Vor 80 Jahren geboren Warum die Dichtkunst von Wolfgang Hilbig wesentlich für das Werk von Wilhelm Bartsch war

Der in Halle lebende Dichter Wilhelm Bartsch wurde bekannt mit Gedichten, in denen klassische Versmaße mit Gegenwartsthemen zusammenfinden. Als Erzähler pflegt er einen Stil, der die Kenntnis verschiedenster literarischer Techniken verrät. Auch geprägt durch die Arbeiten des Dichters Wolfgang Hilbig, der heute seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte. Im Gespräch verrät Bartsch, wie Hilbigs Werk ihm Erkenntnis gebracht hatte und warum es falsch ist, die Dichtkunst von Wolfgang Hilbig als "dunkel" zu bezeichnen .

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig
Hilbig wurde am 31. August 1941 im thüringischen Meuselwitz geboren. Er starb am 2. Juni 2007 in Berlin. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Sie haben 1986 Ihren ersten Gedichtband "Übungen im Joch" beim Berliner Aufbau-Verlag veröffentlicht. Haben Sie in dieser Zeit den Dichter Wolfgang Hilbig als einen Kollegen schon wahrgenommen?

Wilhelm Bartsch: Ich habe ihn selber persönlich erst 1987 getroffen und zwar in Hanau das erste Mal. Aber ich habe ihn natürlich nicht nur wahrgenommen, sondern er war für mich wesentlich in meiner Arbeit.

Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig (r) im Gespräch mit dem Frankfurter Journalisten Karl Corino (l)
Wolfgang Hilbig (rechts) bei einer Preisverleihung 1983 in Hanau im Gespräch mit einem Journalisten. Bildrechte: dpa

1983 erschien ja schon sein Band "stimme stimme", sein einziger Gedichtband, überhaupt seine einzige selbstständige Publikation in der DDR, erschienen bei Reclam. Ein schöner, schlichter Band, wo auch entscheidende Texte schon drin standen. Und es gab auch 1980 schon in "Sinn und Form" Gedichte von ihm.

Also er war mir nicht nur bekannt, sondern ein besonderer Wegweiser für mich. Ich komme ja auch von der sächsischen Dichterschule her, von den Älteren, von Karl Mickel, Heinz Czechowski, Volker Braun, vor allen Dingen auch Sarah Kirsch. Aber zuvor noch von Brecht und Villon. Obwohl ich kein Schwarmgeist, sondern Einzelgänger bin, ordne ich mich doch in den Geisterreigen ein.

Aber das Existenzialistische, das ich dann dazubekam, das Individualistische, diese Hauptlinie, die ist durch Hilbig bei mir zustande gekommen und zwar vor allem durch sein Gedicht "episode". Wo ein prächtiger Clown, nämlich ein Fasan, auf einem Kohlenhaufen in einem Kohlekeller landet. Dieses Gedicht hat mich praktisch ... das war ein Blitz der Erkenntnis! In diese Richtung wollte ich dann auch.

Also war die Auseinandersetzung mit Hilbig stilprägend für den Dichter Bartsch, "existenzialistisch" habe ich jetzt bei Ihnen gehört. Hilbigs Gedichte werden oft auch als "dunkel" bezeichnet. Gibt es da eine Verwandtschaft zu diesem Existenzialistischen? Er wird ja oft auch als Nachfahre der deutschen Romantik deklariert: Was ist für Sie das entscheidende Merkmal seiner Lyrik?

Der Lyriker Wolfgang Hilbig
Mehr Licht als Dunkel? Wolfgang Hilbig bei einer Lesung im Jahr 2003. Bildrechte: IMAGO / gezett

Das stimmt ja auch alles. Er hat sich auch über ein Jahrzehnt lang mit Novalis, mit "Heinrich von Ofterdingen" auseinandergesetzt. Aber diese Vokabel, dass das etwas "dunkles" sei, da kann ich immer nicht so ganz mitmachen. So dunkel ist diese Sache überhaupt gar nicht.

