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Gedenken an die Corona TotenDas Virus und seine Verletzlichkeit

Betrachtung

Corona: Warum es Schriftstellerin Martina Hefter schwerfällt, solidarisch zu sein

von Martina Hefter

Stand: 18. April 2021, 04:00 Uhr

Die Corona-Pandemie verändert die Maßstäbe global. Plötzlich werden Menschen zu Egoisten, die das vorher nicht gedacht hätten. Die westliche Welt sichert sich umfangreich Impfungen, die sogenannten Entwicklungsländer stehen hinten an. Über allem steht die Trauer um die Leidenden und Corona-Toten und die Angst, dass man lange auf eine Impfung warten muss. Die Leipziger Schriftstellerin Martina Hefter sagt von sich selbst "Es fällt mir schwer, solidarisch zu sein" und erklärt ihre Gedanken.

Ein Abend Ende März 2021. Ich schau mir in der ARD-Mediathek alle Folgen einer Dokuserie über die Corona-Intensivstation der Berliner Charité an. Sehe eine 28-jährige Frau sterben. Sehe einen 50-jährigen Mann sterben. Sehe die Frau des Mannes am Bett ihres toten Mannes ein Lied singen. Sehe die Eltern der 28-jährigen Frau unter Schock im Wartezimmer sitzen, nachdem ein Arzt ihnen die Nachricht vom Tod ihrer Tochter überbracht hat.

Ich sehe einen jungen Mann mit schwerstem Verlauf, sein Blut fließt durch Schläuche in eine künstliche Lunge und wieder zurück in den Körper. Er kann seinen Namen nicht mehr aussprechen. Er ist die ganze Zeit bei Bewusstsein. Ich sehe desillusionierte Ärztinnen, Pfleger, es sterben weitere Menschen. Immer wieder muss ich weinen.

Impfzentrum auf der Messe Erfurt, für viele Ungeimpfte mittlerweile ein Sehnsuchtsort, um endlich den begehrten persönlichen Impfschutz zu erhalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einsames Proben unter Tränen

Wenige Tage zuvor habe ich live aus dem Veranstaltungssaal des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL) eine Performance gestreamt, ich zeigte einen eigentlich für das Leipziger LOFFT-Theater erarbeiteten Theatermonolog und dokumentierte die Umstände, die mich schließlich ans DLL brachten. Dort hatte ich mehrere Monate nahezu allein im geschlossenen Haus geprobt. Jede Probe begann damit, dass ich weinte – weil ich so einsam proben musste, weil ich wusste, es würde am Ende kein Publikum geben. Ich sehnte mich zurück in mein früheres Leben als Künstlerin.

Während ich die Doku sah, erschienen mir meine eigenen Nöte mit einem Schlag irrelevant. Aber sofort nach dem Ende der Doku waren sie wieder riesengroß.

Alle sind sich selbst am Nächsten

Martina Hefter bei einer Lesung 2010 Bildrechte: imago/stock&people

In einer Katastrophe scheint sich jeder selbst der Nächste zu sein – was ich früher den Spielfilmen über Katastrophen nie so ganz glaubte, ist jetzt eine Tatsache. Sie fängt direkt bei mir an.

Zum Beispiel würde ich jetzt ohne zu zögern bei einer Covid-Impfung früher drankommen wollen als andere. Ich habe Angst, dass ich erst ganz zuletzt geimpft werde und denke über Strategien nach, wie ich das verhindern kann. Und wie wir als Staat, als Kontinent, als westliche Gesellschaft, immer erst uns selbst im Auge haben, das merke ich schon gar nicht mehr.

Schwierige Solidarität

Wieder Stichwort Impfung: Wie alle beschwere ich mich darüber, dass es in Deutschland so langsam vorangeht mit den Impfungen. Ich will auch, wie in den USA, einfach im Supermarkt geimpft werden, gern gleich morgen.

Corona-Vorsichtsmaßnahmen in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe Bildrechte: dpa

Aber was ist eigentlich mit den sogenannten Entwicklungsländern? Schnappen wir ihnen ihre Impfdosen mit so einer Strategie nicht auch hemmungslos weg? Wenn jedes Land auf der Welt genau die Anzahl Impfdosen für seine Einwohnerzahl bekäme, also, wenn man an sehr bevölkerungsreiche, sehr arme Länder ggf. auch etwas abgeben müsste und das zur Folge hätte, dass ich als Individuum eben erst Weihnachten geimpft werden kann – wie ginge es mir damit? Ich weiß es nicht.

Es fällt mir schwer, solidarisch zu sein in diesen Zeiten. Und wahrscheinlich ist diese Haltung – leider – der Normalfall. Die Aufgabe wäre dann, aus dem Normalfall auszubrechen. Dass ich mich an die Toten aus der Charité über die Dauer des Films hinaus erinnere, vielleicht gehört das schon dazu.

Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie

mit Audio

Der schwere Abschied

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. April 2021 | 18:05 Uhr