Medienkompetenz-Projekt Faktenforschen mit der Stadtbibliothek Erfurt

In Erfurt können Bürgerinnen und Bürger lernen, den Nachrichten-Wahrheitswert zu bewerten oder Manipulation zu durchschauen. Das Projekt zeigt, Bibliotheken wirken weit in die Gesellschaft hinein, nicht nur durch literarische Bildung. MDR KULTUR-Moderatorin Ellen Schweda hat mit Bibliotheksdirektor Eberhard Kusber über die Schwerpunkte der Medienkompetenzbildung und die konkrete Umsetzung gesprochen.

Fake News-Schriftzug auf einem Smartphone
Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Was kann man sich unter dem Projekt Faktenforschen vorstellen?

Eberhard Kusber: Beim Projekt Faktenforschen geht es eigentlich darum, dass wir alle vor dem Phänomen stehen, dass wir tagtäglich, geradezu sekündlich überflutet werden mit Breaking News, mit irgendwelchen Geschehnissen, Katastrophen hier und dort. Und dann kommt noch das Erstarken von autoritären oder antidemokratischen Denkweisen dazu. Bei uns selbst, aber auch jenseits unserer Grenzen: überall, global. Und wir sind diesem Phänomen mehr oder weniger ausgeliefert. Wir wissen im Einzelnen gar nicht, welche Nachricht inhaltlich überhaupt stimmig ist – es kommt uns vielleicht nur so vor – und ob das Bild nun tatsächlich zu dieser Nachricht passt etc. […] 

Und weil es ein Phänomen ist, das eben die Zeit prägt und Jung und Alt prägt, hatten wir uns gedacht: Wir als Bibliotheken, als Institutionen der Demokratie, als lebenslanger Bildungsort sollten uns diesem Thema widmen und da ein bisschen tiefer einsteigen.

Und was genau bieten Sie an?

Eberhard Kusber
Eberhard Kusber Bildrechte: dpa

Es geht darum, auf einer allgemeinen Ebene die Stadtgesellschaft zu sensibilisieren für diese Problematik. Und zwar Kinder, Jugendliche, Eltern, Familien, Erwachsene und so weiter. Auch mit den Mechanismen dieser medialen Meinungsbildung. Wie das passiert, wie das entsteht, wie eine Nachricht zustande kommt […] Diese Hintergründe zu beleuchten, um einfach reflektorischer und bewusster dann auch mit so einer Nachricht umgehen zu können.

Was passiert, wenn ich in die Bibliothek komme und sage: Ich will beim Faktenforschen mitmachen! Was heißt das für mich als Besucher?

Wir konnten zwei halbe Stellen über das Projekt gründen und verankern. Diese beiden Kolleginnen, sind beide Medienpädagogen, die Module, Workshops, Seminare ausarbeiten - wir sind jetzt in der Endphase dazu. Um dann wirklich interessierte Laien, eigene Mitarbeiter der Bibliothek, Mitarbeiter des Sozialamtes, des Jugendamtes oder interessierte Bürger damit zu konfrontieren und verschiedene Schulungen und Veranstaltungen durchzuführen. Die finden nicht nur hier in der Hauptbibliothek statt, sondern die gehen auch in die Stadtteilzentren. Vorgesehen ist auch, dass sie in die Elternabende hineingehen, um dieses Bewusstsein auch vor Ort zu bringen.

Was benötigt es, um solche Projekte zu stellen?

Stadtbibliothek Erfurt
Die Stadtbibliothek Erfurt am Domplatz 1 in Erfurt Bildrechte: dpa

Was wir brauchen, ist ein Bewusstsein – gerade der Träger, der Politik im weitesten Sinne – dass Bibliotheken heutzutage einfach wesentlich weiter und tiefer und breiter für die Stadtgesellschaft wirken können. Auch in den Überlegungen, die zurzeit so im Gange sind, bei Architekten und Stadtentwicklern, werden Bibliotheken zunehmend mit als ein öffentlicher Ort gedacht, der eine Teilhabe, eine Begegnungs- und Kommunikationsfunktion hat, die einfach nicht zu unterschätzen ist. Und diese Linie müssen wir tiefer bei den Entscheidungsträgern unterschiedlichster Art verankern, um die Bibliothek in diesem Sinne auch zum Entfalten und zum Blühen bringen zu können.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Bücher, Leser, Bibliotheken

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2021 | 18:20 Uhr

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