Interview Bestseller-Autor Frank Goldammer über den neuen Krimi und das Ende von Max Heller

Gerade ist der neueste Krimi vom sächsischen Autor Frank Goldammer erschienen. Darin muss Kommissar Max Heller im Herbst 1956 schwere Vergewaltigungen, Mord und politische Verstrickungen in Dresden aufklären. Im Interview erzählt der Autor, worauf es ihm bei dieser Geschichte ankam und wie er seinen Ermittler nach sieben Romanen in Rente schicken will.

Frank Goldammer 8 min
Bildrechte: Christine Frenzl

MDR: Das Buch ist noch gar nicht richtig erschienen, da hat es schon den Aufkleber: Spiegel-Bestseller – der neue Max-Heller-Fall "Verlorene Engel" des Dresdner Autors Frank Goldammer. Sind Sie eigentlich dank Heller schon Auflagenmillionär, Herr Goldammer?

Frank Goldammer: Leider noch lange nicht. So viele Auflagenmillionäre gibt es, glaube ich, gar nicht in Deutschland. Aber ich bin sehr zufrieden. Und ich bin auch lieber für eine stetige, moderate Entwicklung, als jetzt einen Riesenhype zu erfahren und dann bricht es vielleicht ab.

Ich meinte mit der Million auch die Gesamtauflage aller jetzt sechs erschienenen Fälle.

Nein, eine Million habe ich noch nicht geschafft. Es sind schon weitaus mehr Bücher, als ich mir jemals erträumt hätte, wobei natürlich die Messlatte immer höher steigt mit jedem Buch – aber so weit bin ich noch nicht.

Ist es nur Laune des Autors oder Absicht, dass die neuen Ermittlungen des Dresdner Oberkommissars im Herbst beginnen – weil es auch elf Jahre nach Ende des Krieges kälter in der ostdeutschen Gesellschaft wird?

Ich orientiere mich immer ein bisschen an historischen Ereignissen und die geben dann meistens auch die Jahreszeit vor. In diesem Fall läuft der Aufstand in Ungarn von '56 im Hintergrund mit, und der hat im Oktober und November stattgefunden.

Heller hat endlich seine alte Kriegsverletzung am Bein operieren lassen und ist dadurch zu Fuß so gut unterwegs, wie in noch keinem der fünf Bände. Steckt da eine tiefere Bedeutung dahinter?

Ich wollte mit Hellers Genesung am Fuß andeuten, dass die DDR trotz alledem kein rückständiges Land war, also dass durchaus Forschung und Medizin und alles stattgefunden hat. Und man in der Lage war Max Hellers Fuß zu richten. Und vor allen Dingen noch – das war ja, wenn man das so sagen darf, einer der Vorteile der DDR – es hat ihn nichts gekostet. Zu jeder anderen Lebenszeit hätte ihn das viel Geld gekostet, aber in der DDR war das für alle frei.

Täusche ich mich, wenn ich den Eindruck habe, dass Sie diesmal dem Ermitteln der Verbrechen – es geht um Vergewaltigung und Mord – wieder mehr Gewicht gegeben haben, als dem Beschreiben der gesellschaftlichen Atmosphäre? Die kommt nicht zu kurz, aber ist nicht so erzählprägend wie im vorherigen Buch, das um den 17. Juni 1953 herum spielte.

Frank Goldammer: "Verlorene Engel"
Frank Goldammer: "Verlorene Engel" Bildrechte: dtv

Das stimmt tatsächlich. Ich habe ein bisschen mehr Wert gelegt auf den Kriminalfall, weil es auch ein heikles Thema ist. Es geht um Emanzipation, auch in der DDR: Es gibt eine junge Frau, die sich sehr engagiert. Max Heller muss auch einiges lernen, was den Umgang mit Frauen angeht. Er meint das ja alles nicht böse, aber er muss zum Beispiel lernen, dass man junge Frauen nicht mit Fräulein ansprechen sollte, zumindest, dass einige das nicht so gut finden. Die Entwicklung in der DDR stagnierte über viele Jahre, deswegen blieb da mehr Spielraum für den Kriminalfall.

