Faber & Faber

Vom Ende der Braunkohle über den NSU hin zum Krieg in Jugoslawien

Clemens Meyer zeigt auch in seinem neusten Buch, was die Kurzgeschichte kann. In der letzten Erzählung, die erkennbar in Zwickau spielt, spannt er den Bogen vom Ende der Braunkohle über den NSU hin zum Krieg in Jugoslawien. Die Geschichte deutet schon den nächsten Roman an. Der soll in ein bis zwei Jahren erscheinen und wieder in verschwundene Dörfer und Landschaften führen – ebenfalls im ehemaligen Jugoslawien. Clemens Meyer, so viel steht fest, gräbt weiter im Bergwerk der Geschichte.

Clemens Meyer: "Stäube" (Cover)
"Stäube" erscheint am 1. Oktober im Verlag Faber & Faber. Bildrechte: Faber & Faber Verlag GmbH

Angaben zum Buch Clemens Meyer: "Stäube. Drei Erzählungen und ein Nachsatz"
mit 16 Fotografien von Bertram Kober
Erschienen bei Faber & Faber
128 Seiten
ISBN 978-3-86730-158-9

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. September 2021 | 18:40 Uhr

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