Gedichtband "Denkzettelareale": Leipziger Verlag präsentiert junge Lyrik

Die im kleinen Verlag Reinecke & Voß erschienene Anthologie "Denkzettelareale" stellt junge Lyrik der vergangenen zehn Jahre vor. Die Leipziger Verleger zeigen dabei auch, wie gut sie in der regionalen Lyrik-Szene vernetzt sind. Sie gewannen Kerstin Preiwuß und Ulrike Almut Sandig, Jayne-Ann Igel und Jan Kuhlbrodt, die ausgezeichnete Arbeit im Leipziger poetenladen leisten, oder den Halleschen Lyriker Michael Spyra.

Collage zu „Denkzettelareale“ (v.l.n.r.) Ulrike-Almut-Sandig, Kerstin-Preiwuss, Carl-Christian-Elze 4 min
Bildrechte: NDR/Berlin Verlag/Jorinde Gersina, Michael Aust/Villa Concordia, imago/gezett

Die im Leipziger Verlag Reinecke & Voß erschienene Anthologie "Denkzettelareale. Junge Lyrik" vermisst geradezu blühende poetische Landschaften. Nils Kahlefendt hat sie für MDR KULTUR gelesen.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 17.02.2021 15:30Uhr 04:00 min

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Die Anthologie "Denkzettelareale" will die Entwicklung der Dichtung der letzten zehn Jahre dokumentieren. Kerstin Preiwuß gehört zu den 33 Stimmen der Zusammenstellung. So unterhaltsam, elegant und klug wie in ihrer Dichtung wird nirgendwo sonst die Welt in Worte gefasst.

Mein Kopf eine Schale kein Haus
aber ich hause ja drin und kreise
mal links mal rechts ums Hirn
und bin stets ein Stück weiter als ich bin in Gedanken.
Das strengt an.
Würde gern so konsequent wie die Pflanzen wachsen
aber muss mir meine Intervalle selbst suchen
und sehe sie mir vorher alle an.
Das sind dann sounso viele Möglichkeiten
die man denkt
aber nicht gleichzeitig bedenken kann.

Kerstin Preiwuß

Der Anthologie-Untertitel "Junge Lyrik" ist dabei eher ein Synonym für Zeitgenossenschaft: Thomas Böhme, der älteste Beiträger, ist 1955 geboren, Yevgeniy Breyger, der jüngste, ist Jahrgang 1989.

Das Spektrum der Themen und formalen Entwürfe ist immens: Ganz gleich, ob lakonisch oder pathetisch, laut oder leise gesprochen wird. Titus Meyer, der Verfechter der strengen Form, jagt beispielsweise Mörikes Frühlings-Dauerbrenner durch den Schredder.

Er ist’s

Fruehling laesst sein blaues Band
nass, aber uhustill abends fliegen.
Und Bassrufe ins halbe All stiegen,
als blass ein Huber seine Glut fand. 

Die Fluesse, brustnah, sangen labil.
Sie bluten in uns fahl. Als Berge das
fuehlen, starben sie uns alsbaldig.
Und Hasen fallen bissig uebers Tal.

Titus Meyer

Subjektivität ist Trumpf

Glücklicherweise will der Band keinen Kanon bieten. Er funktioniert – Subjektivität ist Trumpf – nach dem kuratorischen Prinzip.

Carl-Christian Elze, 2008
Carl-Christian Elze Bildrechte: imago/gezett

Bis auf wenige Ausnahmen sind es Lyrikerinnen und Lyriker, die ihre Dichter-Kollegen vorstellen: Nach einführenden Essays kommen diese selbst zu Wort: zunächst mit einer Auswahl von Gedichten, dann in Interviews oder poetologischen Selbstbekenntnissen, die Schreibhaltungen und Schreibstrategien offenlegen. Die Verschränkung von Dichtung und Reflexion, Blicken in die Werkstatt und Diskurs macht die Lektüre der Anthologie spannend.

Der Herzschlag eines Gedichtkörpers

Ich habe dich in prora geküsst, das hat mich heiß gemacht
auf zwanzigtausend betten, in denen wir uns kräftigen können.
ich sah den panzerkreuzer an dem strand in meinem kopf
& ich habe mein herz an die graue stahlwand gedrückt
& ein loch eingebrannt, damit die liebe nicht untergeht.

Carl-Christian Elze

Wer in seiner Lyrik so schwungvoll und breitbeinig zur Tür hereinkommt wie Carl-Christian Elze, wird sich auch in seiner Poetologie zu den großen Gefühlen bekennen: "Für mich ist der Herzschlag eines Gedichtkörpers zunächst das Wichtigste, eine Art Schlüssel. Ohne diesen emotionalen Schlüssel kann ich einen Gedichtraum nicht wirklich betreten, kann nur unberührt durchs Fenster gucken." Der Rest, so der Dichter Gregor Kunz, ist Handwerk, Ausdauer, Geduld: Schreiben, bis es stimmt.

Kerstin Preiwuß
Kerstin Preiwuß Bildrechte: IMAGO

Am Ende, meint Preiwuß, ist es die Sprache, die hilft, sich gegen die Zudringlichkeiten der Welt zu wehren: "Worauf kommt es denn anderes an, als dass ein Wort mir sein Versprechen gibt, sein Ehrenwort, dass ich, weil ich es denken kann, darum denken kann, dass ich am Leben bin."

Lyrik ist schwürig, kalauerte einst Wiglaf Droste. Wie wenig moderne Poesie mit solchen Vorurteilen zu tun hat, wie sie gemacht wird, wie man mitreißend über sie sprechen kann und was sie in und mit der Sprache leistet, zeigen diese "Denkzettel" aufs Schönste.

Cover „Denkzettelareale“
Cover der Anthologie "Denkzettelareale" Bildrechte: Verlag Reinecke & Voß

Infos zum Buch "Denkzettelareale. Junge Lyrik"
Herausgegeben von Aron Koban und Annett Groh
Reinecke & Voß
429 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-942901-41-3

Diese Autoren aus Sachsen und Sachsen-Anhalt sind vertreten Der 1974 in Berlin geborene Carl-Christian Elze hat in Leipzig Medizin, später Biologie und Germanistik studiert. Von 2004 bis 2008 besuchte er das Deutsche Literaturinstitut Leipzig. Elze verfasst Lyrik, Prosa, Drehbücher und Libretti. Er lebt in Leipzig.

Die 1980 in Lübz (Mecklenburg-Vorpommern) geborene Kerstin Preiwuß ist Lyrikerin, Schriftstellerin und Kulturjournalistin. Sie hat in Leipzig und Aix-en-Provence Germanistik, Philosophie und Psychologie studiert und ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Sie lebt in Leipzig.

Ulrike Almut Sandig wuchs in Sachsen, in einem kleinen Ort bei Meißen, auf. Sie studierte dann am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Zusammen mit Jan Kuhlbrodt gab sie die Literaturzeitschrift "Edit" heraus. Ihren ersten Gedichtband gab sie in der hiesigen Connewitzer Verlagsbuchhandlung heraus. Inzwischen lebt sie in Berlin.

Jan Kuhlbrodt wurde in Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, geboren. Er studierte unter anderem Ökonomie und Philosophie in Frankfurt am Main und Leipzig. Später lernte er zudem am Leipziger Literaturinstitut. Heute lebt der Schriftsteller in Leipzig, wo er auch zusammen mit Jayne-Ann Igel die Reihe "Neue Lyrik" herausgibt.

Michael Spyra wuchs in Aschersleben auf. Er studierte in Halle Sprechwissenschaften und in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut. 2012 war Spyra Finalist beim Wettbewerb "open mike". Sein Gedichtband "Auf die Äpfel hatte der Herbst geboxt" erschien im Mitteldeutschen Verlag und wurde mit dem Klopstock-Preis ausgezeichnet. Inzwischen lebt Spyra in Halle.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Februar 2021 | 12:40 Uhr

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MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei