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"Der Schlaf in den Uhren" von Uwe Tellkamp ist im Suhrkamp Verlag erschienen. Bildrechte: Suhrkamp Verlag

InterviewWas Schriftsteller Uwe Tellkamp über seinen neuen Roman "Der Schlaf in den Uhren" zu sagen hat

Stand: 16. Mai 2022, 16:53 Uhr

14 Jahre nach seinem Bestseller "Der Turm" legt Uwe Tellkamp einen lang erwarteten Fortsetzungsroman vor. In "Der Schlaf in den Uhren" geht es um das Ende der DDR, die "Meinungskorridore" der Medien und die Flüchtlingskrise. Dieses Mal liegt ihm die Literaturkritik jedoch nicht zu Füßen. Sein neuer Roman ist überwiegend verrissen worden. Jetzt war der Schriftsteller zu Gast im Kulturmagazin "Aufgefallen" und kommt selbst zu Wort.

MDR: Wenn Sie die Situation vergleichen, 2008 vor Erscheinen von "Der Turm" und jetzt 2022 zum Erscheinen von "Der Schlaf in den Uhren" – wo waren Sie mehr unter Druck?

Uwe Tellkamp: Jetzt. Wegen der politischen oder gesellschaftlichen Einlassungen, die ich gemacht habe, und der dadurch erfolgenden medialen Begleitmusik.

MDR: Ihren neuen Roman haben Sie "Der Schlaf in den Uhren" genannt: Bedeutet dieser Schlaf, dass für Sie in gewisser Weise die Uhr zwar seit 1989 weitergelaufen, aber die Entwicklung, die sich viele erhofft haben, eingeschlafen ist?

Uwe Tellkamp: "Der Schlaf in den Uhren" ist mir als Titel deshalb wichtig, weil es ein doppelt oder mehrfach sinniges Bild ist: Es gibt den Schlaf in den Uhren von dem, was immer währt, was in den Uhren schläft und erwachen kann. Und es gibt den Schlaf, der nicht kommt.

Ich merke in unserer Situation in der Gesellschaft, dass es Themen gibt, die im medialen Fokus oder der medialen Aufmerksamkeit, was Wirklichkeitsherstellung ist, verdrängt oder "durch" sind, wie es so schön heißt – aber sie sind es nicht wirklich für den Einzelnen, da spielen sie eine andere Rolle. Es gibt dann kleine Momente, in denen sie wiederkommen und plötzlich, als wäre keine Zeit vergangen, sind sie wieder da. Die Zeit ist natürlich trotzdem vergangen.

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Die Wirkmacht des Schriftstellers liegt zum einen im Was des Erzählens und zum anderem im Wie. Auffällig ist, immer, wenn Sie in die DDR zurückschauen, habe ich das Gefühl, das ist der Uwe Tellkamp aus "Der Turm". Wenn ich im Heute angekommen bin, lerne ich einen ganz anderen Stil kennen. Warum ist das notwendig?

Weil wir dann doch eine andere Zeit haben, eine andere Gegenwart. Es gibt Gemeinsamkeiten, vielleicht zwischen dem August 2015 und der Zeit unmittelbar vor dem Mauerfall, also das Statische, das Gefühl, eine Art von geronnenem Honig zu sein. Die Uhren zeigen zwar das Vergehen der Zeit, aber in Wahrheit ist nichts passiert, bis es irgendwann kracht. Das ist vielleicht eine Gemeinsamkeit. Dann sickern aber schon eben Flüchtlinge ein – 1989 in Prag, jetzt 2015 in diesem trevischen Hafen – der Takt ist anders.

Und wenn ich darstellen möchte, was meine Ansicht über Gegenwart ist, da muss ich mir über meine Ansicht klar werden, was Gegenwart ist. Zum Beispiel eben eine Bildfläche an Wirklichkeit, die durchschossen wird von medialen Informationen, Twitter-Nachricht, WhatsApp-Ausgängen, von Zeitungslektüre, von Reaktionen auf diese Lektüre. Das heißt, es wird ein kompletter, fantastischer Raum gebildet, der ironischerweise Märchenelemente bekommt.

Für mich ist das Verbindende zwei Dinge: der Name Hoffmann. Ich dachte nämlich, dass das Modell E.T.A. Hoffmann die Entbindung der Gespenster aus der Gegenwart und aus dem Alltag nur für den Sozialismus möglich ist. Das ist ein Irrtum. Den gibt es heute genauso, aber anders. Auch heute werden wieder Gespenster aus dem Alltag entbunden. Die kommen aus Codierungen, aus Algorithmen, aus künstlicher Intelligenz heraus, beeinflussen aber unser Leben. Schon eine simple Nachricht kann das tun, sie kann über eine Karriere von einem Politiker entscheiden, ob er Fraktionsvorsitzender bleibt oder nicht, das kann an einem Tweet liegen. Und wenn ich solche Formen darstellen will, muss ich sie so gut wie möglich kennenlernen. Und ich muss mir Gedanken darüber machen, wie ich sie formal fasse.

Wohin am Wochenende in Sachsen?

Das heißt, diese Gegenwarts-Passagen sind dann weniger klassisch erzählt, im Sinne von Geschichten, die wir kennen, sondern hier kommt eher mediale Vermittlung in den Vordergrund: Sprache, Politik ist Sprache. Politik ist elementares Sprachgeschehen, das hat sie mit der Juristerei gemeinsam, mit der Bühne. Ich muss die sprachliche Verfasstheit politischer Vermittlung irgendwie transportieren. Deswegen fängt der Fabian in diesen Gegenwartsstücken an, diesen Sprachgebrauch satirisch zu imitieren. 'Wir dürfen keinen Millimeter zurückweichen. Die Zivilgesellschaft hat gezeigt, dass es nur vorwärts geht. Wir dürfen keinen zurücklassen' – und alle diese Floskeln spülen durch den Sprachstrom und erzeugen seine Form von Gegenwart oder Gegenwartsverständnis.

Ausschnitt aus dem Interview, das Andreas Berger für MDR SACHSEN führte.

Angaben zum BuchUwe Tellkamp: "Der Schlaf in den Uhren"
Suhrkamp-Verlag
904 Seiten, 32 Euro
Erscheinungstermin 16. Mai
ISBN: 978-3-5184-3100-9

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Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | Aufgefallen – das Kulturmagazin | 16. Mai 2022 | 20:00 Uhr