Sie moralisieren auch kriminalistische Ermittlungsmethoden, indem Sie Heller abwägen lassen: Kann ich einen Lockvogel, eine unerfahrene Kollegin, in die Dresdner Nächte schicken, um die Verbrecher zu überführen.

Der Heller ist immer schon ein Gewissensmensch gewesen. Er überlegt immer hin und her. Er ist ständig damit konfrontiert, dass er Ermittlungsergebnisse bringen soll. So geht es allen Polizisten zu jeder Zeit. Er hadert mit veralteten Methoden, z. B. einen ganzen Kreis von Verdächtigen zu verhaften und dann zu hoffen, dass einer zusammenbricht, während die anderen alle unschuldig im Gefängnis sitzen. Im aktuellen Fall steht er einerseits unter Druck, diesen Täter endlich zu erwischen, andererseits will er nicht das Risiko eingehen, noch jemanden in Gefahr zu bringen – weil er ja letztendlich als Verantwortlicher geradestehen muss, nicht nur offiziell, sondern auch mit seinem Gewissen. Deswegen hadert er lange damit, diese junge Frau zu engagieren. Aber wir wollen mal nicht so viel von der Handlung verraten.

Wie kommt's, dass Max Heller, der keinesfalls in die SED will und der 1953 drauf und dran war, in den Westen zu gehen, auf einmal Avancen gemacht werden, Chef der Kripo in Dresden zu werden?

Man hat in meinen Roman schon viele Versuche gestartet, Max Heller dazu zu bewegen, der SED beizutreten. Das war nicht unbedingt ein Zwang oder ein Muss. Aber es war erwünscht, dass so ein fähiger Mann wie Max Heller nun endlich mal sagt: "Okay, ich mach jetzt mit". Nachdem er aber die ganzen Jahre so standhaft geblieben ist, versucht man es nun mit einer anderen Methode und holt ihn, ohne dass er SED-Mitglied ist, mit ins Boot. Dass man sagt: "Schaut doch mal her: er ist trotzdem einer von uns, auch wenn er eben nicht Parteimitglied ist." Was natürlich seine ganze Ablehnung ad absurdum führt, weil er unfreiwillig mit eingebunden wird und sich eigentlich gar nicht dagegen wehren kann.

Und es ist ganz sicher: Der siebte Fall, der – glaube ich – schon geschrieben ist, wird der letzte Fall von Max Heller, weil er dann in Rente geht?         

Ja, mir blutet schon das Herz. Ich habe auch mit dem Verlag schon geredet, wir könnten doch noch einen oder so ... Aber nein, es war von Anfang an so geplant, mit allen Buchhändlern so kommuniziert. Man soll ja eigentlich auch immer aufhören, wenn es am schönsten ist. Bevor ich mich dann vielleicht noch mit einem achten oder neunten und zehnten Fall quäle und die Leute vielleicht irgendwann sagen: "Jetzt ist das Thema aber aufgegessen." Dann lieber ein Ende mit Schrecken. Ich habe neue Pläne, neue Verträge, es steht ganz viel im Raum. Es gibt immer noch diese Idee, die uns vorschwebt, dass wir irgendwann – jetzt nicht gleich im nächsten und übernächsten Jahr – einen jungen Max Heller aufleben lassen. Dass man in der Vorgeschichte von Max Heller noch ein bisschen gräbt. In meinen Kopf ist schon ganz viel fix. Wir werden einfach sehen, wie sich das entwickelt. Jetzt ist es aber Fakt, dass wirklich im September dieses Jahres der siebte und letzte Max Heller erscheint.

Frank Goldammer
Frank Goldammer wurde 1975 in Dresden geboren und ist neben seiner Arbeit als Schriftsteller gerlernter Malermeister. Bildrechte: Christine Frenzl

Das Interview führte Andreas Berger für MDR Sachsen.

Informationen zum Buch Frank Goldammer: "Verlorene Engel"
Erschienen bei dtv premium
ISBN 978-3-423-26283-5
Preis: 16,90 Euro
400 Seiten

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03. Mai 2021 | 20:00 Uhr

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