Sächsischer Literaturpreis Warum für Daniela Krien Ost und West noch immer ein Thema ist

Die Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien wird mit dem Sächsischen Literaturpreis ausgezeichnet. Das war zwar schon im vergangenen Jahr bekannt, allerdings wurde die Preisverleihung immer wieder verschoben. Nun ist es aber soweit. MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher stellt die Autorin vor.

Diese Dichterin sagt wahnsinnig weise Sätze. Kürzlich erst, als sie für ein Portrait im Literaturhaus Halle saß, und dabei die Frage gestellt bekam, was für sie denn Liebe sei, sagte sie, das ist, wenn man jeweils das Beste aus dem anderen herausholt. Wie wahr.

Daniela Krien, Expertin für Liebesdinge, in ihren Romanen und Erzählungen ist sie immer wieder Thema und auch das ist es, was ihre Literatur für so viele wichtig und berückend macht. Als Leserin finde ich mich wieder in ihren Figuren und Konstellationen.

Schwierige Familiengründungen

Buchcover - Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall
Daniela Kriens Roman "Die Liebe im Ernstfall" Bildrechte: Verlag Diogenes Zürich

Vor zwei Jahren erschien Kriens zweiter großer Roman: "Die Liebe im Ernstfall" – ein Bestseller, der das Leben von fünf Frauen beschreibt. Ein Großstadtroman, der fast unverschlüsselt in Leipzig spielt und den die Schriftstellerin zu großen Teilen aus der eigenen Biografie geholt hat.

Es ist das Milieu, das sie in den letzten 15 Jahren, nach der Geburt ihrer Kinder, besonders gut kennenlernen durfte, sagt Krien, die ganzen Familiengründungen und auch die Verwerfungen innerhalb der Familien.

Das hat mich irgendwann eben auch literarisch interessiert, was da vonstatten geht. Woran das eigentlich liegt, dass es so wahnsinnig schwierig ist, so eine Familie, so eine Ursprungsfamilie, die man sich da aufbaut, zusammenzuhalten in dieser Zeit. Denn es ist sehr, sehr schwierig.

Daniela Krien

Geprägt durch russische Klassiker

Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde – die fünf Frauen haben als Jugendliche den Fall der Mauer erlebt, ebenso wie Krien. Sie ist 1975 in Neu-Kaliß geboren, als Tochter eines Elektrikers und einer Bürofachfrau. Wie bei so vielen kam bei ihr vor dem Schreiben das Lesen. Vor allem russische Klassiker standen im elterlichen Bücherregal, sagt Krien, Tolstoi habe sie wahnsinnig gerne gelesen, oder Dostojewski:

Meine Mutter hat auch immer sehr darauf geachtet, als ich noch kleiner war, dass ich wirklich sehr hochwertige Kinderliteratur vorgelesen bekomme.

Daniela Krien

Krien ist in Jena und im Vogtland aufgewachsen und lebt seit 1999 in Leipzig. Mutter zweier Töchter ist sie und nach Stationen an der Uni und in einer Filmproduktionsfirma kann sie mittlerweile vom Schreiben leben.

Erster Roman in 17 Sprachen übersetzt

2011 erschien ihr erster Roman mit dem Titel "Irgendwann werden wir uns alles erzählen", mittlerweile in 17 Sprachen übersetzt. Eine Coming-of-Age-Geschichte, die im Sommer 1990 in der DDR spielt und eine Amour fou zwischen einer 17-Jährigen und einem 40-jährigen Mann erzählt.

Der Wendesommer spielt eine kleine Rolle, genau wie in Daniela Kriens eigener Wahrnehmung des Sommers 1990: "Das ist, glaube ich, wie oft in Dörfern: Es kann sich außen rum im Großen, im Gesellschaftlichen alles Mögliche verändern. Das Dorf bleibt das Dorf. Und so ähnlich war es bei uns auch. Deswegen bin ich da erst mal ein bisschen unberührt gewesen. Wir sind auch nicht gleich nach Maueröffnung rübergefahren. Das hat eine ganze Weile gebraucht, bis wir uns aufgerafft haben, mal in den Westen rüber zu fahren."

Ost und West – immer noch ein Thema für Krien

Krien fällt es oft leichter, sich Menschen mitzuteilen, die ähnlich wie sie selbst sozialisiert worden sind und die auch aus dem Osten kommen. Vieles müsse man da nicht erklären, weil es selbstverständlich ist, sagt die Schriftstellerin.

Daniela Krien, Autorin, possiert mit verschränkten Armen für ein Foto.
Daniela Krien Bildrechte: imago/teutopress

Wenn ich auf jemanden treffe, der aus dem Westen kommt, muss ich viel mehr sagen. Und das ist gar nicht schlimm. Aber man muss eben auch bereit dazu sein. Sowohl, das auch wirklich alles mitzuteilen, als auch dem anderen zuzuhören – sonst finden wir nicht zueinander.

Daniela Krien

Auch in Kriens Romanen, in ihren Erzählungen spiegelt sich das Nachdenken über persönliche Freiheit und gesellschaftliche Zwänge. Ein Thema, das hochaktuell ist: Ihr 2014 erschienener Erzählband "Muldental" ist gerade erst wieder von ihrem Hausverlag Diogenes als erweiterte Ausgabe noch einmal aufgelegt worden. Und Ende Juli erscheint Kriens neuer Roman "Der Brand", die Geschichte eines Ehepaars, das nach 30 Jahren vor der Frage steht, ob es zusammenbleiben soll.

Und da ist sie wieder, die Liebe, und die Frage danach, welche Konsistenz sie eigentlich hat. Krien kann sie meisterhaft beschreiben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2021 | 07:10 Uhr

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Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei