Interview Warum Ulrike Draesner beim Schreiben Geräusche statt Stille sucht

Ulrike Draesner, Schriftstellerin, Übersetzerin und Leiterin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, erhielt am 11. Oktober den "Großen Preis des Deutschen Literaturfonds". Egal ob Prosa, Lyrik oder Essay: Draesner habe für jede Gattung eine eigene Form und Sprache entwickelt, lautet die Begründung der Jury. Im Interview verrät die Schriftstellerin, warum Geräusche für ihr Schreiben wichtiger sind als Stille - und was das mit Fallschirmspringen zu tun hat.

Ulrike Draesner, Mitglied der Berliner Akademie der Künste 12 min
Bildrechte: IMAGO / gezett

Die Chefin des Leipziger Literatirinstituts, Ulrike Draesner, erhält den großen Preis des Deutschen Literaturfonds. Andreas Berger gratuliert. Was bedeutet ihr die Auszeichnung?

MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Mo 11.10.2021 20:10Uhr 11:46 min

https://www.mdr.de/sachsenradio/audio-ulrike-draesner-preis-deutscher-literaturfond-leipzig-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

MDR SACHSEN: Schön, wenn man jemandem gratulieren kann. Und das kann ich jetzt. Denn heute, am 11. Oktober, bekommt die Chefin des Leipziger Literaturinstituts, Ulrike Draesner, den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds. Herzlichen Glückwunsch, Frau Draesner. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung? Sie sind ja durchaus auszeichnungsverwöhnt.

Ulrike Draesner: Das weiß ich gar nicht, ob ich das so nennen würde. Der Große Preis des Literaturfonds ist durchaus für mich etwas ganz Besonderes. Es ist ein großer Preis, ein Preis, der mit viel Aufmerksamkeit einhergeht. Ein Preis, der jetzt, nach der Corona-Zeit, endlich auch wieder real im Leben verliehen werden kann, sodass ich jetzt auch das Gefühl bekomme: Ja, ich bekomme diesen Preis tatsächlich.

Im Endeffekt sind solche Preise natürlich auch eine ganz wichtige innere Bestätigung der eigenen Arbeit und des Weges, den man eingeschlagen hat. Ich versuche, mit meinen Werken, mit jedem neuen Werk, etwas ästhetisch Neues in die Welt zu bringen, wirklich auch die Grenzen der Sprache weiterzubewegen. Und es ist sehr schön zu sehen, dass Menschen das verstehen können, lesen können und offensichtlich auch schätzen.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie von so einem Preis erfahren? Ist das ein Moment, in dem Sie zurückschauen oder der Sie motiviert?

Im ersten Moment ist die Überraschung riesengroß und man denkt sich: was, wirklich, kann das denn wahr sein? Und dann erzähle ich das meiner Tochter und die guckt mich dann an und fängt sofort an, darüber nachzudenken, was sie jetzt mit dem Preisgeld machen möchte und welche Vorschläge man da hat; und es ist dann immer sehr, sehr schön und entspannt, das zu teilen. Und jetzt muss das erst einmal so ein bisschen einsinken.

Ich habe vor zwei Jahren eine Reise in die Arktis gemacht, weil ich immer dorthin wollte, weil ich viel, sehr viel Nature-Writing betreibe und darüber schreiben wollte. Und da ist ein Essay entstanden, der einfach zu wenig ist für ein Buch und der einen zweiten Essay brauchte, der ihn flankiert. Und in solchen Momenten denke ich natürlich dann auch: Oh, ich könnte tatsächlich einfach auch ein geldintensives Schreibprojekt mithilfe eines Preises weiterbetreiben.

Der Preis ist ja immerhin mit 50.000 Euro dotiert, und das ist in Deutschland so ziemlich mit der höchstdotierte Literaturpreis, den es gibt. Ich habe über Sie erfahren, dass Sie gern Fallschirmspringen. Ist so eine Preisverleihung Anlass zu sagen, das wage ich jetzt mal wieder? Beziehungsweise, weil Sie gerade von Stille gesprochen haben: Ist das Fallschirmspringen für Sie tatsächlich auch so ein Moment, in dem Sie besonders Stille erfahren, wenn Sie da irgendwie durch die Luft schweben?

Das stellt man sich so vor. Da ist es ja nicht so sonderlich still, weil man rauscht da ja runter, auch wenn man an einem Fallschirm ist. Und ich weiß gar nicht, ob ich gerne Fallschirm springe. Ich habe mich letztes Jahr in Sommer-Corona-Lockdown zum ersten Mal in meinem Leben getraut, das zu tun. Ich wollte das immer einmal gemacht haben. Das ist so ein bisschen wie, ich springe jetzt einmal vom Drei-Meter-Brett. Und dann ist es auch fürs Leben wieder gut. Ich glaube, mit dem Fallschirmspringen ist das so eine Sache bei mir. Ich hatte das Gefühl in dieser Corona-Zeit, man war so statisch, man war so eingesperrt, ich brauche einen Moment frische Luft. Und dann kam es dazu.

