Rezension Fotoband: Faszinierende Zeitreise ins Dresden des 19. Jahrhunderts

Die Liste der Dresden-Bücher ist lang. Jetzt kommt eins aus dem renommierten Schirmer / Mosel Verlag, das eine echte Lücke füllt: Es zeigt in Fotografien, wie neue Zeiten in der barocken Stadt anbrechen, deren Gesicht sich Ende des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung deutlich verändert. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen stammen von Fotografen wie Hermann Krone und Ermenegildo Donadini, die meisten aber von heute Unbekannten. Herausgeber und Autor ist der Fotohistoriker Andreas Krase, der auch Kustos für Fotografie und Kinematografie an den Technischen Sammlungen Dresden ist. Eine faszinierende Zeitreise!

Menschen auf einer Brücke
Elb-Hochwasser an der 1877 eröffneten Albertbrücke, Aufnahme von 1890 Bildrechte: © Stadtmuseum Dresden / courtesy Schirmer/Mosel

250 Fotografien hat Andreas Krase für das Buch ausgesucht; aus tausenden, die er am Bildschirm sichtete. Viele sind bisher unveröffentlicht und nicht wenige kratzen am Mythos der schönen, erst 1945 untergegangenen Barockstadt.

Barocke Schönheit in Kopie

Gebäude
Frauenkirche gesehen von Hermann Krone Bildrechte: © Hermann-Krone-Sammlung, IAPP, TU Dresden/courtesy Schirmer/Mosel

Aber zunächst geht das neuere Medium Fotografie auf alten Pfaden, hält fest, was in der Malerei, vor allem auf Canalettos Veduten, bereits vorgegeben ist: Motive wie die Frauenkirche mit Neumarkt, Schloss, Zwinger, Hofkirche, wiederholt auch die bekannten Perspektiven auf dieses Bildzentrum der Stadt. 

"Der Vorteil der Fotografie damals war ihre ungeheure Detailgenauigkeit, ihr Detailreichtum und dass sie zu vervielfältigen war in weit billigerem Maße oder günstiger als gedruckte Darstellungen", erklärt der Fotohistoriker Andreas Krase, der auch Kustos für Fotografie und Kinematografie an den Technischen Sammlungen Dresden ist. Außerdem habe es auch keinen Abnutzungseffekt gegeben: "Wenn die Fotos ausverkauft waren, konnte man neue produzieren."    

Dokumente vom Aufbruch in eine neue Zeit

Die Adressaten waren der sich entwickelnde Fremdenverkehr, die Kunstreisenden, aber auch das Dresdner Bürgertum. Das war stolz in einer Residenzstadt zu leben, deren Aufstieg fand aber bereits jenseits biedermeierlicher Beschaulichkeit statt: in einer rasanten Industrialisierung, womit die Schaffung neuer Verkehrswege und -mittel verbunden war. Das hatte Folgen für die feingliedrige Residenzbebauung, die den Anforderungen der expandierenden Großstadt weichen musste, wie Andreas Krase erläutert:

Damals werden neue Straßen durch die alten Städte hindurchgebrochen. Das ist ein Prozess, der sich nicht nur in Dresden vollzieht. Aber in der sehr engen Altstadt geht der umso tiefgreifender vor sich: Die historische Substanz muss weichen. Das war der Preis, den man zahlen musste und wollte.

Gebäude
Kaufhaus Esders nach der Modernisierung, Prager Straße 2 Bildrechte: © Stadtmuseum Dresden / courtesy Schirmer/Mosel

In den innerstädtischen Bereichen ist es nicht die Schwerindustrie mit rauchenden Schloten, die Einzug hält, die wird in die Außenbezirke verbannt. Es ist die "feine" Industrie für  veredelte Produkte, die Feinmechanik mit der Produktion von Nähmaschinen zum Beispiel und nicht zuletzt die Herstellung der fotografischen Apparate selbst. Aber bevor das Alte verschwinden muss, wird es im Bild festgehalten. Dafür sorgen die Altertums- und Geschichtsvereine und die städtische Verwaltung. Und es entsteht Neues! Ein repräsentatives Rathaus, Brücken wie das berühmte Blaue Wunder, Bahnhöfe, wie Krase erklärt:

"Das sind im Grunde auch für die Kommune wichtige Bauaufgaben, die dokumentiert werden. Offiziell und öffentlich wahrnehmbar. Sie werden auch schnell zum Ereignis und zum fotografierwürdigen Bauwerk. Die Stadt ist sehr stolz auf das, was neu entsteht. Und das wird automatisch und sehr schnell in den Rang der Sehenswürdigkeit erhoben."

Repräsentative Festlichkeiten, Katastrophen, Armut

Brennendes Gebäude
Brennende Kreuzkirche 1897 Bildrechte: © Stadtmuseum Dresden / courtesy Schirmer/Mosel

Und die Dresdnerinnen und Dresdner bestaunen alles: die repräsentativen Festlichkeiten des Königshauses, die Sänger- und Turnfeste. Überliefert sind so auch die Katastrophen, die die Stadt im 19. Jahrhundert ereilten: das Hochwasser, der kalte Winter zum Jahreswechsel 1910/11, der die Elbe zur Eisbahn macht. Eine Dachreparatur, die zum verheerenden Brand der Kreuzkirche im Februar 1897 führt. Auch sie werden zum bestaunten und gut dokumentierten Ereignis, erzählt der Foto-Historiker:  

"Um die Kirche herum versammelt sich eine nach tausenden Köpfen zählende Menschenmenge, um zu gucken, wie eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt abbrannte und zugleich waren da Fotografen zugegen. Das Bildgeschäft nimmt an diesem, man kann sagen Strukturwandel der Öffentlichkeit, auch teil. Das visuelle Zeitalter, in dem wir leben, beginnt eben da, um 1850."      

Die Armut in der Stadt ist kein würdiger Gegenstand für die Fotografen, sie gerät aber über Fotos der engen, schäbig gewordenen Bebauung z.B. am Güntzplatz doch immer wieder ins Bild. Ebenso wie die zufälligen Passanten und Bewohner, die auf die Fotografen mit ihren umständlich zu handhabenden Apparaten aufmerksam wurden. Und die Reklame war damals so aufdringlich wie heute und Stadtgrün Mangelware!

Es ist eine faszinierende Zeitreise, zu der das Buch einlädt.

Buch
Bildrechte: Schirmer/Mosel Verlag

Angaben zum Buch Andreas Krase (Hrsg.)
Dresden in Photographien des 19. Jahrhunderts
Verlag Schirmer/Mosel.
312 Seiten, 254 Abb. in Duotone und Farbe
Preis 49,80 EUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2020 | 17:40 Uhr

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