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"Alles ist noch zu wenig": Der neue Roman von Katja Schönherr erzählt von drei Generationen zwischen Verantwortung und individueller Freiheit. Bildrechte: Arche Verlag

"Alles ist noch zu wenig"In der ostdeutschen Provinz: Katja Schönherr legt mitreißenden Dorfroman vor

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Stand: 17. August 2022, 04:00 Uhr

Dorfromane sind aus der deutschen Gegenwartsliteratur nicht mehr wegzudenken. Autorinnen wie Juli Zeh oder Dörte Hansen haben die Handlung ihrer Bücher auf dem Land spielen lassen und in ihnen wichtige Themen wie unter einem Brennglas behandelt. Nun legt die in Dresden aufgewachsene Autorin Katja Schönherr mit "Alles ist noch zu wenig" einen mitreißenden Dorfroman vor, der nach dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft fragt – und von ihren sächsischen Wurzeln geprägt ist.

Es gleicht einem Reflex: Immer wenn seine Mutter oder seine Ex-Frau bei Carsten anrufen und etwas wollen, täuscht er Arbeit vor. Meist erzählt er, dass er eine wichtige Reise nach Brüssel unternehmen müsse. Dabei bleibt er in Berlin und genießt seine Unabhängigkeit.

Als seine Mutter Inge, immerhin über 80 Jahre alt, die Treppe in ihrem Haus herunterstürzt, helfen keine Ausreden mehr. Carsten muss in sein Heimatdorf Munßig fahren. Und weil Sommerferien sind, muss er auch seine Tochter mitnehmen. Die Generationen treffen also mit ziemlicher Wucht aufeinander.

Großartig gezeichnete Figuren

Lissa, Carstens Tochter im Teenager-Alter, hat Wut im Bauch. Sie richtet sich abwechselnd auf den neuen Freund ihrer Mutter, auf protzige SUVs und auf das Patriarchat im Allgemeinen. Carsten dagegen hat sich mit seinem Leben arrangiert. Er ist Marketingleiter bei einer Firma, die Gefrierbeutel und Frischhaltefolien herstellt. Und Inges Leben ist geprägt von Einsamkeit und Warten. Als Kriegskind hat sie nie gelernt, über ihre Gefühle zu sprechen.

Diese Figuren in Katja Schönherrs Buch sind großartig gezeichnet. Sie zeigen anschaulich jene Gräben auf, die durch unsere Gesellschaft verlaufen. Denn in "Alles ist noch zu wenig" treffen nicht nur Jung und Alt aufeinander, sondern auch Stadt und Dorf: Für Lissa ist Inge lediglich die Dorf-Oma. Für sie ist die Enkelin dagegen ein Großstadtgewächs.

Katja Schönherr, geboren 1982, wuchs in Dresden auf und studierte Kulturwissenschaften und Journalistik an der Universität Leipzig. Bildrechte: Suzanne Schwiertz

Roman spielt in der ostdeutschen Provinz

Katja Schönherrs Roman fragt nach dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und danach, ob wir der Elterngeneration wirklich etwas schulden. Die frühreife Lissa hat sich zu diesem Thema belesen. Sie doziert aus einem Buch, Kinder schuldeten ihren Eltern Respekt. Sonst nichts. Schließlich hätten sie nicht in ihre Geburt eingewilligt oder vorab mit ihnen etwas ausgehandelt.

Die Aussicht, ihre Großmutter in einem Heim zu sehen, lässt sie aber an dieser Behauptung zweifeln. Denn auch ihr fällt auf: Allzu viel Zusammenhalt gibt es ohnehin nicht mehr im Dorf. Die Grundschule, der Konsum oder das Lokal haben in Munßig längst zugemacht. Es fehlen schlicht die Orte, an denen die Menschen zusammenkommen können. Auf einfühlsame Weise porträtiert Kaja Schönherr in ihrem Roman einen Landstrich, der abgehängt wurde und für seine Bewohner trotzdem Heimat bleibt.

Mitreißender Familien- und Gesellschaftsroman

Katja Schönherr ist im sächsischen Marienberg geboren und in Dresden aufgewachsen. Dass Munßig irgendwo zwischen diesen Städten liegen könnte, ist beim Lesen spürbar. So detailreich beschreibt sie das Dorf und seine Bewohner.

Ihr ist ein mitreißender Familien- und Gesellschaftsroman gelungen, der mal mit sanftem Blick und mal mit bitterbösem Witz erzählt ist. Fast möchte man den Roman mit denen von Daniela Krien oder Juli Zeh vergleichen. Aber Katja Schönherr beweist mit "Alles ist noch zu wenig", dass sie ihre eigene Stimme längst gefunden hat.

Angaben zum Buch

Cover des Buches "Alles ist noch zu wenig" Bildrechte: Arche Verlag

Katja Schönherr: "Alles ist noch zu wenig"
Arche Literatur Verlag, Zürich
320 Seiten, gebundenes Buch
ISBN: 978-3-7160-2801-8

(Redaktionelle Bearbeitung: Rebekka Adler)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 16. August 2022 | 07:40 Uhr