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Porträts der jungen Dresdnerin Sabine Jaehnke bei der Präsentation in Berlin. Die Abschluss-Ausstellung ihres Meisterklasse-Jahrgangs der Ostkreuz-Fotografieschule erlebte Sabine Jaehnke nicht mehr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

BuchempfehlungFotobuch "Funafuti" aus Dresden zeigt, wie schön Fernweh sein kann

von Anett Friedrich, MDR KULTUR

Stand: 03. Februar 2022, 10:56 Uhr

In ihrem DDR-Jugendzimmer träumte sich die Dresdnerin Sabine Jaehnke an ferne Orte, zu denen sie Briefe schickte. Dann wurde sie Bauingenieurin, aber ihre Leidenschaft galt der Fotografie, die sie jedoch erst Jahre später zum Beruf machte. 2016 wurde sie in der Meisterklasse von Ute Mahler und Ingo Taubhorn an der Ostkreuzschule für Fotografie aufgenommen. Ihr Diplom sollte der Bildband "Funafuti" werden, basierend auf Briefen aus ihren Jugendjahren. Kurz vor Beendigung stirbt Sabine Jaehnke.

Vielleicht ist Fernweh die schönere Art zu reisen. Die Vorstellung nimmt keinen Schaden durch eigene Anschauung. Es reist sich freier und grenzenloser. Das kann richtig kitschig werden, wenn man darüber erzählen will. Vor allem, wenn die Wurzeln in der zugesperrten DDR liegen. Aus ihrem Fernweh und ihrer Sehnsucht hat Sabine Jaehnke etwas ganz und gar Wundervolles, ja fast Universelles gemacht. Eine Ausstellung in Berlin und ein Buch darüber hat sie selbst nicht mehr ansehen können. Im Frühjahr des vergangenen Jahres ist sie gestorben.

Till Bruchwitz ist der Sohn der Fotografin Sabine Jaehnke. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sohn Till Bruchwitz erzählt: "Das junge Mädchen, das sich in die Welt träumt, ihren Fantasien folgt, Leute zu kennen auf der Welt, an Orten, wo sie vermutlich niemals hin kann. Die Briefe sind aber schon mehr als eine Fantasie. Sie sind etwas Konkretes, die diese Reise machen. Das ist wie eine Überprüfung, ob das stimmt, ob da noch was ist. Da sind Stempel auf den Umschlägen, in verschiedenen Sprachen, die müssen ja dort gewesen sein, also scheint's ja Honolulu wirklich zu geben."

Anfang der Sehnsucht im DDR-Kinderzimmer

Jaehnkes Ehemann und ihre beiden Kinder haben fast ein Jahr lang daran gearbeitet, dass das alles nach ihrem Tod fertig wird. Till, der jüngere Sohn, hat das auch als Reise erlebt: zu dem jungen Mädchen aus Dresden, das seine Mutter einmal war. Denn da liegt der Anfang ihrer Sehnsucht. Briefe an Unbekannte, die sie geschrieben hat. An Orte in der Welt, die verheißungsvoll klangen für ein Mädchen, das in der DDR in seinem Kinderzimmer sitzt.

Die spätere Fotografin Sabine Jaehnke sehnte sich als Teenagerin nach der Ferne. Bildrechte: Sabine Jaehnke/Fotohof

Von Dresden nach Honolulu?

Im Dresden der 70er-Jahre wächst Sabine Jaehnke, die damals noch Voigt heißt, zum Teenager heran. Sie fragt sich – wie so viele –, ob es Honolulu wirklich gibt. Und sie fragt sich, ob sie jemals dorthin reisen würde. Das will sie unbedingt, denn sie ist hungrig auf die Welt.

Sie sucht sich interessante Orte und Länder und verschickt dahin Briefe ohne Inhalt, nur mit Adresse. Die adressierten Männer, Bernhard Resus zum Beispiel, gibt es aber gar nicht. Und auch die Hotels, in denen sie angeblich leben, sind erfunden. Wichtig ist ein ganz und gar korrekter Absender. Denn das Ziel ist, dass die Briefe zurückkommen in die DDR. Dass sie erzählen von einer Reise, die sie quasi stellvertretend für Sabine gemacht haben. Zum Inbegriff ihrer Sehnsucht wird ein Ort, den sie in ihrem Schulatlas findet. Ein klitzekleines Atoll in der Südsee: Funafuti.

