Interview Warum Literaturschaffende um Deniz Yücel jetzt PEN Berlin gründen wollen

Ab Freitag wird es aller Wahrscheinlichkeit nach zwei deutsche PEN-Zentren geben. Auf Initiative von Deniz Yücel will sich eine Gruppe Schriftstellerinnen und Schriftsteller als PEN Berlin abspalten. Hintergrund ist ein Eklat bei der Jahrestagung der Schriftstellervereinigung im Mai in Gotha. Unter Protest gegen die bestehenden Strukturen der "Bratwurstbude" war PEN-Präsident Deniz Yücel zurückgetreten. Dem neuen Bündnis gehören unter anderem Eva Menasse, Daniel Kehlmann, Antje Rávik Strubel, Thea Dorn, Christian Kracht, Mithu Sanyal, Judith Schalansky sowie der in Leipzig lebende Lyriker und Romanautor Jan Kuhlbrodt an, der dazu bei MDR KULTUR im Interview war.

Der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt auf der Buchmesse in Leipzig (Sachsen). 7 min
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Eklat um Schriftstellervereinigung Die Neuerfindung des PEN

Die Neuerfindung des PEN

Autorinnen und Autoren um Deniz Yücel wollen sich vom PEN Deutschland als PEN Berlin abspalten. Mit dabei u.a. Eva Menasse, Daniel Kehlmann, Christian Kracht, Mithu Sanyal und Jan Kuhlbrodt, der bei uns im Gespräch ist.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 08.06.2022 06:00Uhr 06:52 min

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MDR KULTUR: Was soll aus Sicht der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich vom bisherigen PEN trennen, besser werden? Warum ist es besser, sich zu trennen, als sich zu einigen?

Jan Kuhlbrodt: Weil die Strukturen unmittelbar mit Personen verbunden sind und die in den letzten 30, 40 Jahren so etwas wie eine verkarstete Struktur gebildet haben. Es ist ein bestimmtes Klientel, das das Sagen hatte, ein nach wie vor westdeutsches Klientel, sogar fast ausschließlich Kölner Klientel und da ist nicht wirklich Bewegung drin.

Worum geht es denn in diesem Konflikt? Ist es politisch oder ästhetisch? Es klang auch sehr persönlich – Zitat Deniz Yücel bei der letzten Konferenz in Gotha: "Mit diesem Haufen aus Spießern und Knallchargen" wolle er nichts mehr zu tun haben".

Kuhlbrodt: Für Deniz Yücel selbst ist es natürlich auch persönlich. Er ist als Person angegriffen worden während dieser Tagung und das auch nicht mit den sanftesten Worten. Die Tendenz ging dahin, dass immer irgendwelche Leute aufstanden, behaupteten, dass sie Rechtsanwälte seien und dass da irgendwelche Formfehler gemacht worden seien, ohne dass man diese weiter erklärt hätte. Und dass das so nicht ginge und Deniz Yücel einfach eine Unordnung in den PEN gebracht hat. Das hat er aber nicht gemacht. Es ist auch nicht nur Deniz Yücel.

Es gibt eine ganze Menge auch neuer Mitglieder – es war auch angedacht, noch mehr neue Mitglieder aufzunehmen – denen hat sich gewissermaßen eine Klientel verweigert, die seit 40 Jahren da gemeinsam am Rhein Wein trinkt und dabei die Weltlage diskutieren. Das ist natürlich jetzt ein bisschen polemisch.

Jan Kuhlbrodt, Schriftsteller

Christoph Hein hatte sich vor der letzten verkrachten PEN-Tagung in Gotha in scharfen Worten mit Deniz Yücel angelegt, als der sich als PEN-Präsident für schwere Waffen für die Ukraine ausgesprochen hatte. Gehört Christoph Hein jetzt zu diesen "Weintrinkern vom Rhein", zu diesen "Spießern und Knallchargen", von denen sich der PEN Berlin abgrenzt?

Kuhlbrodt: Christoph Hein ist während der Sitzung nicht besonders in den Vordergrund getreten, aber er hat natürlich mit einer Gruppe ehemaliger Vorsitzender diesen Brandbrief gegen Deniz Yücel angesichts seiner Äußerungen bezüglich der schweren Waffen mitunterschrieben und mitinitiiert. Und das ist natürlich ein Problem, was man diskutieren müsste.

Wie weit ist man zum Pazifismus verpflichtet, wenn man im PEN organisiert ist – beziehungsweise eben nicht?

Jan Kuhlbrodt, Schriftsteller

Also ist die Position der Lieferungen schwerer Waffen und die streng pazifistische Position vereinbar innerhalb einer Organisation wie dem PEN? Aber zu solchen Diskussionen ist es gar nicht gekommen, dummerweise.

Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen: Dieser neue PEN Berlin, was genau soll anders werden?

Kuhlbrodt: Ich war noch nie so eingebunden in eine strukturelle Diskussion und auch eine Diskussion um das Vorhaben einer Organisation wie jetzt während dieser Neugründung. Ungefähr 200 Leute haben sich da verständigt und sind immer noch im Prozess der Verständigung. Das zeigt schon, dass da ein gewisser frischer Wind weht. Und dann ist diese ganze Geschichte natürlich auch im Auftreten wesentlich diverser als der alte PEN. Viele Kolleginnen und Kollegen mit migrantischem Hintergrund sind dazugekommen und [PEN Berlin ist] auch diverser bezüglich sexueller Orientierung.

Das Interview führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Der offene Brief mit Zielen des PEN Berlin

PEN Berlin. Wir stehen im Wort.
Wir wollen einen neuen PEN. Einen zeitgemäßen und diversen PEN, in dem sich auf Deutsch schreibende oder in Deutschland lebende Schriftsteller:innen und Übersetzer:innen aller literarischen und publizistischen Genres zusammenfinden.
Einen PEN von und für Kolleg:innen, die sich für Meinungsfreiheit und einen offenen Diskurs einsetzen, ohne Präsident:innen und andere Titel, mit einem paritätischen Board an der Spitze.
Einen PEN, der sich im Sinne der Charta des internationalen PEN gegen jede Form von Menschenhass wendet, dessen Mitglieder sich in den Dienst der Meinungsfreiheit stellen und die gemeinsam für eine bessere Zukunft eintreten.
Im Geiste unserer Namensgeberin Berlin, der Vielsprachigen, der Stadt, die heute für Offenheit und für die Überwindung von Grenzen steht, nennen wir uns PEN Berlin - eine NGO, die sich den Idealen der Aufklärung, der Meinungsvielfalt, der Toleranz und der Solidarität verpflichtet.
Denn die Freiheit des Wortes ist weltweit bedrohter als jemals zuvor. Immer mehr Autor:innen fürchten um ihr Leben und ihre körperliche Unversehrtheit. Unser Fokus wird deshalb auf der materiellen und ideellen Unterstützung verfolgter Kolleg:innen liegen.
Wir brauchen diesen neuen PEN, um dem Wort, der Literatur, der Poesie und jedem anderen textbasierten Genre den Raum zu geben, der notwendig ist, um sich frei zu entfalten.
Und wir brauchen diesen neuen PEN, der gemeinsam und unabhängig von Herkunft und Haltung Missstände anprangert und denjenigen hilft, die in ihrer freien Meinungsäußerung bedroht werden.
Uns sind alle willkommen, die mit dem Wort arbeiten und bereit sind, sich uns bei diesem Vorhaben anzuschließen.
Wir stehen im Wort.
232 Personen gründen zum 10.06.2022 den PEN Berlin.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2022 | 07:10 Uhr

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