Buchtipp Neuer Roman der Leipziger Autorin Daniela Krien: Was tun, wenn die Liebe alt wird?

Daniela Kriens Roman "Die Liebe im Ernstfall" über fünf Leipzigerinnen ist ein Bestseller und schon in 25 Sprachen übersetzt worden. 2020 erhielt die gebürtige Thüringerin den Sächsischen Literaturpreis. Ihr neues Buch "Der Brand" handelt von einem älteren Paar aus Dresden, dessen Liebe verschwunden zu sein scheint. Im Sommerurlaub in der Uckermark versuchen Rahel und Peter ihre Beziehung zu retten.

Was Rahel und Peter geschafft haben, ist nicht vielen ihrer Freunde gelungen: sie sind seit 28 Jahren verheiratet. Leicht ist das nie gewesen, im Moment ist es besonders schwer. Peter hat sich zurückgezogen, er macht ausgiebige Radtouren oder vertieft sich in seine Bücher. An der Uni hatte er einen heftigen Disput zum Thema männliche und weibliche Identität, ihm wurde Chauvinismus und Rückständigkeit vorgeworfen, der Streit wurde sogar in der überregionalen Presse aufgegriffen. Peter ist wütend über das flache Diskussionsniveau im Seminar, aber auch ratlos und gekränkt. Rahel findet ihn mimosenhaft, er geht ihr auf die Nerven.

Beim Abendessen legt er die Salamischeiben so auf sein Brot, dass sie den Rand der Brotscheibe nicht überlappen. Die Möhre spaltet er der Länge nach, halbiert die Hälften und legt die Stifte ordentlich aufgereiht neben die Gurkenscheiben. (...) Rahel beißt in eine ganze Möhre und fürchtet sich vor dem Abend.

Auszug aus "Der Brand"

Rahel hat genug zu tun in ihrer psychotherapeutischen Praxis. Die Patienten fordern sie. Aber das reicht ihr nicht, sie fühlt sich von Peter vernachlässigt. Da hilft weder das gute Lammfilet, noch der Wein, auf den beide Wert legen.

Sie schlafen nicht mehr miteinander, schon eine zufällige Berührung lässt ihn zusammenzucken. Und das im Urlaub. Sie verbringen ihn im Haus ihrer älteren Freunde in der Uckermark, während die Freunde in der Rehaklinik sind. Der Mann, Viktor, hatte einen Schlaganfall. Rahel hat als Kind viele Sommer bei ihnen verbracht, sie waren für sie der Ruhepol, viel sicherer als die Mutter mit ihren wechselnden Partnern.

Große Erzählungen von zwischenmenschlichen Beziehungen

Buchcover: "Der Brand" von Daniela Krien
In Daniela Kriens aktuellem Roman versucht ein Paar aus Dresden seine Beziehung im Sommerurlaub zu retten. Bildrechte: Diogenes Verlag

Daniela Krien erzählt von Beziehungen, das ist ihre große Stärke: die Beziehung des sich fremd gewordenen Paares, die Beziehung zur Tochter, die als Drama Queen Aufmerksamkeit erzwingt, während der Sohn sich ganz mit seiner Ausbildung zum Gebirgsjäger identifiziert. Immer geht es um das, was die Beteiligten sich gegenseitig zumuten, auch um das, was sie um des lieben Friedens willen runterschlucken, das, was oft später als Gehässigkeit herausplatzt.

Besonders interessant ist die Rolle des alten Viktor. Er ist Bildhauer, und in seiner Abwesenheit guckt sich Rahel im Atelier um. Sie findet Blätter, auf denen er sie als kleines Mädchen gezeichnet hat. Immer wieder sie und ihre Mutter. Sie wagt die Frage kaum zu denken, ob er ihr Vater ist. Ihre verstorbene Mutter hat behauptet, er sei nach einer einzigen Nacht verschwunden.

Wenn die Entfernung zueinander schwerer wiegt als die Nähe

Sie muss ihre Vermutung mit Peter besprechen. Gerade als Rahel ihm von dem Fund im Atelier berichten will, steht er auf und sagt: "Ich leg mich kurz hin." "Ist gut", entgegnet sie, ohne es so zu meinen. Beide sind einsam, beide versuchen, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Gerade, wenn man sich beim Lesen von dem verstockten Peter distanziert, spielt er den eröffnenden Pass. Und plötzlich ist Rahel die Verstockte, die nicht hören will, wie oft sie Peter dominiert mit ihren Entscheidungen. Sie sieht nur noch Verluste.

Was er alles nicht weiß über sie: Dass sie Phantasien hat. Unaussprechliche. Dass sie heimlich betet. Dass sie Angst hat, ihn zu verlieren.

Auszug aus "Der Brand"

Kann die Liebe im Sommerurlaub gerettet werden?

Der Roman liest sich leicht. Die ganze Geschichte ist auf drei Urlaubswochen konzentriert, Tag für Tag ein eigenes Kapitel. Gesellschaftlich brisante Themen, die Erderwärmung zum Beispiel, verknüpft Daniela Krien mit alltäglichen persönlichen Erfahrungen. Besonders die Familiendynamik beschreibt sie so intensiv und lebendig, dass man wissen will, wie die Akteure jeweils aus der Nummer herauskommen. Der Roman ist ein Plädoyer für das Nicht-Aufgeben. Weder sich selbst noch das Gegenüber.

Angaben zum Buch "Der Brand"
von Daniela Krien

Erschienen im Diogenes Verlag
272 Seiten
18,99 Euro
ISBN: 978-3-257-61200-4

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juli 2021 | 08:40 Uhr

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