Literarische Miniaturen Alltag in der DDR: Leipziger Autor erinnert sich an seine Kindheit

Der Autor und Journalist Eberhard Schröter ist in der DDR aufgewachsen. In "Walzerfahrt zum Mond" fügt er ein Kaleidoskop von Geschichten zu einem detailsatten Bild einer Leipziger Kindheit in den 60er-Jahren zusammen. In seinen literarischen Miniaturen lässt er den Milchmann wieder herumfahren, kauft Produkte unterm Ladentisch oder hört Musik aus dem Kofferradio.

Mehrere Menschen sind auf dem Leipziger Rummel unterwegs, rechts ist ein Kettenkarussell zu sehen. 4 min
Titelgebend für die Textsammlung ist das beliebte Karussell auf der Leipziger Kleinmesse. Bildrechte: Eberhard Schröter
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In "Walzerfahrt zum Mond" lässt Eberhard Schröter mit seinen bemerkenswerten Miniaturen seine Kindheit in der DDR wieder aufleben. Nils Kahlefendt stellt das Buch vor.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 12.01.2022 09:35Uhr 04:18 min

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Das Ende der Rietschelstraße in Leipzig-Lindenau ist von freistehenden alten Mietshäusern auf der einen, einer Kleingartensparte auf der anderen Seite gesäumt. In Nummer 35 wohnte im Gründungsjahr der DDR der später erfolgreiche Schauspieler Manfred Krug zur Untermiete. Sieben Hausnummern weiter verbrachte Eberhard Schröter seine Kindheit und Jugend. 

Und so beschreibt der Leipziger seine Kindheit: "Es war die Zeit, als die Gehwege noch mit Gaslaternen beleuchtet wurden, die der Laternenputzer pflegte. Einmal im Jahr kamen die Schleusenräumer, öffneten die Kanaldeckel, holten eimerweise stinkenden Schlick herauf und kippten ihn einfach an die Bordsteinkante. Ein Pferdefuhrwerk sammelte später die getrocknete Masse ein. Hin und wieder fuhr der Kohlenmann mit seinem Lanz Bulldog vor, dessen Motor im Sekundentakt rumpelte und nie ausging."

Eine Frau steht mit zwei Jugendlichen auf einem Weg neben einem Holzzaun, ein kleines Kind sitzt auf einen Wagen.
Eberhard Schröter reist in seinen kurzen Texten in seine eigene Kindheit zurück. Bildrechte: Eberhard Schröter

Kaleidoskop der 60er-Jahre in Leipzig

All das ist längst vergangen. Geblieben sind die Geschichten. 80 solcher Short Cuts, assoziativ locker verknüpft, webt Eberhard Schröter zu einem großen Erinnerungsteppich. In "Walzerfahrt zum Mond" entfaltet sich ein ganzes Panorama der Alltagsgeschichte der 60er-Jahre, erzählt aus der Perspektive eines Kindes.

Die Attraktionen reichen vom Milchmann, der seine Produkte – wie in den heutigen Unverpackt-Läden – lose anbietet, bis zum Schreibwarenladen von Arthur Merbote, der sogenannte Bückware – von Wochenpost und Eulenspiegel bis zu den heiß begehrten "Digedags" – in einem grauen Umschlag über den Tresen schiebt. Vieles davon ist heute verschwunden: Briefmarken-Dietz am Lindenauer Markt, die wabernde Waschküche im Dachgeschoss der Rietschelstraße oder Hasso Veit, der im Kino "Capitol" in die Tasten der Hammondorgel griff.

Zwei Jungs posieren in Leipzig mit ihren Fahrrädern, ein kleines Mädchen sitzt auf einem Laufrad.
Eberhard Schröter gibt einen genauen Einblick in die Verhältnisse der DDR. Bildrechte: Eberhard Schröter

Bei Schröter lernen wir, wie in der DDR über Fahrräder ("Wer Mifa fährt, ist Dresche wert") und Uhren ("Ruhla-Uhren gehen nach wie vor") gelästert wurde, dass es nicht nur West-, sondern auch "Ostpakete" gab, liebevoll kuratierte Sendungen voller Stollen und Weihnachtspyramiden. Und dass man auch in einer – wie man heute sagen würde – "systemstabilisierenden" Lehrerfamilie mit Wartburg und eigenem Telefon Westbesuch und West-Medien empfing. Spätestens mit dem Prager Frühling drehte Vater Schröter den Skalenzeiger des kleinen Bakelit-Radios in der Küche auf den Kölner Deutschlandfunk.

Nüchterne Erinnerungen an die DDR

Die Erinnerung, meinte einst Jean Paul, sei das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können. Geht es um die DDR, wittern Historiker schnell Verklärung, die Verharmlosung des Lebens unter Diktaturbedingungen. Wie man solchen Fallen entgeht, hat etwa Dieter Zimmer mit seinem Leipzig-Roman "Für'n Groschen Brause" gezeigt. Eberhard Schröter legt keinen ideologischen Filter über seine Erinnerungen. Nüchtern wie ein Archäologe gräbt er Schichten längst vergessenen Alltags frei.

Vier Kinder in Winterkleidung bauen zwei Schneemänner auf einer Leipziger Straße.
Die Erinnerungen von Eberhard Schröter sind nicht sentimental oder nostalgisch. Bildrechte: Eberhard Schröter

Eine der großartigsten Szenen des Buchs führt uns an den Kanal, eine der Lieblings-Badestellen der Leipziger, wo die Beat-Sendungen des Deutschen Soldatensenders täglich für eine riesige Musikwolke sorgten: "Zwischen den Ufern breitete sich ein einzigartiger Sound aus, der durch die unterschiedliche Entfernung der Kofferradios einen leichten Hall bekam. Kaum einer badete mehr, fast alle klebten mit ihren Ohren an den Lautsprechern … Wenn es im Lautsprecher zu knistern begann, war Eile geboten. Aus der Ferne zog dann ein Sommergewitter heran."

Die titelgebende "Walzerfahrt zum Mond", das legendäre Karussell der Leipziger Kleinmesse, das in einer Garage im Hof der Rietschelstraße eingemottet wurde, war nicht zu retten. Eberhard Schröters Buch aber funktioniert weiter: Wie eine Zaubermaschine, in der die Kunst der Erinnerung in eins fällt mit der Kunst der Literatur. 

Das Buchcover von "Walzerfahrt zum Mond" zeigt die Leipziger Kleinmesse von oben.
Bildrechte: Lehmstedt Verlag

Angaben zum Buch Eberhard Schröter: "Walzerfahrt zum Mond. Eine Leipziger Kindheit"
Lehmstedt Verlag
206 Seiten, gebunden
20 Euro
ISBN: 978-3-95797-129-6

Erinnerungen an die DDR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Januar 2022 | 11:15 Uhr