Altmärkischer Literaturpreis Warum Fotografin Ingrid Bahß so wertvoll für die Altmark ist

Der neue Altmärkische Literaturpreis soll Autorinnen und Autoren würdigen, die in der Region verwurzelt sind und schreibend für sie werben. Erste Preisträgerin ist allerdings eine hauptberufliche Fotografin: Ingrid Bahß. Einst wurde Bahß als Dissidentin aus der DDR ausgewiesen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Fotografen Dietrich Bahß, betrieb sie eine Wohnzimmergalerie. Zu den Gästen zählten Heiner Müller, A.R. Penck – und Stasi-Spitzel. Nach der Wende kehrte sie in ihren Geburtsort Werben zurück, wo sie zur umtriebigen Kulturmacherin wurde. Geschrieben hat sie ebenfalls, wenn auch bisher eher unbemerkt.

Stadtansicht Hansestadt Werben an der Elbe
Blick auf Werben an der Elbe, die kleinste Hansestadt Bildrechte: imago images/Peter Schickert

Sie hätte sich auch gegen die Rückkehr nach Werben entscheiden können, und viele hätten es verstanden. Ingrid Bahß ist in dem romantischen Biedermeierstädtchen geboren und aufgewachsen, in den 50er-Jahren war das. Später ging sie mit ihrem Mann Dietrich nach Magdeburg und dort in die politische Opposition. Nach Jahren der Bespitzelung durch die Staatssicherheit wurden beide aus der DDR ausgewiesen. Sie fanden in Köln ein neues Zuhause.

Rückkehr nach Werben

Ingrid Bahß
Bei der Eröffnung der Ausstellung "wohnungslos" in der Salzkirche Werben, mit der Leipziger Künstlerin Uta Pilling (1948-2020) Bildrechte: Dietrich Bahß

Doch nach der politischen Wende 1989 dauerte es nicht lang, bis Ingrid Bahß wieder nach Werben kam. Auch wenn das nun "ewig her" ist, erinnert sie sich an die Rückkehr als "Prozess der Annäherung". "Es war erst mal ein Gucken irgendwie: Was bedeutet mir dieser Ort? Habe ich Lust auf mehr als einen kurzen Besuch? Da ist tatsächlich viel mehr draus geworden."

Wurzeln in der Altmark

Ingrid Bahß, die seit ihren Jugendjahren fotografiert und daraus Beruf und Berufung gemacht hat, baute in Werben die freie Kulturszene mit auf. Sie organisierte Ausstellungen und Konzerte. Und so wuchs ihr trotz der einstigen Vertreibung die alte Heimat wieder ans Herz. "Meine Heimat ist Werben, meine Wurzeln sind hier. Ich fühle mich auch der Landschaft der Altmark, der Wische, innerlich sehr, sehr verbunden." Das merke sie immer besonders, wenn sie anderswo sei.

Wenn ich anderswo bin, in den Alpen oder dem Schwarzwald. Das guck ich mir an und sage: 'Schön.' Aber wenn ich in die Altmark komme, dann öffnet sich mein Herz.

Ingrid Bahß

Landschaft um Werben aus der Serie "Die Elbe und ich", 2019
Landschaft um Werben aus der Serie "Die Elbe und ich", 2019 Bildrechte: Ingrid Bahß

Mehr zur Biografie von Ingrid Bahß

Ingrid Bahß wurde 1949 in Werben/Elbe geboren. Nach dem Abitur in Seehausen/Altmark studierte sie Russisch und Deutsch, um Lehrerin zu werden. 1972 wurde sie exmatrikuliert. Bis 1983 verdiente sie ihren Lebensunterhalt durch Beschäftigungen im Schulhort, im Kulturbund und im Diakonischen Amt Magdeburg.

In dieser Zeit eröffnete sie gemeinsam mit ihrem Mann Dietrich eine Wohnungsgalerie in der Magdeburger Hegelstraße 33. Besonders in den 70er- und 80er-Jahren waren Privatgalerien die Plattform für Alternativkunst im Lande. Einer der prominenten Gäste war Dramaturg Heiner Müller. Unter ihren Gästen waren auch Stasi-Spitzel. Namhafte Künstler stellten hier aus: Andreas Thielemann aus Leipzig etwa, Cornelia Schleime aus Berlin oder der Dresdner Ralf Winkler alias A.R. Penck. Ein Foto zeigt Heiner Müller bei der Eröffnung 1983, neben ihm der Stasi-Zuträger Sascha Anderson.

1983 wurden Ingrid und Dietrich Bahß aus der DDR ausgewiesen. Bis 1993 war sie Mitglied im Bundesverband der Arbeiterfotografen. Heute lebt sie in Köln und Werben. Seit ihrer Rückkehr in die Heimatstadt nach der Wende engagierte sie sich als Kulturmacherin. 2006 organisierte sie die erste Ausstellung in der Salzkirche unter dem Titel "Ich habe einen Namen" zum Thema Wohnungslosigkeit. Es folgten Kunst- und Fotoausstellungen. 2010 lud sie zu "Literatur in den Gärten und Häusern der Stadt im Zeichen des dichterischen Werkes von Johannes Bobrowski" - ein dreitägiges Literaturfest nicht nur mit Lesungen, sondern auch Literaturgottesdienst, Literaturspaziergang, Konzerten und Tanzperformance.

Engagierte Kulturmacherin, Fotografin und Autorin

Stadtansicht der Hansestadt Werben
Seit Jahren betätigt sich Ingrid Bahß in dem beschaulichen Ort als Kulturmacherin. Bildrechte: IMAGO / Peter Schickert

Nun pendelt sie seit Jahren zwischen Köln und Werben. Die altmärkische Stadt an der Elbe ist eher der Sommersitz. Ingrid Bahß fotografiert, engagiert sich im Arbeitskreis Werbener Altstadt, der die historischen Häuser vor dem Verfall rettet, ist in Biedermeiertracht auf historischen Märkten unterwegs, organisiert beinahe im Alleingang Ausstellungen und Konzerte in der alten Salzkirche. Dass sie "nebenbei" nicht nur "immer relativ intensiv fotografierte", sondern auch schrieb, war weniger bekannt. "Unbemerkt von der Öffentlichkeit, von der Werbener Öffentlichkeit zumindest habe ich immer wieder an Texten gearbeitet und auch Texte veröffentlicht", erzählt die Kulturmacherin.

Botschafterin für die Altmark auch am Rhein

Bisher war ihr Schreiben ausschließlich in Köln bekannt, wo sie unter anderem in einer Obdachlosenzeitschrift sowie in mehreren Erzählbänden veröffentlichte. Erst jetzt, mit der Verleihung des Altmärkischen Literaturpreises, bemerken selbst enge Verbündete verblüfft, dass die Fotografin schreibt – und zwar so gut, dass die Jury sich einig war. Anette Rieger, die Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek, ist mit der Auswahl sehr zufrieden, auch weil die Fotografin und Autorin Ingrid Bahß auf doppelte Weise eine Botschafterin für die Altmark ist:

"Ingrid Bahß macht durch ihre Ausstellungen, durch ihre vielfältige kulturelle Arbeit, die sich auf Werben erstreckt, die Region bekannt. Sie wohnt aber auch in Köln und macht sozusagen dadurch schon auch dort die Altmark bekannt."

Altmärkischer Literaturpreis

Ausgelobt wurde der Preis von der Stendaler Kaschade-Stiftung und der Einheitsgemeinde Osterburg, während der Osterburger Literaturtage vom 4. bis 16. Oktober 2021 wird die Auszeichnung nun verliehen: 11.10., 14:30 Uhr Erster Altmärkischer Literaturpreis: Verleihung & Lesung, Fotoausstellung Darüber hinaus vergibt die Kaschade-Stiftung Literatur-Nachwuchspreise an Zübeyde Bilgin, Paula Heidenreich und Helvi Pohl, die Kostproben aus ihren Gedichten und Geschichten vortragen.

Geboren in der kleinsten Hansestadt, die auch Stammsitz der Johanniter war

Hinter einem Hagebuttenstrauch mit knallroten Früchten kommt bei Werben 2002 die Johanneskirche zum Vorschein.
Vom ersten Stammsitz des Johanniterordens in Mitteleuropa zeugt noch die mächtige Johanniskirche in dem kleinen Ort mit rund 700 Einwohnern. Bildrechte: dpa

Etliche ihrer Freunde aus Köln oder Hamburg hat Ingrid Bahß schon in die Altmark und nach Werben eingeladen.

Manche kommen immer wieder, andere haben sich gleich ein Häuschen gekauft in dem Städtchen an der Elbe, der kleinsten Hansestadt, mit der mächtigen Johanniskirche, die einst erster Stammsitz des Johanniterordens in Mitteleuropa war.

Lampenfieber vor der Preisverleihung 

Von diesen Jahrhunderten der Geschichte ist Ingrid Bahß in ihren Texten, in ihrer Heimatliebe genauso beeinflusst wie von Alltagsgeschehnissen. Wenn gerade ein Rettungswagen vor der Tür der Nachbarin in der engen Fabianstraße hält, dann berührt sie das: "Das heißt nicht, dass ich da morgen einen Text draus mache, aber es bewegt mich. Und Bewegung ist ja immer die Voraussetzung, um da ein Stück tiefer hineinzugehen."

Tiefer gehen, das kann Ingrid Bahß. Durch ein oder zwei Nebensätzen in Gesprächen, durch subtile Details in ihren meist schwarz-weißen Fotografien und in ihren Geschichten. Die Altmärker lernen sie so erst jetzt kennen.

Landschaft um Werben aus der Serie "Die Elbe und ich", 2019
"Selbst in meinen Kölner Zeiten bin ich noch immer auf der Suche nach Flußauen, ähnlich den Elbauen", sagt Ingrid Bahß. Bildrechte: Ingrid Bahß

So viele Ausstellungen hat sie gestaltet, aber vor ihrer ersten öffentlichen Lesung im Oktober, wenn sie den ersten Altmärkischen Literaturpreis überreicht bekommt, da hat sie doch Lampenfieber.

Literatur in und aus Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2021 | 11:42 Uhr