25-jähriges Bestehen des DLL Das macht das Deutsche Literaturinstitut Leipzig so besonders

Bereits vor der Gründung des Deutschen Literaturinstituts Leipzig (DLL) im Jahr 1995 war es möglich, in der Messestadt Literarisches Schreiben zu studieren. Der Vorläufer des DLL, das Institut für Literatur "Johannes R. Becher" bot bereits Seminare in Lyrik, Prosa und Dramatik an und bildete Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus. Wie kam es zur Auflösung des Instituts, dann zu seiner Neugründung unter neuem Namen und was ist vom Vorgänger heute noch übrig?

Deutsches Literaturinstitut Leipzig, DLL, Haus,
Bildrechte: Josef Haslinger

Eine altehrwürdige Villa im Leipziger Musikviertel: unter der Anschrift Wächterstraße 34 beherbergt das denkmalgeschützte Gebäude das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, kurz DLL. Auf der Internetseite des Instituts ist zu lesen, dass es sich seit seiner Gründung im Jahre 1995 der Ausbildung angehender Schriftstellerinnen und Schriftsteller an der Universität Leipzig widmet. Dieser Anschluss an die Hochschule ist insofern von Bedeutung, als dass er den entscheidenden Unterschied zur Vorgängerinstitution darstellt.

Benannt nach dem einstigen Kulturminister der DDR, hatte man seit 1955 am Institut für Literatur "Johannes R. Becher" bereits diversen Jahrgängen von Studierenden das Literarische Schreiben gelehrt. Im Wesentlichen unterschied man hier drei Studienrichtungen: Lyrik, Prosa und Dramatik. Als einer der prägendsten Lehrer gilt mithin der Dichter Georg Maurer (1907-1971). Er leitete von 1955 bis 1970 das sogenannte schöpferische Seminar Lyrik und bescherte der Schreibschule Impulse, die noch weit über seine Zeit als Lehrender, ja sogar seine Lebenszeit hinaus wirken sollten.

Fall und Aufstieg des Literaturinstituts

1990 bewirkte ein Beschluss des Freistaates Sachsen die Auflösung des Instituts. Das Studienangebot stehe freiheitlicher Gesellschaft und demokratischem Rechtsstaat entgegen, so die Begründung, da der Unterricht der sozialistischen Ideologie folge. Der Lehrbetrieb wurde unter dem Protest der Studierenden eingestellt, das "Johannes R. Becher"-Institut aufgelöst. Widerstände und Forderungen aus intellektuellen Kreisen bewegten schließlich die Landesregierung, neu über das Fortbestehen der Schreibschule nachzudenken – mit dem Ergebnis einer Neugründung. Im Jahre 1995 wurde schließlich das Deutsche Literaturinstitut Leipzig aus der Taufe gehoben.

Es geht doch

Mit dem Gründungsdirektor Bernd Jentzsch stand wieder ein Lyriker dem Institut vor. Mit ihm lehrte der Schriftsteller und Germanist Hans-Ulrich Treichel. Ein Jahr nach der Gründung kam ein dritter Professor an das DLL, der davon Kunde erhielt, als er selbst sich noch in Amerika aufhielt. Josef Haslinger studierte seinerseits das literarische Schreiben, nahm am Creative Writing Programme in Iowa, USA teil. Man bezeichne diese Schreibschule auch als "the mother of it all", erzählt er und die Begeisterung von damals ist ihm noch heute anzumerken. "Das war eine sehr schöne Sache für mich", erinnert sich Haslinger, "weil ich erstmals überhaupt eine Institution kennenlernte, die sich professionell mit Creative Writing befasst. Und ich habe mich damals gefragt: 'Warum gibt es bei uns eigentlich so etwas nicht?'" Als wenig später die Anfrage aus Leipzig ihn erreichte, stellte er fest, dass dieses Deutsche Literaturinstitut in der Tat die Art von Schreibschule werden könnte, von der er bedauert hatte, sie in Deutschland nicht zu haben.

Lehren und Lernen

Wenngleich sich das Institut erst neu ausrichten und eine Struktur finden musste, dienten einige Elemente seines Vorläufers doch als Ansätze. So haben sich nicht nur die drei Bereiche Prosa, Lyrik und Szenisches Schreiben gehalten, die noch heute wesentliche Inhalte der Lehre sind. Auch die grundsätzliche Haltung der Lehrenden scheint sich an jener zu orientieren, die damals Georg Maurer manifestierte. Als primus inter paris, Erster unter Gleichen sollte ihm zufolge ein Lehrer oder eine Lehrerin den Lernenden gegenüber auftreten. Diesbezüglich versteht sich Professor Josef Haslinger auch als Ermutiger.

