Sachbuch Freya Klier schreibt über die politischen Morde der Staatssicherheit in der DDR

"Du sollst dich erinnern", heißt es auf der Webseite von Freya Klier. Die Dokumentarfilmerin und Publizistin nennt den Satz ihr 11. Gebot. Als DDR-Bürgerrechtlerin wurde sie von der SED drangsaliert und beschäftigte sich immer weiter mit diesem Thema. Für ihr jüngstes Buch hat die 71-Jährige über die Morde der Staatssicherheit recherchiert.

Schriftstellerin Freya Klier
Freya Klier Bildrechte: dpa

Schon zu DDR-Zeiten begann Freya Klier damit, Informationen über Straftaten der Staatssicherheit zu sammeln. Nach der Herbstrevolution von 1989 führte sie ihre Forschungen unermüdlich fort. Bis heute trug sie Material über rund 70 Personen zusammen, bei denen man mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuten darf, dass ihr Ende auf das Konto des Geheimdienstes geht. Ihnen errichtet die Autorin jetzt postum ein Mahnmal.

In ihrer imponierenden Dokumentation hebt sie hervor, dass die Beweislast nur selten so klar ist wie bei einigen Dissidenten aus der "Altenburger Gruppe", die in den 1950er-Jahren ihr Leben verloren: "Zwei Neulehrer, Wolfgang Ostermann und Siegfried Flack, sowie der Schüler Hans-Joachim Näther werden zum Tode durch Erschießen verurteilt. Dem Schüler Ludwig Hayne gelingt zunächst die Flucht nach West-Berlin. Er wird jedoch vom Staatssicherheitsdienst dort gekidnappt, in das Gefängnis der Volkspolizei am Alexanderplatz verbracht und von dort an den sowjetischen Geheimdienst ausgeliefert. Dort wird auch der Schüler zum Tod durch Erschießen verurteilt."

Buchcover - Freya Klier: "Unter mysteriösen Umständen" 4 min
Bildrechte: Herder Verlag

Perfide Methoden von DDR und Stasi

Die Methoden, mit denen Erich Mielkes Garde versuchte, Menschen auszuradieren, stützten sich anfangs auf erprobte Muster aus der Sowjetunion. Dort hatte die politische Polizei namens Tscheka, die später als Keimzelle für den KGB diente, ein System des Terrors entwickelt, das in den stalinistischen Säuberungswellen gipfelte. Etliche Taktiken dieser Organisationen kopierte die Staatssicherheit, doch sie entwickelte auch eigene perfide Ideen.

So veranlasste sie eine Studie, die sich um zirka 200 Gifte drehte, die nach Verabreichung im Körper nicht mehr nachweisbar sind. Freya Klier benennt die Urheber des Papiers: "Verantwortlich handelnd ist dabei der Stasi-Offizier Hans-Ehrenfried Stelzer, der zu dieser Zeit an der Ost-Berliner Humboldt-Universität Direktor für Kriminalistik ist. Er gibt im Oktober 1987 die entsprechende Order an seinen wissenschaftlichen Assistenten, den Toxikologen Walter Katzung, weiter – auch Katzung ist hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter. Und Kriminalistik dürfen ausschließlich Kinder von politisch äußerst zuverlässigen Familien studieren, möglichst aus Polizei und Staatssicherheit, ohne dass das jemals ein Thema ist."

1987: Attentat auf Freya Klier und Stefan Krawczyk

Akribisch schlüsselt Freya Klier in vier Kapiteln die Vernichtungsstrategie der Staatssicherheit von deren Gründung bis zum Untergang des vermeintlichen Arbeiter- und Bauernstaates auf. In einem fünften Abschnitt reflektiert sie über die Spätfolgen der Mordpläne des Spitzelapparates. Ihren eigenen Fall kann sie dabei schwerlich ausklammern, denn auf sie und ihren Ehemann Stephan Krawczyk wurde im November 1987 ein Attentat verübt.

Freya Klier und Stefan Krawczyk
Freya Klier und Stefan Krawczyk Bildrechte: IMAGO

In ihrer Stasi-Akte tauchte kein Hinweis über den Anschlag auf, doch das verblüffte die Bürgerrechtlerin im Nachhinein nicht, denn dahinter verbarg sich eine heimtückische Strategie: "Hier machte ich erstmals die Erfahrung, die sich wiederholen sollte: Die "nassen Sachen", wie Stasi-Offiziere Morde und Mordversuche streng intern nannten, durften schriftlich nicht in die Hände eines potenziellen Überläufers aus den eigenen Reihen geraten, also auch nicht in die Berichte der MfS-Offiziere."

Fundierte Chronik des Schreckens – mit Spekulationen

Freya Kliers Buch entpuppt sich als fundierte Chronik des Schreckens, aber hin und wieder versteigt sich die Autorin zu Spekulationen. Dann wirken ihre Argumente nicht mehr hieb- und stichfest, etwa wenn sie den Tod der beiden systemkritischen Schriftsteller Wolfgang Hilbig und Joachim Walther hypothetisch mit Stasi-Praktiken in Verbindung bringt.

Oder wenn sie erwägt, ob drei prominente ostdeutschen Erzählerinnen zufällig derselben Krankheit erlagen: "Noch immer unentdeckt scheint auch der wirkliche Hintergrund, warum die wohl berühmtesten und beliebtesten Schriftstellerinnen der DDR, Brigitte Reimann und Maxie Wander in den Siebzigerjahren zu Tode gekommen sind. Brigitte Reimann stirbt mit 39 Jahren 1973 an einem schweren Unterleibskrebs. Maxie Wander stirbt vier Jahre später an derselben Krankheit, da ist sie 43 Jahre alt. Eine dritte berühmte Schriftstellerin der DDR, Irmtraut Morgner, bleibt etwas länger am Leben. Mit 54 Jahren bricht bei ihr der Unterleibskrebs aus, an dem sie ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer stirbt."

Durch solche fragwürdigen Mutmaßungen rückt Freya Klier dicht in die Nähe von Verschwörungstheoretikern, aber derart zweifelhafte Hypothesen bilden zum Glück in ihrem Kompendium der Stasi-Verbrechen die Ausnahme.

Buchcover - Freya Klier: "Unter mysteriösen Umständen"
Bildrechte: Herder Verlag

Informationen zum Buch Freya Klier: "Unter mysteriösen Umständen"
Erschienen im Herder Verlag
304 Seiten, 26 Euro
ISBN: 978-3-451-03306-3

Feature: Bürgerrechtler erforschen die Internierungslager für Oppositi-onelle in der DDR

Verschiedene Blicke auf die DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2021 | 08:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei