"E. oder die Insel" Leipziger Autor gelingt gewagter Roman über NS-Euthanasie

Der 1981 geborene Francis Nenik hat sich schon mehrfach mit den Verklammerungen von deutscher Geschichte und deutschen Biografien beschäftigt. In seinem neuen Roman "E. oder die Insel" erzählt er die Geschichte eines Arztes, der sich in den letzten Kriegstagen auf einer Insel in der Nähe einer sächsischen Kleinstadt versteckt hält. Was wie der Bericht eines Widerständlers anhebt, entwickelt sich bald schon in eine gänzlich andere Richtung.

Denkzeichen “Krematorium”
In der Klinik bei Pirna haben die Nazis zahlreiche Menschen umgebracht. Bildrechte: Archiv Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein

Mit dem 14. April 1945 – also in den letzten Kriegswochen – beginnen die Aufzeichnungen jenes Ich-Erzählers, den wir dann bis zum 26. April 1945 begleiten. Der Roman "E. oder die Insel" von Francis Nenik entwickelt sich als Chronik und Fazit eines Mannes, der bis zum Schluss selbst als ein leidender und hoffender Mensch erscheint, obwohl er doch zugleich mit aller Kälte und Härte die Beseitigung kranken und aus seiner Sicht unwerten Lebens fordert. Dieser Beseitigung widmet er als Arzt seine Arbeitskraft.

Der Mann ist vielleicht noch nicht mal ein überzeugter Nationalsozialist, denn er lehnt einen Krieg ab, der die Gesunden sterben lässt, während die Kranken und Kriegs-Untauglichen den Krieg möglicherweise überstehen: "Wer die Gesunden und Starken nicht davon abhalten kann, in den Tod zu ziehen, muss sich den Kranken und Schwachen zuwenden, denn nur dort hat er noch die Chance, etwas zu tun, und das heißt: zu selektieren."

Mörder und Mensch zugleich

Dieser Logik zufolge sind es die Ärzte, die dafür sorgen müssen, dass die Kranken nach dem Krieg nicht in der Mehrzahl sind. Das eben sieht der Tagebuchschreiber als seine Aufgabe – ein Kinderarzt, der dennoch über weite Strecken immer auch Mensch, liebender Familienvater und aufmerksamer Einzelgänger mitten im allmählich kapitulierenden Deutschland bleibt. Man schämt sich geradezu beim Lesen dieses Romans, weil man diesen Ich-Erzähler hassen möchte und es nicht richtig kann.

Francis Nenik
Francis Nenik lebt im Leipziger Umland Bildrechte: Voland & Quist

Wie aber macht der Leipziger Autor Francis Nenik das? Vieles kommt hier zusammen: Der Autor hält viele dünne Fäden und gibt sie in keinem Moment aus der Hand. Er verzichtet zwar in seiner tagebuchartigen Erzählweise beinahe völlig auf Dialoge oder auf die Perspektiven anderer Menschen. Dadurch bringt er aber auch immer deutlicher die seelischen Abgründe dieses Rassenhygienikers zum Vorschein. Der Mann erinnert sich voller Rührung an die Erlebnisse mit seinen eigenen Kindern und versteht die ihm als Arzt anvertrauten "kranken" Kinder zugleich als Wesen, die es aus dem "Erbstrom" des deutschen Volkes herauszulösen gilt. Sein Denken und sein Wettstreit mit anderen Ärzten kreist nicht um die Frage, ob diese Kinder getötet werden sollen, sondern allein um die Perfektion und Effizienz dieser Tötungen.

Nitsche hatte kein Verständnis fürs Sterben und auch keins fürs Töten. Weil er kein Verständnis fürs Leben hatte. Für ihn war das Töten ein industrieller Akt. Eine Frage der Zahl, mehr nicht. Ganz egal, wie das Krankheitsbild war, wer vor ihm stand, wie dieser Mensch gelebt und gelitten hatte. Nitsche hat nicht verstanden, dass es nicht darum geht, die genetisch Defekten auszumerzen, sondern darum, es auf schöne Art und Weise zu tun. Auf eine, die dem Leben dieser Menschen trotz ihrer Krankheit gerecht wird. Oder gerade deswegen. Denn auch das ist die Aufgabe des Arztes: dass diese Menschen im Sterben jene Humanität erfahren, die ihnen das Schicksal zeitlebens verwehrt hat.

aus: "E. oder die Insel" von Francis Nenik

Bezüge auf Euthanasie in Leipzig

All das bündelt sich für diesen Arzt im Schicksal eines kleinen Mädchens, das er während der letzten Kriegsmonate in den Tod geleitet hat. Nun, da vom Osten die Russen und vom Westen die Amerikaner anrücken, ist dieser Mann auf einer Insel nahe seiner Wohnung in der sächsischen Kleinstadt gestrandet und sorgt sich um seine Frau und seine Kinder, die verschwunden sind. Die Aufzeichnungen dieses Mannes, Arzt und Rassenhygieniker, kreisen um ein leeres Zentrum, das allenfalls diejenigen, die dieses Buch lesen, mit ihrem Wissen um geschichtliche Abläufe und menschliche Biografien füllen können.

Eine Stolperschwelle, gegenüber der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Leipzig Dösen ist mit Blumen umgeben
Nur eine kleine Tafel im Boden erinnert an die mörderische "Pflegeanstalt" in Leipzig-Dösen. Bildrechte: dpa

Francis Nenik hat mit diesem Stoff und dieser Fülle an eingebrachtem Wissen literarisch durchaus etwas riskiert. Es hat sich gelohnt, denn der Roman berührt und trägt von der ersten bis zur letzten Seite. Wer sich darauf einlässt, wird dieses Buch, "E. oder die Insel" sobald nicht wieder aus dem Kopf bekommen.

Cover des Buches "E. oder die Insel" 5 min
Bildrechte: Verlag Voland und Quist
Cover des Buches "E. oder die Insel" 5 min
Bildrechte: Verlag Voland und Quist
Cover des Buches "E. oder die Insel"
Bildrechte: Verlag Voland und Quist

Informationen zum Buch Francis Nenik: "E. oder die Insel"
Voland & Quist
290 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-86391-241-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. August 2021 | 08:10 Uhr

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