Das grundlegende Missverständnis besteht darin, dass manche glauben, wenn man Creative Writing unterrichtet, dann teilt man den Studierenden mit, wie sie zu schreiben haben. Und das ist natürlich ganz und gar nicht der Fall. Sondern es geht tatsächlich darum, den eigenen Stimmen und den eigenen Ansätzen und Möglichkeiten Gehör zu verschaffen.

Prof. Dr. Josef Haslinger, Professor für Literarische Ästhetik am Deutschen Litertaurinstitut Leipzig

Das kommt bei den Studierenden an. Isabelle Lehn kam 2007 als Studentin an das DLL, war später wissenschaftliche Mitarbeiterin und als Gastdozentin tätig. Sie betrachtet das Institut als einen Ort, an dem es durch Lesen, Schreiben und den Austausch über Texte möglich wird, ein Bewusstsein für das eigene Schreiben zu entwickeln. Wesentliches Element des Studiums sind neben theoretischen Seminaren deshalb sogenannte Schreibwerkstätten, in denen Studierende produzieren, kritisieren, diskutieren und auf diese Weise letztendlich auch voneinander lernen.

Traditionell dynamisch

Einiges hat sich über die vergangenen 25 Jahre geändert. Zum einen Formales: Erwarben anfangs die Studierenden als Abschluss noch ein künstlerisches Diplom, schließen sie seit 2006 ihr Studium mit einem Bachelor ab. Drei Jahre später führte das DLL einen weiterführenden Masterstudiengang ein, der den Schwerpunkt auf ein Romanprojekt legt. Zum anderen blickt das Institut auch intern auf eine bewegte Geschichte zurück. Da ist etwa das Geschlechterverhältnis, das in den ersten Jahren sehr männlich dominiert war. Nachdem zunehmend mehr Studentinnen anzutreffen waren, kam mit Ulrike Draesner erst im Jahre 2018 die erste Frau an den Lehrstuhl. Auch die kulturelle Vielfalt nimmt zu am DLL. Jan Kuhlbrodt, der zum zweiten Jahrgang nach der Neugründung gehört und seither wiederholt als Lehrender am Institut aktiv ist, beobachtet, dass ein nennenswerter und tendenziell wachsender Anteil der Studierenden sowie bisweilen der Lehrenden das Leben am Institut mit einem Migrationshintergrund bereichert. Entscheidend für eine ständige Dynamik im Lehrbetrieb seien vor allem die Gastdozierenden, die jeweils ganz eigene Impulse gäben. "Wenn da jetzt zum Beispiel Anja Utler unterrichtet oder Ann Cotten als Gastdozentin, dann kommen ganz andere Texte aufs Tapet, als wenn beispielsweise Norbert Hummelt da ist", erklärt Kuhlbrodt. Eben diese Spanne sei wichtig. Sie zeichnet das Institut aus, findet er und fügt hinzu: "Zwischen Hummelt und Cotten passen Welten. Und das ist dann eben das DLL."

Deutsches Literaturinstitut Leipzig, DLL, Haus,
Innenraum der Wächterstraße 34 um 1930 Bildrechte: Josef Haslinger

So sind auch die Diskurse am DLL mit der Zeit gegangen. Das kommt nicht nur in den Debatten und Diskussionen in Seminaren und Fluren zum Tragen, sondern schlägt sich freilich auch in den Texten nieder. Während sich früher ein Großteil der Studierenden Phänomenen aus der Jugendkultur widmete, tauchen heute häufig politische Themen in ihren Werken auf. Professor Haslinger erklärt sich damit seine Beobachtung, "dass die gesellschaftliche Relevanz von dem, was Schriftsteller hier machen, neu gesehen wird und neu bewertet wird."

Bei aller Bewegung, allem Fortschritt, aller Veränderung, gibt es unterdessen auch Dinge, die heute nahezu in unveränderter Form Bestand haben. Nicht nur das bewährte Bewerbungsverfahren vollzieht sich wie vor 25 Jahren, sondern auch das, was allen Gesprächen als Alleinstellungsmerkmal, ja Geist des Deutschen Literaturinstituts Leipzig zu entnehmen ist: Der intensive Austausch unter Schreibenden, unter gestandenen und angehenden Literatinnen und Literaten. Kristof Magnusson, der 1998 zum Studieren und 2012 zum Lehren an das Institut kam, stellt rückblickend fest:

Dies ist der Ort, der mich mit den Menschen in Verbindung gebracht hat, die mich mehr als das allermeiste andere in meinem Leben bereichert haben." Er hoffe, dass es so bleibe. Denn: "Für eine lebendige literarische Kultur braucht es diese Orte, wo man sich austauschen kann über das Lesen und das Schreiben.

Kristof Magnusson, Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig

Wie auch immer sich das DLL in Zukunft verändern, wohin es sich entwickeln wird – solange dieser Austausch stattfindet, besteht eine faire Chance, es stets wiederzuerkennen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Oktober 2020 | 12:10 Uhr

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