Im Fotobuch "Funafuti" erscheint die Vatikanstadt als Sehnsuchtsort – und natürlich das titelgebende Atoll in der Südsee. Bildrechte: Sabine Jaehnke/Fotohof

Das Buch, das Sabine Jaehnke noch selbst konzipiert hat, als sie schon schwer krebskrank war, hat ihre Familie jetzt vollendet und genauso genannt: "Funafuti". Die Geschichte einer Sehnsucht in Fotos und Collagen. Von den über 40 Briefen, die sie als Dresdner Teenager geschrieben hat, sind damals 14 zurückgekommen, "Return to Sender". Sie sind das Gerüst dieser Bildergeschichte über eine lebenslange Lust am Fernweh, von der sie unbedingt erzählen wollte.

Bildrechte: privat

In der Meisterklasse der Ostkreuz-Fotografieschule

Till Bruchwitz erinnert sich: "Sie hatte ihre Mission, sie hat in sehr kurzer Zeit extrem viel Energie reingesteckt. Ich frage mich, woher sie die eigentlich genommen hat. Denn ihr ging es nicht immer gut. Aber da war der Fokus – sie möchte ihr erstes und letztes Buch herausbringen und diese Meisterklasse beenden."

Es ist die Meisterklasse der renommierten Ostkreuz-Fotografieschule in Berlin, die sie schaffen wollte – und geschafft hat. Die Ausstellung und das Buch sind ihr Diplom. Ihr zweites, denn eigentlich war Sabine Jaehnke studierte Bauingenieurin. Erst in Dresden und dann, als nach dem Ende der DDR sich die Welt auch für sie öffnete, in Nigeria. Sie reiste ständig, fotografierte dabei und hat dann mit Mitte 50 beschlossen, das Hobby der Fotografie zum Beruf zu machen. Sie hat sich an der Fotoschule beworben und wurde genommen. Das Ergebnis ist beeindruckend, findet einer ihrer Lehrer.

Fotos voll Fernweh

Göran Gnaudschun ist Fotograf der Agentur Ostkreuz und Mitautor von "Funafuti". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Göran Gnaudschun ist Mitautor von "Funafuti" und beschreibt eine der Fotografien von Sabine Jaehnke: "In dem Bild ist die Essenz von diesem Ganzen – warum tut man das eigentlich – weil man Sehnsucht hat: das Flugzeug. Aber das Flugzeug kann nicht losfliegen. Das wird immer als Attrappe kleben bleiben. Aber trotzdem guckt man in den offenen Himmel. Und träumt sich woandershin."

Ihr eigenes, lebenslanges Fernweh in der DDR verwebt Sabine Jaehnke zu einer Bildgeschichte. Bunte Servietten verhüllen mitunter die Fotos. Ein Spiel aus Verbergen und Herzeigen, nicht wichtig, was echtes und was erdachtes Erleben ist.

"Funafuti" ist auch so eine Arbeit über das Wunderbare.

Göran Gnaudschun, Mitautor von "Funafuti"

Der Brief, den Sabine damals nach Funafuti, jenem Südseeatoll, geschickt hat, kam leider nicht zurück. Und auf der Insel war sie auch nie. Sie hat es nicht mehr geschafft oder eben gar nicht richtig gewollt. Vielleicht wollte sie schöner dorthin reisen, als man es tatsächlich kann. Mit Fernweh.

Sabine Jaehnkes Fotobuch "Funafuti" zeigt, wie schön Fernweh sein kann. Bildrechte: Sabine Jaehnke/Fotohof

Mehr zum BuchSabine Jaehnke und Göran Gnaudschun: "Funafuti"
Erschienen 2021 bei Fotohof edition
Sprache: deutsch und englisch
Format: 26 x 19 cm
Preis: 35 Euro
ISBN: 978-3-903334-31-1

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | 27. Januar 2022 | 22:45 Uhr