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Verleihung des Thüringer Literaturstipendiums "Harald Gerlach"Erfurter Schriftstellerin Emma Braslavsky: "Heimat ist kein Staat"

Thüringer Literaturstipendium "Harald Gerlach"

Erfurterin Emma Braslavsky bekommt Thüringens wichtigsten Literaturpreis

von Rebekka Adler, MDR KULTUR

Stand: 07. Juli 2021, 08:37 Uhr

Emma Braslavsky ist Stipendiatin des mit 12.000 Euro dotierten Thüringer Literaturstipendiums "Harald Gerlach", dessen feierliche Übergabe am Mittwochabend in Gotha stattfindet. Ihr Debüt feierte die 1971 in Erfurt geborene Schriftstellerin und Kuratorin im Jahr 2007 mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Roman "Aus dem Sinn". Heute lebt sie in Berlin und schreibt dort aktuell an ihrem neuen Buch mit dem Titel "Erdling". Mit MDR KULTUR hat Emma Braslavsky über ihre literarische Beziehung zu ihrer Heimat gesprochen.

"Heimat" – ein Begriff, der polarisiert und nicht selten von Rechten instrumentalisiert wird. Doch lässt sich durchaus auch klug und weitsichtig über Heimat und Heimatlosigkeit sprechen, so wie die 1971 in Erfurt geborene Schriftstellerin Emma Braslavsky: "Heimat ist für mich kein Staat und war grundsätzlich nie ein Staat. Heimat ist für mich mehr ein Gefühl von mir selbst in Bezug zu meiner Umgebung: ein kollektiver Geist, an den ich andocke und den ich mit Neuigkeiten füttere, damit er mich ernährt."

Heimat wird für mich immer dann schwierig, wenn sie mir zu Leibe rückt, wenn sie mich begrenzt, festnagelt, bevormundet und in die Enge treibt.

Emma Braslavsky, Schriftstellerin

Aus eben diesem Grund wurde die DDR für Emma Braslavsky niemals zur Heimat. Einen frühen Rückzugsort fand sie in der Literatur: Von der Bibel über Goethes "Faust" bis hin zur fantastischen Anthologie "Das Raumschiff", später dann Anna Seghers und Sarah Kirsch – alles, was man in Ostdeutschland bekommen konnte.

Zwischen unbeschwerter Kindheit und dem Kampf gegen ideologische Denkmuster

Die Erinnerung an den untergegangenen Staat ihrer Kindheit und Jugend ist heute zwiegespalten. Von kindlicher Unbeschwertheit bis hin zum Kampf gegen ideologische Denkmuster. Dieser Kampf war es, der Braslavsky im Frühjahr 1989 in die Flucht trieb. Und so wird ihr Heimatbegriff um ein neues Urprinzip ergänzt – Wanderschaft:

1989 flüchtete die gebürtige Erfurterin über Ungarn aus der DDR und verbrachte einige Jahre in München, Rom, Paris, Berlin, New York und Moskau. Bildrechte: MDR/Karina-Heßland-Wissel

"Nach der Wende war ich ja nicht nur Flüchtling, sondern auch Migrantin in verschiedenen Ländern. Ich habe mich eigentlich nie fremd gefühlt. Das hat nicht immer etwas mit der Umgebung zu tun, sondern auch mit einem selbst, wie offen man ist. Und ich habe irgendwie das Gefühl, da stehe ich also, wenn man jetzt an die thüringische Geschichte denkt, als Weltbürgerin, wenn ich das mal ein bisschen hochtrabend sagen darf, eigentlich in guter alter thüringischer Tradition. Mir können nicht einmal Roboter oder Außerirdische fremd vorkommen", erzählt Braslavsky.

Und doch gibt es etwas, das auf die Schriftstellerin in höchstem Maße befremdlich wirkt, nämlich "die neuerlich erstarkenden Erscheinungen, die sich in paradoxen Begriffskarzinomen wie Fremdenfeindlichkeit oder Überfremdung auszudrücken versuchen." Solche Begrifflichkeiten erscheinen Braslavsky paradox, denn sie entspringen "einem schrecklichen Gedankenvirus aus dem neunzehnten Jahrhundert, der Thüringen zu einer Provinz machen will."

