Kinderbuch "189" Warum ein Harzer Roller auch ein Kanarienvogel sein kann

Das Bilderbuch "189" von Dieter Böge und Elsa Klever ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 nominiert. Die Auszeichnung wäre ein Adelsschlag, denn zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern gehören u.a. Janosch und Cornelia Funke. Britta Selle, MDR KULTUR-Redakteurin für Kinder- und Jugendbücher, erklärt, warum die fantasievoll illustrierte Geschichte um einen kleinen Kanarienvogel in einem Dorf im Harz ihr persönlicher Favorit ist.

Vogel singt 4 min
Bildrechte: Aladin Verlag

Das Bilderbuch "189" ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 nominiert. Es erzählt in fantastisch leuchtenden Bildern und schlichtem Text von einem kleinen Kanarienvogel – einem sogenannten Harzer Roller – der nach einer langen, gefährlichen Reise in New York seine einzigartigen Lieder trällert.

Ein Kanarienvogel (Harzer Roller)
Ein Harzer Roller-Kanarienvögel Bildrechte: dpa

Schauplatz ist ein Dorf im Harz und der knallgelb gefiederte Kanarienvogel hat heute frei. Sonst begleitet er die Bergleute unter Tage und zwitschert dort seine Lieder. Hört er jedoch zu singen auf, ist das ein lebenswichtiges Zeichen für die Kumpels: Dann wird die Luft im Stollen knapp und die Bergleute müssen sich und ihren Kanarienvogel in Sicherheit bringen.

Ein Piepmatz reist aus dem Harz nach New York

Harzer Roller
Diese Käsesorte trägt übrigens auch den Namen Harzer Roller Bildrechte: imago/Niehoff

Im 19. Jahrhundert sind die im Harz gezüchteten Kanarienvögel, die sogenannten Harzer Roller, weltweit bekannt und begehrt. Ihre Besonderheit ist ihr Gesang, denn sie können überraschend tiefe, rollende Tonfolgen mit geschlossenem Schnabel singen.

Der kleine Sänger im Buch wird von einem Vogelhändler gekauft und zusammen mit 188 anderen Kanarienvögeln aus dem Harz in die große, weite Welt bis nach New York mitgenommen. Erst geht es zu Fuß los, dann mit dem Pferdewagen, dem Zug und später mit dem Schiff weiter.

Mann trägt Kiepe
Blick ins Bilderbuch "189": Ein Vogelhändler transportiert die Kanarienvögel in Käfigen. Bildrechte: Aladin Verlag

Harzer Roller – weltweit begehrt

Vogelkäfige aus dem 19. Jahrhundert
Vogelkäfige aus dem 19. Jahrhundert Bildrechte: dpa

In kurzen, recht sachlichen Sätzen erzählt der Autor Dieter Böge von der historisch verbrieften Reise. Allein 1882 wurden 120.000 Kanarienvögel von Deutschland nach New York verschifft, wie man im Nachwort des Bilderbuches lesen kann.

Dieses wunderbare Bilder-Sachbuch erzählt mit Gefühl die eigentlich ernste Geschichte des zarten Harzer Rollers: Wie er aus seinem beschaulichen Leben im Harz herausgerissen wird und eine aufregende, gefährliche Reise überstehen muss. Am Ende trifft er sogar auf etwas Vertrautes.

Warum es genau 189 Vögel sind

Das Gestell, mit dem die kleinen Holzkäfige transportiert worden sind, nennt man Reff. Jeweils sieben Käfige wurden darauf nebeneinander in einer Reihe befestigt. Neun solcher Reihen wurden wiederum übereinander aufgetürmt. Sieben mal neun sind dreiundsechzig, und auf ein Reff passen hintereinander drei dieser Türme. Es waren also insgesamt 189 Käfige, die der Händler, gestapelt und mit einem Tuch verschnürt, tagelang auf seinem Rücken trug.

(Zitat aus dem Nachwort im Buch zur Geschichte der Kanarienvögel)

Aus dem Kinderbuch "189"

Ein Mädchen trägt den kleinen Transportkäfig […] in ein Zimmer, in dem es ein wenig nach frisch gesägtem Holz riecht. Gegenüber dem Fenster ist ein großer Vogelkäfig aufgebaut, dessen Tür weit offen steht. Auf dem Käfig sitzt ein Kanarienvogel, schaut zu ihnen herüber und als er anfängt zu singen, ist es ein Lied, das er nur an einem einzigen Ort auf der Welt gelernt haben kann.

Leuchtend-luftige Illustrationen

Neben der interessanten Geschichte und dem Mitbangen um den kleinen Vogel sind die strahlend-bunten Illustrationen von Elsa Klever das Bezaubernde an diesem Bilderbuch. In einer wimmeligen, sich zum Teil über Doppel-Seiten ergießenden Bilderflut machen sie die Gesänge, Träume und Erlebnisse des kleinen Kanarienvogels sichtbar, ja fast hörbar.

Vogel, Mann mit Gepäck
Blick ins Bilderbuch "189" über einen kleinen Kanarienvogel aus dem Harz Bildrechte: Aladin Verlag

Dieses Zwitschern und Trällern tönt und leuchtet in einfach-kindgerechten, lebendigen Bildern von jeder Seite und macht das Buch dadurch zu einer Reise, die man gerne immer wieder neu beginnt.

Stichwort: Deutscher Jugendliteraturpreis

Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist einer der wichtigsten Preise für erzählende Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Seit 1956 wird er jährlich verliehen. Zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern gehören Christine Nöstlinger, Gudrun Pausewang, Otfried Preußler, Cornelia Funke, Paul Maar und Janosch.

Am 22. Oktober werden auf der Frankfurter Buchmesse die Gewinnerbücher 2021 gekürt. 30 Werke stehen insgesamt zur Auswahl in fünf Kategorien: Bilderbuch, Kinderbuch, Sachbuch, Jugendbuch und Preis der Jugendjury. Insgesamt werden 72.000 Euro Preisgeld vergeben.

Dieter Böge, 189, Buch-Cover
Das Cover des Buches Bildrechte: Aladin Verlag

Angaben zum Buch Dieter Böge: "189"
Bilderbuch mit Illustrationen von Elsa Klever
48 Seiten, für Kinder ab 5 Jahre, Aladin Verlag
ISBN: 978-3-8489-0179-1

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Oktober 2021 | 15:45 Uhr