Die Schlusszeilen von dem Gedicht "episode", wie es dort lautet. Da glaubt das Subjekt des Gedichtes ja nicht mehr an den Untergang der Wahrnehmungen in der Finsternis. Genau das ist auch mein Credo als Lyriker: Ich sehe eine zum Teil sehr finstere Welt und versuche, ihr aber zu widerstehen. Das geht nur, wenn man da etwas dagegensetzt. Und das hat etwas mit Licht zu tun.

Die deutsche Romantik ist eben nicht nur dunkel, sondern auch hell und auf ganz besondere Weise erleuchtet gewesen, besonders bei Novalis natürlich. Das ist das entscheidende Merkmal für Hilbigs Gedichte, wie ich es auch in meinem Essay zu ihm geschrieben habe. Es ist bei ihm so ein – was mir so gefällt und was es so lebendig macht – ein widerborstiges, reziprokes Gesetz, nenne ich das. (...) Je dunkler etwas bei ihm ist, desto luzider, desto erleuchteter erscheint es manchmal. Und je ausgelaugter etwas erscheint, desto stärker ist es dann wiederum. Und je verworrener manches bei ihm erscheint, desto klarer ist es gleichzeitig. Je hässlicher, umso schöner.

Ein Touch Hölderlin?

Ja, ein bisschen auch das.

Das gilt ja auch für diese Existenz als schreibender Arbeiter, die ihm immer wieder untergejubelt wird. So wird er immer wieder bezeichnet.

Das haben Sie gut gesagt, ja.

Auf der einen Seite schreibt er geradezu manisch über diese Industrielandschaften von Thüringen und Sachsen und von seiner Arbeit als Heizer. Und dann hat er aber gleichzeitig auch die ideologischen Vorgaben der DDR gründlich unterlaufen. Und er weicht ab von dem, was die DDR-Kulturpolitik von einem wie ihm als schreibenden Arbeiter erwarten würde. Wie kam das?

Er war ein desillusionierter Mann. Er war von vornherein nicht ideologisierbar. Er zitierte öfters auch seinen Großvater, der sagte: 'Wir sind immer die Dummen.'

Würden Sie sagen, Hilbig war jemand, den weniger die bürgerlichen Lebensmodelle interessiert haben, sondern eben doch mehr die der Außenseiter, die er womöglich auch aus seiner eigenen Familie gekannt hat?

Wolfgang Hilbig
Wolfgang Hilbig - ein Außenseiter? Bildrechte: IMAGO

Er war natürlich überhaupt nicht an bürgerlichen Lebensmodellen interessiert. An einem vielleicht ruhigeren Leben mit Familie durchaus schon. Aber das war nicht seins und das strebte er in Wirklichkeit auch nicht an. Und ein Außenseiter oder Beschreiber von Außenseitern war er erst recht nicht.

Es ist ein Mann des fünften Standes, er ist ein Mann einer wachsenden Mehrheit, auch weltweit. Es sind die unteren Millionen und Milliarden, die er beschreibt. Er ist die Stimme derer, die sonst keine Stimme haben. Das ist das Besondere an ihm und in sofern ist er eher ein Zukunftsmodell als ein Auslaufmodell. Wolfgang Hilbig zu lesen bedeutet, dass man auch in die Zukunft blicken kann, die vielleicht nicht immer ganz schön ist.

Das Gespräch führte Moderatorin Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Der Schriftsteller Wilhelm Bartsch schaut ruhig und bestimmt dn Betrachter an.
Bildrechte: Mario Schneider

Zur Person Wilhelm Bartsch Wilhelm Bartsch, geboren 1950 in Eberswalde, debütierte 1986 mit dem Band "Übungen im Joch", der ihn schlagartig in beiden Teilen Deutschlands als Dichter bekannt machte und ihm 1987 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau eintrug. Weitere Gedicht- und Prosabände folgten, aber auch viele Herausgaben, Theater-, Rundfunk-, Film- und andere künstlerische Arbeiten. Außerdem erhielt er den Walter-Bauer-Preis 2000 und 2007 den Wilhelm-Müller-Preis des Landes Sachsen-Anhalt für sein Lebenswerk. Bartsch ist Mitglied des P.E.N. und der Sächsischen Akademie der Künste und lebt in Halle (Saale).

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. August 2021 | 18:30 Uhr

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