Emma Braslavskys dystopischer Roman "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten"

"Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" erschien 2019 im Suhrkamp Verlag. Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Weit weg von der Provinz spielt Braslavskys Roman "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten" (2019) in einer nahen Zukunft in der Metropole Berlin, wo immer mehr Menschen an sozialer Entfremdung kaputtgehen. Die Protagonistin des Buches ist die Roboterfrau Roberta – eine Dystopie, in der sich auch Braslavskys persönliche Erfahrungen niederschlagen:

"Ich bin in der Utopie geboren. Ein System, in dem der Mensch scheitert, weil ein Mensch erforderlich ist, der utopisch und ideal ist. Ich glaube, das hat mich sehr stark geprägt, weil in der DDR immer auch Auszeichnungen wie 'Du bist der Arbeiter der Woche' einem immer das Gefühl geben, Mängelwesen zu sein, sich mehr anstrengen zu müssen, sportlicher zu werden. Ich glaube, dass mich das sehr stark geprägt hat, in die dystopische, utopische Richtung zu gehen und meine Geschichten aus einem Blickwinkel zu schreiben, der vielleicht für die alte Bundesrepublik nicht so üblich ist."

Leseprobe aus "Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten"

ROBERTA

Sie war herzlos und hochempfindlich, aber frei, die erste Ermittlerin dieser Art. Sie gehörte niemandem und hatte mehr Entscheidungsgewalt als ein durchschnittlicher Polizeibeamter. Als Erste ihrer Art war ihr sogar eine kleine Dienstwohnung zugebilligt worden, damit die Bedingungen der Operation Roberta so nah wie möglich an der Realität waren. Sie lag im ersten Stock eines Altbaus in einer gertenschlanken Gasse, mit Bad und zwei spärlich eingerichteten Räumen: Bett, Sofa, Tisch, ein Stuhl, Sideboard, Schrank. Ein schmaler, hoher Spiegel neben dem Wohnzimmerfenster. Den Raum beleuchtete eine gedimmte Glühbirne an einer Stehlampe, die neben der Tür auf dem Belag stand. Roberta betrachtete ihr Spiegelbild. In ihrem Gesicht flackerte die diffuse bläuliche Neonschrift des Spätis von gegenüber. Ihr Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Ihr Hals hatte Altersfalten, Jahresringe, die auf Lebenserfahrung hindeuten sollten. Sie nahm die perfekte Asymmetrie ihrer Brüste wahr, die linke Brust war etwas kleiner als die rechte. Bescheidene Speckrollen legten sich um die Hüften. Sie zupfte an ihrem brünetten Shag-Haarschnitt und ertastete die braunen Löckchen zwischen den Beinen, die als biblischer Busch nur vortäuschten, ein feuchtes Sakrament zu bewachen, sie beschirmten eine Lust, die ihr nicht einprogrammiert war.

Neuer Roman "Erdling" erscheint 2022

Emma Braslavskys neuer Roman trägt den Titel "Erdling" und wird voraussichtlich 2022 erscheinen. Bildrechte: Stefan Klüter/Suhrkamp Verlag

Aktuell schreibt Emma Braslavsky an ihrem neuen Roman "Erdling", für den sie am 7. Juli das Thüringer Literaturstipendium "Harald Gerlach" in Gotha erhält: Ein Buch, das sich aus einem sehr ungewöhnlichen Blickwinkel heraus mit deutscher Identität auseinandersetzen wird, Oppositionen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufbricht, aber vor allem unsere eigene Wahrnehmung der Geschichte zu hinterfragen sucht.

Über ihren neuen Roman, der voraussichtlich 2022 erscheinen soll, verrät Braslavsky: "Ich würde das Buch als deutsche Zukunftsbewältigung sehen. Ich habe das Gefühl, wenn wir jetzt nicht anfangen, ein bestimmtes Selbstverständnis, was ein lockerer Bezug zu uns selbst sein könnte, aufzubauen, dann könnte es für uns sehr schwierig werden in den nächsten 20 bis 30 Jahren. Und um das zu verhindern, wäre es wichtig, uns einfach mal selbst die Frage zu stellen, wer wir eigentlich sind."

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2021 | 18:10 Uhr