Ich will noch einmal gern bei der Stille bleiben, weil es ja offensichtlich ein Thema ist, das Sie auch sehr beschäftigt und frage mal ganz simpel: Was ist sozusagen stiller für Sie? Das Lesen oder das Schreiben?

Wenn man das von außen ansieht, dann auf jeden Fall das Lesen, weil ich beim Schreiben oft laut vor mich hinspreche, allemal bei den Gedichten. Es muss sozusagen doch die Atmung durch den Körper gehen. Und ich muss das auch selber nochmal hören. Und zum Teil habe ich jetzt auch angefangen, meine ersten Entwürfe gar nicht mehr im ersten nur mit der Hand zu schreiben, sondern wirklich ins Handy zu sprechen, in die Diktierfunktion und dann abzutippen. Ich glaube, dass ich beides aber gar nicht als Stille erlebe. Auch das Lesen nicht, weil das ist ja so ein inneres Hören, ein im Innerlichen im Dialog sein ist, wenn man liest.

Ein wesentlicher Bestandteil meiner literarischen Arbeit ist für mich, diese Grenzbereiche des schwer Sprechbaren oder nicht Sprechbaren oder auch der unterdrückten Stimmen, auf die wir immer nicht hören, zu öffnen.

Ulrike Draesner, Schriftstellerin


Und als ich da in der Arktis war, sind ja alle auf die Suche nach der arktischen Stille gegangen. Und das Tolle war eben: Es ist da natürlich sehr viel stiller als jetzt in Berlin und Leipzig. Aber wenn man dann da sitzt, dann merkt man, dass es nie still ist, weil das Ohr sich plötzlich weitet. Und es wurde so deutlich, absolute Stille ist eben auch wahrscheinlich tot sein – und Lebendigkeit, auch die eigene Körper-Lebendigkeit, ist ja immer mit Geräuschen, mit Lebensäußerungen verbunden. Für mich ist das nochmal etwas ganz Wichtiges als Erfahrung, auch für meine Arbeit.

Ulrike Draesner
Draesner ist seit 2018 Leiterin des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Bildrechte: Nicola Beißner / Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf

Denn ein wesentlicher Bestandteil meiner literarischen Arbeit ist für mich, diese Grenzbereiche des schwer Sprechbaren oder nicht Sprechbaren oder auch der unterdrückten Stimmen, auf die wir immer nicht hören, die zu öffnen. Weil diese Stimmen sind ja nicht still und diese Grenzbereiche sind auch nicht nicht da, sondern die sind hinter Wände geschoben. Und die werden gezielt auch nicht gehört oder nicht beachtet. Also eigentlich eine Achtsamkeitsübung und Sorgfaltsübung mit dem Ohr und mit dem eigenen Sprechapparat, um ein Resonanzkörper zu sein, zum Beispiel für Natur und all die stummen Wesen in ihr.

Ich glaube, in gewisser Weise haben Sie mir jetzt auch erklärt, warum natürlich Ihr letzter Roman über den Sprachkünstler Schwitters war. Da gibt es offensichtlich eine gewisse Seelenverwandtschaft.

Nein, da möchte ich Ihnen widersprechen, weil ich ihn mir nicht ausgesucht habe aufgrund einer Seelenverwandtschaft, sondern ich schreibe eine Trilogie, also drei Romane. "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" waren der erste, in dem es um Exil, Flucht und Vertreibung, um Zwangsmigration geht und um das Leben als Flüchtling.

Ulrike Draesner: Schwitters
Zuletzt erschien Draesners Roman "Schwitters". Bildrechte: Penguin

Und das war eigentlich der Kern, der biografische Kern im Leben von Kurt Schwitters, der mich zu ihm gebracht hat, als ich entdeckte, dass er elf Jahre lang, seit Anfang 1937, auf der Flucht war und auch nach dem Krieg kam er ja nie mehr nach Deutschland zurück. Und mich hat interessiert, was das bei ihm, in seinem Fall mit Identität macht. Wenn jemand ein Künstler ist und auch gleichzeitig noch seine ganzen Arbeitsmöglichkeiten verliert. Und das Thema ist natürlich einfach auch ein sehr aktuelles Thema und hat immer eine Brücke für mich, auch in die zeitgenössischen Gesellschaften.

