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Erich Loest war ein Volksschriftsteller Bildrechte: imago/DATA73

95. Geburtstag

Was uns Erich Loest heute noch zu sagen hat

Stand: 24. Februar 2021, 08:39 Uhr

2013 starb der Schriftsteller Erich Loest. Am Mittwoch wäre der 1926 in Mittweida geborene Autor 95 Jahre alt geworden. MDR KULTUR-Literaturkritiker Ulf Heise kannte den Künstler gut, bestritt mit ihm Veranstaltungen und begegnete ihm in seiner Funktion als langjähriger Vorsitzender des Sächsischen Literaturrates. Acht Jahre nach dem Tod des Dichters bewegt ihn die Frage "Was bleibt von Erich Loest?". Seine Antwort fällt ermunternd aus.

Kantig und hemdsärmelig zeigte sich Erich Loest bis zum Schluss. Das muss nicht wundern bei einem Dissidenten, der fast acht Jahre als Gefangener in einer der berüchtigtsten Justizvollzugsanstalten der DDR verbüßte. Seine Überzeugungen verfocht der Autor während der Haft einschränkungslos. Dieser Charakterzug macht ihn dauerhaft zu einem Musterbeispiel für moralische Geradlinigkeit. Dafür zollt ihm Ex-Bundespräsident Joachim Gauck tiefen Respekt: "Der Mann, der so früh versucht hat, einen Sozialismus durch eigene Mitgliedschaft in der Partei aufzubauen, der hätte ja auch entarten können", sagt Gauck. "Wir kennen genug Autoren, die saßen dann in den Gremien. Sie haben das Ungereimte gereimt, und sie haben dafür hohe Preise und Ehrungen bekommen."

Aber seine Art der Wahrnehmung war nicht so, dass er schweigen wollte zu dem, was er sah und so landete er folgerichtig im Zuchthaus.

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck über Erich Loest

Loest publiziert schnell und viel

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MDR KULTUR WerkstattLeipziger aus Leidenschaft | Der Schriftsteller Erich Loest im Gespräch

Schaffenskrisen plagten Erich Loest trotz seiner krisengeschüttelten Existenz kaum. Er publizierte schnell und viel. Zu seinen Werken zählen etliche Krimis für die legendäre Blaulicht-Reihe, die er unter Pseudonym veröffentlichte. Nicht alle dieser Texte sind Glanzleistungen, aber sie genossen trotzdem enorme Popularität und förderten den bis heute anhaltenden Ruhm des Autors als Volksschriftsteller nach dem Vorbild von Karl May, für den er schwärmte. Darüber hinaus verehrte Erich Loest noch einen zweiten Künstler, mit dem er sich vom Niveau her problemlos zu messen vermag. Gemeint ist Hans Fallada: "Er ist der Schriftsteller über den kleinen Mann in der Weimarer Zeit", sagte Loest. "Das kann man nirgends besser, genauer bis ins Wort hinein nachlesen als in 'Kleiner Mann. Was nun?'"

Fürsprecher der Ausgegrenzten

Ganz in der Tradition dieses genialen Fürsprechers der Ausgegrenzten und Benachteiligten bewegte sich Erich Loest. Er amtierte ab 1984 als Chef des Verbandes deutscher Schriftsteller und verfocht in dieser Position sozialistisches Ideengut, doch zu Extremen tendierte er nie. Vielmehr forderte er ein Höchstmaß an Toleranz, das Fundamentalismus eindämmen sollte. Regine Möbius erinnert sich gerne an die freigeistigen Positionen ihres ehemaligen Weggefährten: "Er hat sich immer, so lange ich ihn kenne, als Sozialdemokrat gesehen, und ich habe auch lange gedacht, der gehört der sozialdemokratischen Partei an. Das hat er nicht", sagt die Schriftstellerin. "Aber die Prämissen der Sozialdemokraten, die hat er praktisch immer postuliert. Von ihm ist auch dieser legendäre Satz 'Das Sozialdemokratischste sind die städtischen Bibliotheken, gefolgt von der Fußballmannschaft zweiten Grades' – also so ungefähr."

Er war, glaube ich, überhaupt kein Kommunist.

Schriftstellerin Regine Möbius über Erich Loest

Lokal und international erfolgreich

Loests Roman "Nikolaikirche" wurde auch verfilmt Bildrechte: MDR/WDR/Christa Köfer

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Erich Loest in Leipzig. Dort arbeitete er als Journalist, studierte am Literaturinstitut und sah seine Kinder aufwachsen. In Romanen wie "Völkerschlachtdenkmal", "Nikolaikirche" sowie "Reichsgericht" entpuppte er sich als Meister regionaler Erzählkultur. Doch es wäre arrogant, ihn als Lokalmatador abzustempeln, denn Erich Loest widerfuhr Anerkennung in der gesamten Bundesrepublik. Nicht umsonst engagierte sich mit Gerhard Steidl einer der wichtigsten Verleger des Landes für ihn.

Auch an internationaler Ausstrahlung mangelte es dem Ur-Sachsen Erich Loest nicht. Gefragt, wo sich weltweit die meisten Käufer seiner Bücher finden, antwortete er: "Das sind die nordischen Länder: Dänemark, Schweden. Sie sind klein, wie wir wissen. Aber dort wird deutsche Literatur am stärksten gepflegt", so Loest. "Die höchste Auflage, die ich habe, 110.000 Stück, habe ich in einem schwedischen Buchclub damals mit 'Es geht seinen Gang' herausgebracht.

Erich Loest lässt sich gewiss auf sehr vielfältige Weise definieren oder verorten. Aber eines ist sicher: Der Mann war und bleibt ein Weltbürger aus Pleißathen.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 24. Februar 2021 | 17:10 Uhr