Neuer Bildband Leipziger Fotografin entdeckt Brachflächen als politische Kunst wieder

In Leipzig, Magdeburg oder Erfurt gehörten Brachflächen sehr lange zum Stadtbild dazu. Die Fotografin Franziska Klose dokumentiert im Rahmen ihres Langzeitprojekts "The New Wild" über Jahre solche Flächen in Städten wie Bitterfeld – oder Detroit. Beim Leipziger Verlag Spector Books ist nun ihr Bildband "Detroit - Field Notes From A Wild City" erschienen, der am Beispiel der Metropole zeigt, dass Brachen nicht nur frei, sondern auch politisch sind.

Die Blätter eines Götterbaumes überwuchern ein Stück Schrott, ein Teil von einem Auto.
Das Cover von Franziska Kloses neuem Bildband zeigt auf einen Blick, worum es geht: Postindustrielle Landschaften. Bildrechte: Franziska Klose

Das Cover von Franziska Kloses Bildband "Detroit – Field Notes from a Wild City" zeigt auf einen Blick, worum es geht: Postindustrielle Landschaften, die von Bäumen und Büschen überwuchert sind. Die Blätter eines Götterbaumes nehmen fast das gesamte Bild ein und drohen die Betonfläche zu verschlucken. Ein Stück Schrott, ein Teil von einem Auto, hat der Baum mit seinen Blättern schon beinahe völlig überwuchert. Seit 2010 dokumentiert Klose diese "Neue Wildnis" in ihrem Langzeitprojekt "The New Wild".

"Neue Wildnis" verbindet Bitterfeld und Detroit

Für ein erstes Buch ging die heute in Leipzig lebende Klose nach Sachsen-Anhalt. Der Band "Bitterfeld" zeigt wie das "Detroit"-Buch Brachflächen in der Stadt, die die Flora sich mehr oder weniger zurückgeholt hat. Seitenweise sattes Grün auf großformatigen Fotos. 2009 hat die Künstlerin ihre erste Brache in Leipzig fotografiert. Als sie ein Jahr später dorthin zurückkehrt, ist die Fläche bebaut.

Ich wollte das Bild dann nochmal nachfotografieren, weil es irgendwie nicht so gut geworden ist, wie ich dachte, und im nächsten Jahr stand da halt ein Autohaus drauf.

Franziska Klose

In einer Ausstellung über schrumpfende Städte stieß Klose schließlich auf Detroit. Die US-Stadt trägt auch den Beinamen Motor City. Autohersteller wie Ford und General Motors hatten dort ihre Fabriken, in denen zehntausende Menschen beschäftigt waren. Bis die Fabriken nach und nach schlossen, Arbeitsplätze verloren gingen und Bevölkerung der Stadt immer mehr verarmte oder wegzog. Wohnviertel und Fabriken wurden abgerissen und liegen jetzt brach.

Verrostete Zäune sind auf eine Brachfläche in Detroit inzwischen von lauter Pfanzen umgeben.
Klose zeigt in ihren Fotografien die zeitgenössische Stadtlandschaft Detroits als Überlagerung von Sozial- und Naturgeschichte. Bildrechte: Franziska Klose

Bei ihrem ersten Besuch in Detroit fühlte sich die Künstlerin an ihre Schulzeit erinnert: "Ich bin in der DDR geboren, da hat man in der Schule gelernt 'Kapitalismus ganz schlimm': ganz viele Arbeitslose und die Leute leben auf der Straße, Monopole und alle werden ausgebeutet und so weiter. Das Interessante war, als ich dann nach Detroit gekommen bin, dass ich wirklich dachte, bei ein paar Aspekten zumindest: Das ist hier wie aus so einem Bilderbuch von dieser Klassenpropaganda."

Langzeitprojekt über sechs Jahre

Für ihr Buch war die Künstlerin drei Mal in Detroit. Ganze sechs Jahre Arbeit stecken darin. Klose hat die Brachflächen nicht nur in wunderschönen, großformatigen Fotos verewigt, sondern auch ihre Geschichten recherchiert. Und sie hat eingefangen, was auf vielen dieser Flächen heute geschieht: Urbane Landwirtschaft. Das Phänomen ist auch aus der Not heraus geboren: In weiten Teilen von Detroit gibt es keinen einzigen Supermarkt.

"In der Stadt gibt es vielleicht fünf Supermärkte, aber die Stadt ist eben auch 140 Quadratmeilen groß", erzählt Klose. Die Infrastruktur in Detroit sei weniger mit einer deutschen Großstadt wie Leipzig vergleichbar als mit ländlichen Gebieten. So wie man in Deutschland auf dem Land ohne Auto eigentlich nirgends einkaufen könne, sei das in Detroit innerhalb der Stadt der Fall: "Deswegen hat das schon auch so eine Relevanz, da selber tätig zu werden oder sich selber zu versorgen."

Auf einer Brachfläche in Detroit ist ein Gemeinschaftsgarten entstanden.
Viele Brachflächen in Detroit werden aus der Not heraus als Gemeinschaftsgärten genutzt - da es in der Metropole kaum Supermärkte gibt. Bildrechte: Franziska Klose

Brachflächen als Labore für die Stadtgesellschaft

So wird "Detroit – Field Notes from a Wild City" auch zur Dokumentation der zahlreichen Gemeinschaftsgärten und urbanen Farmen, die im Stadtgebiet von Detroit entstanden sind und mit denen die Detroiter die Lebensmittelversorgung sicherstellen. Steigende Grundstückspreise, Immobilienspekulation und Gentrifizierung bedrohen dieses gewachsene System allerdings.

Ein Prozess, der exemplarisch ist für das, was in vielen Städten vor sich geht, findet Klose: "New York in den 80ern war ganz schlimm, da wollte niemand sein, heute kann da keiner mehr wohnen. Berlin in den 90ern oder auch Westberlin in den 80ern war im Prinzip genauso und das sind immer zyklische Entwicklungen, die man in größeren Zeitabständen sehen muss."

Leipzig als nächstes Projekt in Überlegung

"Detroit – Field Notes from a Wild City" wird so zu einer umfassenden Dokumentation des Potentials, das auf Brachflächen auch stecken kann, wenn man sie nicht nur als zukünftiges Bauland betrachtet. Für Klose sind die urbanen Farmen in Detroit Labore, in denen auch andere Formen von Stadtgesellschaft erprobt werden.

Wie es mit dem Langzeitprojekt "The New Wild" weitergehen soll, weiß Franziska Klose noch nicht. Sie überlegt, es langsam zu beenden. Vielleicht sogar in Leipzig. So langsam baut sie auch dort Kontakte zu Gemeinschaftsgärten und Vereinen auf, die sie dokumentieren könnte. Vielleicht kommt nach den Büchern über Bitterfeld und Detroit ja dann eines über Leipzig.

Das Deckblatt aus dem Buch 'Detroit - Field Notes From A Wild City' neben einem Foto, auf dem die Blätter eines Baumes fast das gesamte Bild einnehmen.
Einblick in das Buch. Bildrechte: Franziska Klose/Ina Kwon

Angaben zum Buch Franziska Klose: "Detroit - Field Notes From a Wild City"
mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen
Erschienen bei Spector Books
176 Seiten
ISBN: 978-3-9590-5468-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern! | 22. September 2021 | 18:20 Uhr