Ich würde gern noch eine Frage stellen, um Sie ein bisschen der Hörerschaft zu erklären. Sie haben im Januar Geburtstag, vom Sternkreis her müssten Sie eigentlich ein Zwilling sein: Sie übersetzen die Literatur anderer, wie beispielsweise der letzten Literaturnobelpreisträgerin. Sie schreiben nicht nur, sondern Sie lehren auch am Literaturinstitut. Sie mögen die Stille, sind aber auch gern unter Leuten. Ich habe also vom Prinzip her die beiden Gegenteile in einer Seele verwandt, in einem Menschen gebündelt? Erklären Sie es mir.

Das ist eine tolle Frage. Es ist ja immer so schwierig, sich sich selbst oder anderen zu erklären. Sie haben vollkommen Recht in einer Hinsicht: Mein Aszendent ist Zwilling, aber ich bin am 20. Januar geboren und bin um 10 Minuten ein Wassermann und die Beschreibung dieser Vereinigung sozusagen von Dingen, die man gerne trennt an Menschen. Ich bin ja irgendwie relativ intellektuell, aber zugleich auch ein sehr sinnlicher und sinnlich genießender Mensch, und das finde ich sehr zutreffend.

Und ich glaube auch, dass das sich spiegelt und umsetzt in meiner Literatur, gerade auch bei den Gedichten. Die sehen ja leicht und luftig aus, und manche Leute sagen dann auch: ja, das sind Assoziationen, denen da gefolgt wird. Das ist aber gar nicht so, sondern das ist betonhart, eisenhart nach Form und Arten, Metrum und auch mit weiten Recherchen gebaut. Ja, das ist so ein bisschen wie beim Tanz. Da steckt jede Menge disziplinierter Arbeit dahinter, damit es am Ende leicht und schwerelos aussieht.

Das ist so ein bisschen wie beim Tanz. Da steckt jede Menge disziplinierter Arbeit dahinter, damit es am Ende leicht und schwerelos aussieht.

Ulrike Draesner, Schriftstellerin

Eine Frage müssen Sie sich mir noch beantworten. Wie kommt man bei "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" auf einen Namen einer Person wie Eustachius?

Dieser Roman hat einen starken biografischen Anteil. Es geht um die Vertreibung meiner Vaterfamilie nach 1945 aus Schlesien nach Bayern. Ich musste diese Vaterfamilie aber von mir wegschieben ein Stück, um sie überhaupt schreiben zu können. Mein Vater lebt noch und er wusste, dass ich das mache, das Projekt. Aber ich musste ihn verwandeln.

Er ist ein Affenforscher geworden in dem Buch und er brauchte einen anderen Namen und damit ich ihn aber darin nicht ganz verliere, dachte ich, mein Vater heißt Hubertus, der Heilige der Jagd, mein Großvater war Jäger, also Hobby-Jäger. Dann habe ich nachgeschaut und habe entdeckt: Es gibt einen zweiten Heiligen der Jagd, der heißt Eustachius und dieser Name ist natürlich sehr lustig, weil man ihn so schön abkürzen kann. Der wird Stach genannt. Niemand sagt also Eustachius und er ist selber auch eine stachelige Person.

Und wie wichtig ist Ihnen so eine Anerkennung wie jetzt dieser Große Preis des Literaturfonds auch in Ihrer Position, wenn Sie Studierenden gegenübertreten als Lehrende?

Deutsches Literaturinstitut Leipzig
Draesner schätzt den Austausch mit ihren Studierenden am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Bildrechte: Deutsches Literaturinstitut Leipzig

Ich glaube, dass die Ausstrahlung, die man als lehrende Person hat, von solchen Dingen nicht wirklich abhängig ist, sondern dass sie sich jedes Mal neu herstellen muss und neu entscheidet in der Unterrichtssituation. Wenn mich meine Studierenden dann manchmal um Rat fragen oder etwas hören möchten aus meiner Biografie, bin ich oft ganz gerührt, wie sehr sie auf mich hören, auch über die unmittelbaren Studienbelange hinaus.

Ich glaube, das sind die entscheidenden Dinge, die selbst eine große Einlassbereitschaft voraussetzen und eine Öffnung und auch einen freien ästhetischen Geist sozusagen, dass man fähig ist, ganz verschiedene Ansätze zu akzeptieren. Eben auch zu sehen, was ich sehr schön finde, dass sie ganz am Anfang oft stehen. Und dass man dann, also ich versuche dann einfach Potenzial zu fördern und Stimmen zu entbinden. Und wenn sie spüren, dass es diese Haltung gibt und diesen Zugriff mit der großen Leseerfahrung und auch der großen Erfahrung im Literaturbetrieb, dann kommt es zu sehr schönen Seminarsitzungen.

Das Interview führte Andreas Berger für "Aufgefallen" bei MDR SACHSEN.

Mehr Literatur aus Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 11. Oktober 2021 | 20:00 Uhr