Erfurter Antiquariat am Waidspeicher Wie ein Buchladen im Lockdown den Kundenkontakt hält

Viele Buchhandlungen verlagern ihr Angebot im Lockdown ins Internet. Doch wie gehen Antiquariate damit um, dass Sammler ausbleiben und Auktionen nur noch online stattfinden? Am Erfurter Domplatz gibt es seit 20 Jahren den kleinen Buchladen mit "Antiquariat am Waidspeicher". Dieser lädt seine Kundschaft mit einem Zettel an der Tür zum Anklopfen und Bestellen ein. Und das Schaufenster dient nebenbei als "Sammelplatz" für seltene Literatur zum Schnäppchenpreis.

Buchhändlerin Elke Zuch vom „Antiquariat am Waidspeicher“ übergibt Bücher an ihre Kundschaft
Buchhändlerin Elke Zuch vom Antiquariat "Am Waidspeicher" übergibt Bücher an ihre Kundschaft Bildrechte: MDR/Blanka Weber
Buchhändlerin Elke Zuch vom „Antiquariat am Waidspeicher“ übergibt Bücher an ihre Kundschaft 4 min
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Viele Buchläden verlagern ihr Angebot im Lockdown ins Internet. Doch wie gehen Antiquariate mit der pandemiebedingten Schließung um? Ein Erfurter Antiquariat hat sich für seine Kundschaft einiges einfallen lassen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 21.01.2021 06:15Uhr 03:59 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audio-radio/audio-erfurt-antiquariat-corona-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Viele Buchläden verlagern ihr Angebot im Lockdown ins Internet. Doch wie gehen Antiquariate mit der pandemiebedingten Schließung um? Ein Erfurter Antiquariat hat sich für seine Kundschaft einiges einfallen lassen.

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Es ist kurz vor 11 Uhr an einem Vormittag. Normalerweise würden um diese Zeit am Domplatz von Erfurt viele Touristen entlangbummeln, die Cafés wären voll und auch der Gemüsemarkt gegenüber hätte deutlich mehr Publikum.

Elke Zuch macht das Licht im Laden an und wirft einen Blick zur Tür. Dort steht eine kleine liebevolle Notiz – ein Gruß an die Kundschaft, mit der man via Telefon Kontakt hält und immer dann, wenn für ein paar Stunden am Mittag das Licht brennt: "... haben wir uns das gedacht: Die Menschen sehen, dass wir da sind. Wir haben den Zettel an die Tür gehängt und wir dürfen zur Zeit nicht aufmachen. Aber wir können die Bücher herausreichen, können Bestellungen annehmen. Und wir hoffen, dass unsere Stammkunden und vielleicht auch andere das in Anspruch nehmen", erläutert Buchhändlerin Zuch die Idee.

Schaufenster der Buchhandlung „Antiquariat am Waidspeicher“ am Erfurter Domplatz
Schaufenster der Buchhandlung "Antiquariat am Waidspeicher" am Erfurter Domplatz Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Im Schaufenster Altes neu entdecken

Im Schaufenster türmen sich wunderbare Bücher, alle zum Festpreis von 10 Euro. Die Gedichte von Mascha Kaléko sind schon verkauft, sagt Zuch: "Ja, die gehen auch gut weg. Sie ist ja auch eine sehr gute Dichterin und grad in diesen Zeiten sind ihre Verse sehr ermutigend."

Und selbst die Stadtgeschichte von Waltershausen findet an dem Tag einen begeisterten Kunden, der gleich alle drei Bände mitnehmen möchte. Zuch reicht ihm die Bücher durch die Tür. Seit 30 Jahren ist sie Buchhändlerin, sie stammt aus Hessen. Seit nunmehr 16 Jahren lebt sie in Thüringen. Der kleine Laden, etwa 70 Quadratmeter, beherbergt neue Bücher und Antiquitäten als Spezialgebiet, darunter Bücher aus dem 18. Jahrhundert und der Zeit der Aufklärung, auch einiges an Sekundärliteratur und Originalliteratur aus der Zeit gibt es in Erfurt, so Zuch.

Persönliche Kundenberatung am Telefon

Trotz der wenigen Kundschaft – das Interesse an guten Büchern ist größer geworden. Ob sich aus ihrer Sicht thematisch etwas geändert habe in der Nachfrage? Elke Zuch überlegt kurz: "In den Anfangszeiten, so letztes Jahr im Lockdown, waren wirklich Texte wie Camus 'Die Pest' und Defoes 'Die Pest in London', diese Epidemie-Texte waren etwas verbreiteter. Die wurden nachgefragt. Ansonsten ist mir aufgefallen, dass manche Menschen mehr lesen, öfter Bücher bestellen."

Es käme ganz darauf an, wie es jetzt gelänge, mit den Kunden in Kontakt zu bleiben. Denn jeder sucht etwas anderes, meint sie. "Klar gibt es auch Menschen, die fragen dann nach Ratgebern ..." Das Telefon klingelt. Geduldig beantwortet sie Fragen, notiert Wünsche und sucht schon mal mit einem Blick auf den Bildschirm in ihrem Bestand. Draußen steht eine nächste Kundin und notiert sich die Telefonnummer. 

Wir dürfen zur Zeit nicht aufmachen, aber wir können die Bücher herausreichen, können Bestellungen annehmen – und wir hoffen, das unsere Stammkunden und vielleicht auch andere das in Anspruch nehmen.

Elke Zuch, Buchhändlerin

Durchhalten, weitermachen und präsent sein

Buchhändlerin Elke Zuch vom „Antiquariat am Waidspeicher“
Buchhändlerin Elke Zuch vom "Antiquariat am Waidspeicher" Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Das "Antiquariat am Waidspeicher" gibt es seit mehr als 20 Jahren an diesem Platz, Uli Jestädt ist der Inhaber. 1.500 Euro Miete sind monatlich fällig – eine Summe die ihm jetzt Kopfzerbrechen macht, weil die Einnahmen fehlen. Glücklicherweise, sagt er draußen vor seinem Laden, sei der Vermieter kulant: "Der lässt also mit einer Mietminderung, jetzt wo wir das Geschäft nicht mehr zu seinem Zweck, nämlich zum Verkauf, betreiben können, mit sich reden. Also, er hat uns einen Teil der Miete erlassen."

Unterdessen nimmt Zuch die nächste Bestellung entgegen. Auch wenn es nur kleine Posten sind, man bleibt im Gespräch. Sie hofft, dass im Frühjahr, wenn die Zeiten wieder besser sind, auch die Bibliotheken wieder bei ihr ein größeres Sortiment bestellen: "Und das hat schon einen großen Anteil am Umsatz. Aber die bestellen natürlich auch erst, wenn der Haushalt durch ist und wenn sie ihre Gelder haben. Das geht also jetzt erst im März, Februar frühestens los." Bis dahin heißt es: Durchhalten, weiter machen – und präsent sein.

Was wir uns einfach wünschen, sind mehr Leute, die einfach mal klopfen oder fragen. Und die sich vornehmen, uns – auch nach dem Lockdown – zu unterstützen.

Elke Zuch, Buchhändlerin

Zuch legt ein neues Buch ins Fenster – und vielleicht kommt auch wieder eines von Mascha Kaléko hinzu, im kleinen Antiquariat am Domplatz von Erfurt. 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2021 | 08:40 Uhr

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